Campus-Verleger Thomas Carl Schwoerer wieder mit traditionellem Jahresbericht: Bessere Bündelung und Hoffnungen in der Krise

Thomas Carl Schwoerer

Diesen traditionellem Jahresbericht (einst von seinem Vater und Campus-Gründer Frank Schwoerer erfunden) hat Campus Verleger Thomas Carl Schwoerer auch in diesem Jahr an „Autoren-, Berater-, Gesellschafter-, Herausgeber- und MitarbeiterInnen“ geschrieben – und hier ist er für alle anderen nachzulesen.

Liebe Freunde,

in der bevorstehenden Rezession ist Schnelligkeit noch mehr gefragt als sonst. In der Hoffnung, der Krise auch etwas Gutes abzugewinnen, haben wir unseren Frühjahrstitel Der Crash des Kapitalismus des Ressortleiters Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung, Ulrich Schäfer, auf Ende November vorgezogen und zudem in letzter Minute gleich zwei Übersetzungen ins kommende Frühjahrsprogramm genommen, um deren zeitnahes Erscheinen mit den Originalausgaben sicherzustellen.

Eine davon ist Die neue Weltwirtschaftskrise des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Krugman. Uns hat die Nachricht auf der Frankfurter Buchmesse sehr gefreut, dass unser langjähriger Autor diesen Preis bekommt; zum Glück hatten wir seine fünf Bücher lieferbar gehalten. Krugman wurde schon lange als Kandidat gehandelt.

Sein amerikanischer Verleger antwortete vor zwei Jahren auf unsere Frage, wann es denn soweit sei, dass seine Kristallkugel zwar etwas vernebelt wäre, aber es innerhalb der nächsten sieben Jahre klappen müsste. Paul Krugman ist in seinen letzten beiden Büchern und Kolumnen dezidiert als Kritiker der Bush-Regierung in Erscheinung getreten, und vielleicht spielte gerade das, nicht zum ersten Mal, eine Rolle für die positive Entscheidung der Stockholmer.

Ebenfalls sehr gefreut – und im Berichtsjahr beschäftigt – hat uns der Auslieferungswechsel im Herbst, von unserem jahrzehntelangen Partner Brockhaus Commission zum Verlagsdienstleister HGV und der Sigloch Distribution. Seitdem liefern wir die vom Buchhandel bestellten Bücher gebündelt mit jenen von Fischer, Kiepenheuer & Witsch, Droemer und Rowohlt aus – ein großer Schritt in Richtung Kundenfreundlichkeit, weil es den Aufwand für den Kunden in Wareneingang und Buchhaltung erheblich verringert. Seit Oktober liegt die Bündelungsquote, also der Anteil der Bestellungen am Gesamtumsatz, die wir mit mindestens einem weiteren Verlag zusammen ausliefern, über 41%. Diese Quote ist umso höher zu bewerten, als wir notabene alle Neuerscheinungen ungebündelt ausliefern.

Über E-Books war während der Buchmesse viel zu lesen. Die Berichterstattung bezog sich auf die Lesegeräte, die nächstes Jahr mit deutschsprachigen Inhalten u.a. von uns starten. Bereits im Berichtsjahr haben wir die ersten Abschlüsse mit Firmen wie Haniel, EnBW und Volkswagen für ihre Mitarbeiterportale vereinbart, zum Abruf der E-Books und Audiobooks unserer Digitalen Bibliothek. Und zu unserer Freude zeichnet sich endlich ein Standard für die Honorierung von Autoren aus E-Book-Erlösen ab, frei nach dem Kurzdialog des von Ernst Jünger verehrten Rivarol mit seinem Verleger. Dieser sagte: „Ich hätte mich anständig gezeigt.“ Darauf Rivarol: „Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.“

Aus dem Wissenschaftssegment sei hervorgehoben, dass mit der Geschichte der Sexualwissenschaft das Opus magnum von Volker Sigusch erschienen ist, das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung, außerdem das imposante Handbuch Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945, herausgegeben von Roland Roth und Dieter Rucht. Besonders erfolgreich aus der jüngeren Backlist und begleitet von zahlreichen Presseauftritten ist weiterhin Michael Hartmann mit Eliten und Macht in Europa. Außerdem freuen wir uns über die neue Reihe „Interdisziplinäre Stadtforschung“ aus dem Forschungsschwerpunkt Stadtforschung der TU Darmstadt unter Federführung von Martina Löw und Helmuth Berking. Und schließlich hat unser langjähriger Verlagsleiter Wissenschaft, Adalbert Hepp, den Stab übergeben an Dr. Judith Wilke-Primavesi. Er bleibt dem Verlag aktiv verbunden.

