Symposium des Arbeitskreises für Jugendliteratur auf der Leipziger Buchmesse: „Wir sind schon mittendrin in den neuen Entwicklungen“

„Mein erstes Pad war die Zaubertafel“ – mit diesen Worten eröffnete die Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V., Dr. Susanne Helene Becker, den vollbesetzten Saal 4 des Leipziger Congress-Centers am Messe-Samstag. „Wisch und weg? Literarisches Lernen in Zeiten medialen Wandels“ hieß die von Prof. Dr. Anja Ballis (Uni München) konzipierte und geleitete Tagung.

Heute wird gewischt, damals wurde gewischt. Die Älteren erinnern sich an diese magische Tafel aus Pappe: Man schrieb oder zeichnete etwas, zog an einer Schiebevorrichtung, und weg war’s. Jede Kindheit hat ihre eigenen Medien – was aber bedeutet der Einzug der „mediatisierten Lebenswelten“ in Schule und Alltag? Die einen warnen vor der „digitalen Demenz“ (wie der Gehirnforscher Manfred Spitzer), die anderen begrüßen euphorisch die neuen Möglichkeiten von Autonomie für Heranwachsende (wie der Medienpädagoge Stefan Auffenanger), abwägendere Geister sprechen von „digitaler Ambivalenz“ (wie Gerald Lembke, der sich als Betriebswirt mit den digitalen Medien beschäftigt).

Auch wenn sich für viele Kinder- und Jugendbuchverlage sowie im Buchhandel die erste Aufregung über die geschäftliche Relevanz digitaler Medien jenseits der E-Books vorläufig beruhigt haben dürfte – in den Lern- und Bildungsmedien tut sich eine ganze Menge. Und unsere Kinder und Jugendlichen verbringen immerhin die Hälfte ihres Tagesablaufs in der Schule. Inwieweit Kindergarten und Schule die oft bemühte Medienkompetenz wirklich herstellen können, mag man bezweifeln, da bei Jugendlichen die Virtuosität im Umgang mit digitalen Medien ja als reines Freizeitvergnügen bereits praktiziert wird.

Die beiden Literaturdidaktiker Prof. Dr. Kaspar Spinner (Uni Augsburg) und Prof. Dr. Julia Knopf (Uni Saarbrücken) machten in einem durchdachten Frage- und Antwortspiel einige wesentliche Kriterien klar, die für Apps, die derzeit fortgeschrittenste Form digitaler Medien, bedacht werden sollten:

1) Verleiten Apps zur passiven Rezeption und beeinträchtigen sie dadurch die Vorstellungskraft von Kindern?
2) Geht die Fähigkeit zur genauen Beobachtung verloren?
3) Bieten Apps gute Spracherfahrungen, berücksichtigen sie die ästhetische Dimension von Sprache?
4) Gerät die Sprache durch die Dominanz der Bilder (erst recht bei Ergänzung durch Effekte) ins Hintertreffen?
5) Spielt metaphorisches und symbolisches Verstehen überhaupt noch eine Rolle?
6) Beim Lesen von Texten kann man innere Entwicklungen literarischer Figuren nachvollziehen – ist dergleichen bei Apps möglich?
7) Werden größere Zusammenhänge nicht mehr erkannt, weil nur Häppchenkost verschlungen wird?
8) Findet das Gespräch über Bücher nicht mehr statt?
9)
Im Kern enthielten die keineswegs endgültigen Antworten folgende Hinweise:

• Die simple Umsetzung gedruckter Bilderbücher in blätterbare E-Books mit Vorlesefunktion und einfachen Effekten ist weder attraktiv noch nutzt sie die Möglichkeiten des Mediums.
• Zu viel Animation sowie Effekte, die mit dem eigentlich Ablauf der Handlung nichts zu tun haben, behindern konzentriertes Lesen.
• Digitale Medien sind kein Ersatz für die Zuwendung durch Erwachsenen und den gemeinsamen Genuss bzw. Nutzung.

Dass ästhetisch interessante Entwicklungen vermutlich vor allem außerhalb der Kinder- und Jugendbuchverlage stattfinden werden, zeigte die App „Monzters“, die in Vertretung für den erkrankten Künstler Kim Köster von dessen Kollege Max Preti von der Berliner Kreativgesellschaft Zentralnorden präsentiert wurde. Hier wurde nicht ein Buchinhalt ins Digitale übersetzt – hier wurde ein Originalstoff für das Tablet kreiert, den man so in einem gedruckten Buch gar nicht inszenieren könnte.

Die anschließende Podiumsdiskussion zeigte: Wir sind schon mittendrin in den neuen Entwicklungen, und die Dynamik des Marktes erfordert die schnelle Entwicklung von transparenten Qualitätsauszeichnungen bzw. Labels durch unabhängige und kompetente Stellen.

Ulrich Störiko-Blume

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