„Wilde Kerle, sanfte Helden“: Das Thema bei Kontrovers, der Debattenreihe über aktuelle Tendenzen in der Jugendliteratur

Andreas Seidler und Frank Griesheimer

Was sollen und was wollen Jungs lesen? Dazu hatten am Abend des 26. April die Literaturkritikerin Christine Knödler und Lektor Frank Griesheimer den Autor Florian Wacker sowie den Literaturwissenschaftler Dr. Andreas Seidler in die Münchner Stadtbibliothek im Gasteig eingeladen.

Wacker ist mit dem Roman Dahlenberger (Jacoby & Stuart) und dem Erzählungsband Albuquerque (Mairisch) bekanntgeworden und sagt über sich selbst: „Ich schreibe Prosa & Code.“ Andreas Seidler lehrt und forscht an der Universität zu Köln und ist zudem Mitarbeiter des Projekts „boys & books“.

Christine Knödler und Florian Wacker

Für den gut besuchten Abend hat die Münchner Stadtbibliothek eine Auswahlliste und einen Büchertisch zusammengestellt. Folgende Bücher wurden präsentiert und standen dann zur Debatte:

Bärenschwur von Ryan Gebhart (Aladin): Manche Großväter machen mit ihren Enkelsöhnen Dinge, die Väter nie tun, noch nicht einmal gutheißen würden. Hier geht es um die Jagd, mit allem, was dazugehört: schießen, treffen, ausweiden – und aufpassen, dass der Grizzly nicht kommt. Der kommt aber … Ja, es gibt sie noch, die archaische Jagd-Leidenschaft. Auf dem Hintergund dieses Abenteuers lassen sich sogar bisher verschwiegene Familiengeheimnisse verarbeiten.
Frank Griesheimer urteilte: „Ein Buch, das etwas wagt“. Denn der Großvater bekennt bei aller Härte der Mannbarkeitsrituale seine Angst, seine Schwäche und befreit sich und die ganze Familie von einer Lebenslüge.

Nerd Forever – Klassenfahrt in die Hölle von Manfred Theisen (cbt): Der dritte Band einer Paperback-Reihe, die gespickt mit bewusst hingeknödelten Krakelzeichnungen auf den speziellen Humor pubertierender Jungs gezielt sein dürfte. Der Autor hat in anderen Büchern bewiesen, dass er sich auch auf thematisch gewichtigere und textlich anspruchsvollere Bücher versteht (Täglich die Angst, Ohne Fehl und Makel – Ein Junge im Lebensborn-Heim, Checkpoint Europa: Flucht in ein neues Leben). Der offensichtliche Versuch, für die Leser von Gregs Tagebüchern eine ähnlich lockere, hierzulande angesiedelte Nerd-Geschichte anzubieten, scheint zwar einigermaßen erfolgreich zu sein, konnte aber keine Empfehlung gewinnen, da alle Diskutanten es als arg künstlich, offensichtlich anbiedernd und nicht wirklich komisch empfanden.

Goodbye Bellmont von Matthew Quick (dtv). Wer Basketball mag, wird an diesem Buch seine Freude haben. Wer Basketball nicht weiter kennt, wird merken, was für ein faszinierender Mannschaftsport das ist, der jeden einzelnen in einer ganz bestimmten Rolle fordert. Wer je verliebt war, wird bei dieser zarten ersten Liebe mitfiebern. Und darüber erschrecken, dass hinter den Kulissen einer von der irischen Mafia beherrschten trostlosen US-Stadt Gewalt, Mord und ein Schweigekartell herrschen. Da kann man nur das Weite suchen. Ein Roman, der den Autor Florian Wacker wegen seiner „schönen Zwischentöne“ begeistert hat, und weil der Junge Finley weder ein Anti-Held noch ein Supertyp ist. So hat das offenbar auch die Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises gesehen, die das Buch für 2016 nominiert hat.

In der anschließenden Diskussion konnte man gegensätzliche Positionen ausmachen: Der Leseforscher und Leseförderer Andreas Seidler hielt es bei männlichen Leseeinsteigern für geboten, auf die richtigen Muster und politische Korrektheit zu achten; es sollte knapp getextet und mit lockerem Schriftbild gearbeitet werden. Demgegenüber weigerte sich Florian Wacker, für Jungen anders zu schreiben als für Mädchen; er wolle einfach gute Geschichten liefern – und lesen. Da eingangs alle Podiumsteilnehmer über ihre eigenen ersten Lesererfahrungen berichtet hatten, die von Karl May über Jerry Cotton zu Konsalik, von Berte Bratt über Hermann Hesse zu Dostojewski führten, war man gegenüber dem Trivialen zwar tolerant, zugleich aber analytisch klar. Man dürfe die Jungen nicht „wie kleine Doofis“ behandeln, denn sonst reagieren sie so, wie sich Christine Knödler an ihre Kindheit erinnerte: „Wegen solcher blöden Texte hab ich doch nicht lesen gelernt!“
Ulrich Störiko-Blume

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