Positive Bilanz der LIT:Potsdam

Mit einem Büchermarkt in der Schiffbauergasse und auf den Terrassen des Hans Otto Theaters ging gestern die vierte Ausgabe des Festivals LIT:Potsdam zu Ende. Die Veranstalter melden gute Auslastungszahlen: Insgesamt besuchten etwa 3.500 Gäste aller Generationen die rund 45 Lesungen, Vorträge, Diskussionen, Workshops und den Büchermarkt. „Writer in Residence“ war in diesem Jahr Daniel Kehlmann.

Daniel Kehlmann und Jörg Thadeusz (© Dirk Bleicher)

Bereits am 2. und 3. Juli ging das Literaturfestival auf literarische Landpartie ins brandenburgische Reckahn: In Schloss und Park lasen und diskutierten renommierte Autorinnen und Autoren über „Reformation und Leselust“ im Blick auf das Luther-Jubiläumsjahr 2017. Peter Sloterdijk beschrieb in seinem Eröffnungsvortrag, wie Luther die Bedeutung der Schrift aufgewertet und zum Grundbegriff erklärt habe, auf dem alles andere beruhe. So meine das protestantische cogito, dass an allem gezweifelt werden könne, außer daran, dass das Wort Gottes in schriftlicher Form unter uns sei. Schrift erst stifte Gegenwart des Sinns. Religion sei ein Pseudonym für Übung, Lesen und Wiederlesen. Das Gemüt des Gläubigen solle in den Zustand bedingungsloser Rezeptivität gelangen, Glauben und Lesen ein- und dasselbe werden. Der Protestantismus heute habe sich zu einer subtilen Klangform abgeklärt, deren Bitterstoffe ausgeschieden seien: In der Religion werde nicht mehr Erlösung, sondern Erleichterung gesucht.

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube beschrieb die Essenz des Protestantismus als Wendung hin zum Selbstlesen und Selbstdenken, eine Bewegung des Misstrauens gegenüber allen Vermittlungsinstanzen. Was heute vom Protestantismus bleibe, sei neben einem generalisierten Bildungsbegriff ein Konzept von Individualität, für das der Protestantismus „Anschubfinanzierung“ gewesen sei.

Das Literaturfestival in Potsdam widmete sich vom 7. bis 10. Juli den Themen Umwelt und Wissenschaft, Flucht und Vertreibung, Terrorismus und Krieg. Beim Pre-Opening diagnostizierte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber im Gespräch mit Bestsellerautorin Karen Duve, der Mensch sei heute zur dominierenden geologischen Kraft geworden. Er selbst könne das Klima zwar retten, fraglich sei jedoch, ob er es auch tun würde. In jedem Fall müssten die vielen Menschen mit individuellen systemkritischen Haltungen die Politiker unablässig daran erinnern, Entschlüsse auch durchzusetzen. Zum Thema Flucht und Vertreibung gab es ein bewegendes Gespräch mit Julia Franck, Uwe-Carsten Heye und Najem Wali über ihre Prägung durch ein Leben in der Flucht, den Verlust und Gewinn von Heimat. Über die historische Entwicklung von Recht und Gewalt und ihre Grenzen und Möglichkeiten in der heutigen Welt diskutierten der Jurist und ZEIT-Kolumnist Thomas Fischer und Politikwissenschaftler Herfried Münkler unter der Moderation von Denis Scheck.

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jacobs unterstrich: „Die politische Perspektive beschränkt sich bei LIT:potsdam nicht nur auf Lesungen, sondern Diskussionen und Gespräche sind ausdrücklich erwünscht. Dies wäre ganz im Sinne eines großen Künstlers, der vor fast hundert Jahren, nicht weit von hier geboren wurde: Peter Weiss. Seine knappe Aufforderung ‚Um die Wahrheit zu finden, muss man diskutieren‘ sollte eines der Leitmotive des Festivals sein. Der gesellschaftliche Anspruch von Literatur – die engagierte Präsentation politischer Themen – fällt in eine Zeit, die Reflexion bitter nötig hat. Europa ringt um seine Identität, die Flüchtlingskrise ist eine große Herausforderung. Auch mit den Mitteln der Literatur muss verhindert werden, dass nun die Stunde der Populisten schlägt, die Lufthoheit den Stammtischen überlassen wird. Wir können dieser Gefahr nur entgegentreten, indem wir selbst kritisch denken und lesen, und uns nicht den Stimmungen und Ängsten schwankender Meinung hingeben. Dieses Denken und Lesen und Hören ist anstrengend, aber auch lustvoll!“

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