Keynes erfährt ja rezessionsbedingt eine unerwartete Renaissance. Zutreffend schrieb er 1935 im “New Statesman”: “Publishing is a gambling business, kept alive by occasional windfalls.“ Unsere windfalls, also Umsatz-Renner des Jahres 2008 sind: Malik Führen, Leisten Leben, Sprenger Gut aufgestellt, Küstenmacher Simplify your day 2009, Kitz/Tusch Das Frustjobkillerbuch, Dalai Lama Führen, gestalten, bewegen, Fisher/Ury Das Harvard Konzept, Krugman Nach Bush, Westheimer Silver Sex, Simon Hidden Champions des 21. Jahrhundert, Reich Superkapitalismus, Malik Unternehmenspolitik und Corporate Governance, Buckingham Entdecken Sie Ihre Stärken jetzt!, Goldratt Das Ziel, Asgodom Raus aus der Komfortzone, rein in den Erfolg, Franz Ab heute alles anders, Doppler/Lauterburg, Change Managment, Bolles Durchstarten zum Traumjob, Horx Technolution, Püttjer/Schnierda Das große Bewerbungshandbuch, Schäfer Der Crash des Kapitalismus.

Die Besten nach Absatzzahlen: Küstenmacher Simplify your day 2009, Malik Führen, Leisten, Leben, Sprenger Gut aufgestellt, Kitz/Tusch Das Frustjobkillerbuch, Dalai Lama Führen, gestalten, bewegen, Westheimer Silver Sex, Fisher/Ury Das Harvard Konzept, Krugman Nach Bush, Püttjer/Schnierda Das große Bewerbungshandbuch, Asgodom Raus aus der Komfortzone, rein in den Erfolg, Franz Ab heute alles anders, Reich Superkapitalismus, Seiwert Wenn du es eilig hast, gehe langsam (Sonderausgabe), Schäfer Der Crash des Kapitalismus, Seiwert Wenn du es eilig hast, gehe langsam (Hörbuch).

Diese Renner schlagen sich nieder in den Marktanalysen der Gesellschaft für Konsumforschung: Im Segment Wirtschaft/Management sind wir demnach Marktführer, und bei Bewerbungsbüchern stehen wir an zweiter Stelle.

Wichtig dafür war wieder das schöne Medienecho: Die SZ hat Teenage von Jon Savage als „Ereignis“ bezeichnet und den Verlag für die Herausgabe gelobt. Spiegel Special, FAS, FAZ und FR haben das Buch prominent rezensiert. Paul Krugman wurde während seiner viertägigen Deutschland-Tour schon Monate vor Erhalt des Wirtschaftsnobelpreises in vielen Medien interviewt für Nach Bush, das groß in der Zeit (von Claus Leggewie) und SZ („Eine Offenbarung“) rezensiert wurde. Reinhard Sprenger bekam für Gut aufgestellt große Interviews und Rezensionen in Focus, SZ, FTD, FR, Manager Magazin, spiegel.de, taz.de und nzz.de („Sprengers Sprachwitz macht Freude.“). Ulrich Schäfers Der Crash des Kapitalismus wurde in der ARD Tagesschau und im ZDF heute journal eingeblendet und in stern.de, welt.de, SZ und Handelsblatt besprochen. Robert Reich erhielt für Superkapitalismus große Interviews und Rezensionen in Stern, SZ und Welt. Das Frustjobkillerbuch von Volker Kitz und Manuel Tusch schaffte es in diverse TV-Sendungen und wurde auf vielen Online-Portalen wie Bild.de, Spiegel Online, Focus Online und Brigitte.de diskutiert. Die 80-jährige, quicklebendige Ruth Westheimer trat bei Kerner und im Kölner Treff auf, und die FAZ brachte einen mehrseitigen Bericht über Silver Sex. Holm Friebe und Thomas Ramge bekamen für Marke Eigenbau große Interviews und Rezensionen in FAZ, Welt, Handelsblatt, FTD, taz und Berliner Zeitung, Markus Albers für Morgen komme ich später rein in Spiegel, FAZ, Welt und sz.de. Gwynne Dyer führte Interviews in der FTD und taz für Nach Irak und Afghanistan, aus dem die FAS einen halbseitigen Abdruck brachte. David Miller erhielt eine zweiseitige Rezension von Dieter Thomä („Pflichtlektüre“) für Grundsätze sozialer Gerechtigkeit in der FAZ und schaffte den Sprung auf die Bestsellerliste Philosophie. Petra Gehring bekam für Traum und Wirklichkeit große Rezensionen in Zeit und FR, Rebekka Habermas für Diebe vor Gericht in FR und NZZ, Margarete Dörr für Der Krieg hat uns geprägt in der Literarischen Welt und Zeit, und last, but not least Sighard Neckel für Flucht nach vorn in FR und FAZ sowie Interviews u.a. im Spiegel.

