Ratgeberverlage beraten in Stuttgart / Themen: Bestsellerliste, Backlist, Internet

Gestern begann in Stuttgart die erstmals auf zwei Tage angelegte Jahrestagung des Arbeitskreises der Ratgeberverlage (AkR) mit der bislang größten Teilnehmerzahl: 136 Interessenten folgen einem dichten Programm.

Matthias Ulmer (Sprecher des AkR) informierte über aktuelle Zahlen von Media Control für das Ratgeber-Segment und konstatierte für April und Mai stark rückläufige

Matthias Ulmer

Verkäufe: „Hoffentlich nur eine kurze konjunkturelle Delle“, so Ulmer. Gudrun Bolduan (Verlegerausschuss Börsenverein) berichtete vom kürzlich freigeschalteten Internetauftritt und kündigte eine Initiative für die größere Präsenz der Ratgeberverlage an.

Bolduan und Ulmer wiesen darauf hin, dass die kürzlich erzielte und schon wieder in Frage gestellte Einigung zur Übersetzervergütung für Belletristikverlage verhandelt wurde. Trotzdem können Musterverträge beim Börsenverein bezogen werden.

Günter Kopietz (Gräfe und Unzer) zeigte sich zufrieden mit der Einführung der Ratgeber-Bestsellerliste, wünscht sich aber, dass dieses Instrument künftig vom Handel noch besser genutzt werde. Nach dem Motto „Lieber Rendite retten als Paletten schleppen“ solle die Erfassung nach Menge oder nach Wert und eine Preisbegrenzung ab Euro 9,90 bedacht werden.

Die Kriterien zur Aufnahme in die Liste sollten diskutiert werden: Ob ratgebende Biographien oder Bücher wie „Secret“ auf die Ratgeber-Bestsellerliste gehörten, wird verschieden beurteilt. „Es ist wichtig, dass das Papstbuch zu uns gehört“, so Ulmer. Die fließenden Grenzen zwischen Ratgebern und Sach- und Fachbüchern werden weiter für Gesprächsstoff sorgen.

Die Finanzierung der Druckkosten für die Liste, die bislang von GU übernommen wurde, soll künftig von mehreren Verlagen geleistet werden. Zudem regte Kopietz eine Arbeitsgruppe für den effizienten Einsatz der Liste im Sortiment an.

Bei der Erfassung von Ratgeber-Backlistquoten gestand Ulmer Schwierigkeiten ein: Bestseller, die von den Novitäten zur Backlist wechseln, wirbelten die Zahlen durcheinander. „Wo Umsätze zurückgehen, erhöht sich die Backlist“, stellte Ulmer im Hinblick auf einzelne Ratgeber-Segmente fest, was aber nicht zwangsläufig eine Austrocknung der Genres bedeute.

Einmal mehr wurde auf die große Bedeutung der Backlist für die Ratgeberverlage hingewiesen, verbunden mit dem Appell an den Handel, dies stärker zu berücksichtigen. Weitere Themen waren die auf dieser Tagung eher belächelte Initiative für eine „Mindestbehaltefrist“ (Ratgebern werden schlechte Chancen für ein verbrieftes Bleiberecht im Buchhandel eingeräumt), die Problematik der evtl. kostensparenden Titelblatt-Remissionen sowie die der Preisreduktion bei Mängelexemplaren.

Daniel Tschentscher (TimeLabs) sorgte mit seinem Vortrag „Wie Online die Ratgeberwelt verändert“ für intensive Gespräche. Als digitaler Migrant kaufe Tschentscher keine Bücher mehr, sondern hole sich Rat aus dem Internet. Tschentscher geht davon aus, dass bislang getrennte Industrien zusammenwachsen werden, denn er könne keine inhaltsgetriebenen Geschäftsmodelle im Internet entdecken.

Im Gegenteil: User seien inzwischen bereit, für die Publikation eigener und hochwertiger, später frei zugänglicher Inhalte im Netz zu zahlen. Unter dem Motto „change or die“ präsentierte er Beispiele von Verlagen, die sich erfolgreich in Softwarekonzerne gewandelt hätten und forderte die Anwesenden auf, Inhalte auf ihren digitalen Mehrwert zu prüfen, mit anderen Informationen zu kombinieren und neue Technologien als Kernkompetenzen im eigenen Haus aufzubauen.

„Print“ sei nicht tot, meint Tschentscher, aber „Paid content“ sei passé. Bücher sollten als Cash Cow in einer Übergangsphase dazu dienen, digitale Projekte zu finanzieren. Z.B. um E-Books geht es in weiteren Beiträgen auf der Jahrestagung u.a. von Steffen Meier (Ulmer), Arne Schäffler (Droemer Knaur), Stephanie Mair-Huydts (MairDumont), Sigrid Lesch (Thieme), Ronald Schild (MVB) und Christian Sprang.

Nicola Bardola

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