„Tasten, Töne und Tumulte“ – Vorstellung eines ungewöhnlichen Musik-Buches

Begleitet von Cello und Geige
des Monet Trios, führte
BR-Moderatorin Dorothea Hußlein das
Gespräch mit den beiden Autoren

Der Siedler Verlag hatte am Montagabend anlässlich des Erscheinens des Buches Tasten, Töne und Tumulte in die Münchner Seidlvilla geladen. Natürlich gab es Musik, ein Gläschen Wein, aber vor allem traf man die Autoren Benno Ure und Rainer Schmitz, die in jahrelanger Jäger- und Sammler-Arbeit alles zusammengetragen haben, „was Sie über Musik nicht wissen“.

Prof. Dr. Benno Ure gilt als einer führenden Kinderärzte unserer Zeit und ist hauptberuflich Leiter der Klinik für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Publizist Rainer Schmitz (früher bei Focus) hat bereits vor zehn Jahren unter dem Titel Was geschah mit Schillers Schädel? – Alles, was Sie über Literatur nicht wissen einen ungewöhnlichen Bestseller geschrieben.

Keine Sorge, dieses Buch ist nicht nach irgendeiner Bestseller-Formel zusammengeschrieben, es ist ein Werk echter Begeisterung. Entstanden aus einer Veranstaltungsreihe in Hannover, im Freundeskreis besprochen, zu dem auch Knaus-Verleger Wolfgang Ferchl gehört, bis eines Tages bei einer Silvesterwanderung der Beschluss reifte: Wir schreiben das. Es war dann auch Ferchl, der das Manuskript und die Autoren seinem Kollegen Jens Dehning empfahl, dem Programmleiter des Siedler Verlags. Auf dessen bange Frage, wie viele Bände es denn werden sollen, kam die Antwort: „Keine Sorge, wir sind fertig.“ Das Buch hat 1168 Seiten, wiegt 1327 g, enthält 1200 Texte und nennt 6000 Literaturstellen.

Wie kommt ein Kinderchirurg, dessen anstrengendes Arbeitsleben man nur ahnen kann, dazu, nebenher ein solches Mammutwerk zu schreiben? Leidenschaft, Disziplin und kein Fernsehen, lautet die Antwort des jugendlich wirkenden Autors (und natürlich die beflügelnde gemeinsame Arbeit mit Rainer Schmitz). Ure kommt viel herum in der Welt und nutzt das, um in Antiquariaten nach „vergessenen Noten“ zu suchen, die er dann in Hannover in einer Veranstaltungsreihe zur Aufführung bringt. „Musik und Medizin haben viel gemeinsam“, erklärt Ure, „Man muss präzise sein und mit Unerwartetem fertigwerden.“ Dann verrät er verschmitzt, zum Üben habe er keine Zeit und kein Talent, aber er könne vom Blatt spielen; jeden Morgen, nach dem Zeitungslesen und vor der Klinik, spielt er eine halbe Stunde Klavier.

Warum der „Teufelsgeiger“ Paganini erst 36 Jahre nach seinem Tod anständig begraben wurde, dass Paul Hindemith von einer ähnlichen Modelleisenbahn-Leidenschaft besessen war wie Horst Seehofer, wie 80-jährige Dirigenten sich Verträge mit einer Laufzeit von weiteren 25 Jahren sichern, wie Henri Casadesus jahrelang die Fachwelt hinters Licht führte, indem er das Adélaide Concerto für Violine als ein wiederentdecktes Stück von Mozart ausgab, aber auch wie unter unvorstellbaren Bedingungen Schostakowitschs 7. Sinfonie im belagerten Leningrad aufgeführt wurde – solche Schilderungen sind weit mehr als zum Schmunzeln gedachte Anekdoten für Klassik-Liebhaber, es ist ein Schatz an gut recherchierten und lebendig erzählten Geschichten über die Musik. So ist beispielsweise das acht Seiten umfassende Stichwort „Musik ist …“ eine Fundstelle für die schönsten und nachdenklichsten Gedanken, die sich kluge Menschen je über die Musik gemacht haben – bis hin zu solch schönen Sätzen wie der von Otto Schily, seinerzeit Bundesinnenminister: “Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.“

Ulrich Störiko-Blume

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