Dies war außerdem das sechste Jahr, in dem es Preise und Ehrungen bei Campus gab. Neben dem erwähnten Wirtschaftsnobelpreis für Paul Krugman gewann Uwe Jean Heuser den GetAbstract International Book Award für Humanomics. Marke Eigenbau von Holm Friebe und Thomas Ramge stand auf der Shortlist des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises. Simon Teuschers Erzähltes Recht. Lokale Herrschaft, Verschriftlichung und Traditionsbildung im Spätmittelalter gewann den Preis „Das historische Buch“ von H-Soz-u-Kult in der Schwerpunkt-Kategorie „Mittelalterliche Geschichte“. Martin Lückes Männlichkeit in Unordnung – Homosexualität und männliche Prostitution in Kaiserreich und Weimarer Republik erhielt den Hedwig-Hintze-Preis des Deutschen Hisorikerverbandes für hervorragende Dissertationen. Lothar Seiwert bekam das Campus-eigene Goldene Buch für 150.000 verkaufte Exemplare von Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Und Paul Krugman Nach Bush sowie Volkmar Sigusch Geschichte der Sexualwissenschaft standen auf der Sachbuch-Bestenliste der SZ.

Normalerweise sind Bücher, deren Positionierung und Titelfindung viel Mühe bereitet, zum späteren Scheitern verurteilt. Nicht so beim Frustjobkillerbuch von Volker Kitz und Manuel Tusch. Ursprünglich war das Projekt als Sachbuch vorgesehen; es ist dann zum Ratgeber mutiert. Bei der Titelfindung taten wir uns außerordentlich schwer, bis das Lektorat auf diesen Bandwurmtitel kam. Hausinterne Skeptiker wurden vertröstet mit dem Vorschlag, den Titel ausnahmsweise erst grafisch umsetzen zu lassen und anhand dieser Lösung endgültig zu entscheiden – was keine Frage war nach dem genialen Umschlagentwurf, der maßgeblich zum Verkaufserfolg des Buches beigetragen hat. Ein weiterer Beleg für Ionescos Beobachtung, dass wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.

Fürs Frühjahr 2009 freuen wir uns auf neue Werke der bekannten Autoren Malcolm Gladwell, Paul Krugman, George Akerlof/Robert Shiller, Steen Kittl/Christian Saehrendt, Robert Kaplan, John P. Kotter, Manfred Pohl, Heribert Meffert, Irene Becker, Marco von Münchhausen, Christian Püttjer/Uwe Schnierda und Christoph Butterwegge u.a.

Im Rahmen der Neujahrsumfrage des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel bin ich der Aufforderung nachgekommen, drei Wünsche zu nennen: dass unser Toptitel, der Nr. 1 New York Times-Bestseller Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht von Malcolm Gladwell, auch hierzulande unseren Erwartungen gemäß einschlägt; dass unsere Branche nur begrenzt von der Rezession in Mitleidenschaft gezogen wird; und dass der Afghanistan-Krieg endlich auf dem Verhandlungsweg beendet wird.

Ich danke den MitarbeiterInnen für ihr großes Engagement und Ihnen für Ihre beständige Mit- und Zusammenarbeit, wünsche uns selbige auch für die Zukunft und Ihnen, Ihren und unseren MitarbeiterInnen ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr.

Ihr

Thomas Carl Schwoerer

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