Campus Verleger Thomas Carl Schwoerer wieder mit traditionellem Jahresbericht / Mit 6 % plus gegen den Trend gewachsen / Mit kritischen und nachdenklichen Anmerkungen zur Branche

Diesen traditionellem Jahresbericht (einst von seinem Vater und Campus-Gründer erfunden) hat Campus Verleger Thomas Carl Schwoerer zur Jahreswende an „Autoren-, Berater-, Gesellschafter-, Herausgeber- und MitarbeiterInnen“ geschrieben – und hier ist er (mit seiner Erlaubnis) für alle anderen nachzulesen.

Bericht zum Jahresende 2004

Liebe Freunde,

der Boom der Billigbücher war 2004 das meistdiskutierte Thema in der Buchbranche. Der Süddeutschen Zeitung ist mit ihren gebundenen Belletristik-Lizenzausgaben zu

Thomas Carl Schwoerer

€ 4,90 ein Erfolg gelungen. Zwar betrug die durchschnittliche Verkaufsauflage von etwa 150.000 Exemplaren pro Titel „nur“ ein knappes Drittel der Reihe der italienischen Zeitung La Repubblica, die bereits 2002 damit startete und der SZ als Vorbild diente. Die SZ ist’s dennoch natürlich zufrieden und fand flugs Nachahmer in Gestalt einer Bild/Weltbild-Kooperation (mit der ersten Handelsmarke der Buchwelt) und – als Lexikon-Anbieter – der Zeit. Den lizenzgebenden Buchverlagen seien ihre Zusatzeinnahmen gegönnt.

Aber diese supergünstigen Ladenpreise könnten die Preissensibilität der Buchkäufer empfindlich stören. Der Preis ist bislang – neben dem Autorennamen – das wichtigste Signal für Qualität. Denn die Konsumenten sind heute weniger denn je in der Lage, die Qualität eines Produktes allein über dessen Optik oder Ausstattung zu bewerten. Für die Verlage (und Buchhandlungen) ist ein hinreichend hoher Preis zudem die zentrale Voraussetzung für ihre nachhaltige Ertragskraft und damit ihre Fähigkeit, die besten Leute zu beschäftigen und die Ideen ihrer Autoren bestmöglich zu verbreiten.

Für Campus ist das Jahr dessenungeachtet gut ausgegangen, wie unten ausgeführt. Wesentlich dafür war wieder das schöne Medienecho: Christiane Stengers Gedächtnistrainingbuch Warum fällt das Schaf vom Baum? bekam eine Titelgeschichte im Stern, Paul Krugmans Der Große Ausverkauf einen zweiseitigen Artikel im Spiegel, und Alain Ehrenbergs Das erschöpfte Selbst war der Star der Buchmessenbeilagen.

Umwerfend war auch die Presseresonanz auf Thomas Schulers Die Mohns, Rüdiger Jungbluths Die Oetkers und Jeremy Rifkins Der Europäische Traum. Rifkin wurde sogar als erster Campus-Autor ins Bundeskanzleramt eingeladen, um dort vorzutragen. Das schönste Kompliment hat uns allerdings die Financial Times Deutschland gemacht: „Um Inhalte geht es verstärkt wieder, und das ist die positive Nachricht dieses Herbstes. … Vorneweg läuft der Campus Verlag, der im Bereich des gesellschaftspolitisch relevanten Wirtschaftsbuchs die Konkurrenz abgehängt hat. Ob Jeremy Rifkin über eine Supermacht Europa spekuliert oder Tim Renner über die Zukunft der Musikindustrie – Campus beteiligt sich am Diskurs.“

Mit Renner führten wir erstmals eine Buchmessenlesung in einer Disco durch, zu der die Frankfurter Rundschau einlud mit den Worten „Pünktlich zu Popkomm, Buchmesse und der Verschrottung der majoreigenen MP3-Download-Plattform Phonoline ist Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm gerade beim ehrwürdigen Frankfurter Campus Verlag erschienen“.

Dies war außerdem das zweite Jahr, in dem es Preise und Ehrungen bei Campus hagelte: Thomas Ramge gewann den Wirtschaftsbuchpreis der Financial Times Deutschland für Die Flicks in der Kategorie „beste Wirtschaftsbiografie des Jahres“. Len Fisher hat für die Originalausgabe seiner Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis den Science Writing Award des American Institute of Physics bekommen. Michael Mann erhielt den Preis „Das politische Buch“ 2004 der Friedrich-Ebert-Stiftung für Die ohnmächtige Supermacht. Eine Jury aus 37 renommierten Historikerinnen und Historikern hat auf Initiative der Mailing-Liste H-Soz-u-Kult den von Heinz-Gerhard Haupt und Dieter Langewiesche herausgegebenen Band Nation und Religion in der deutschen Geschichte mit dem Preis für „Das Historische Buch – Themenschwerpunkt 2004: Religion und Gesellschaft“ prämiert. Christine Wimbauer erhielt für Geld und Liebe den Dissertations-Preis 2004 der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Peter Borscheids Das Tempo-Virus hat vom Geschichtsmagazin Damals den dritten Preis erhalten bei der Wahl der Bücher des Jahres in der Kategorie „Innovation/Provokation“. Und auf Initiative von Bild der Wissenschaft hat eine hochkarätige Jury Café Andromeda von Sylvia Englert und Stefan Jäger den dritten Platz verliehen bei der Wahl zum besten Wissenschaftsbuch des Jahres in der Kategorie „Bücher für junge Leser“. Das alles verdient vielleicht ein kleines Ausrufezeichen (auf Spanisch signo de admiración, wörtlich hübsch zu übersetzen mit „Zeichen der Bewunderung“).

Passend dazu haben wir uns mit einem Umsatzwachstum im Buchhandel von 6 % gegenüber dem Vorjahr und schwarzen Zahlen wieder klar gegen den Branchentrend behauptet: Durch den in diesem Ausmaß unerwarteten Erfolg unserer Novitäten konnten wir die Umsatzlücke mehr als schließen, mit der wir nach dem letztjährigen Erscheinen unserer hochpreisigen Enzyklopädie Campus Management gerechnet hatten. Der Erfolg von Tiki Küstenmachers Simplify your life, der bald drei (!) Jahre lang durchgehend auf der Spiegel-Bestsellerliste steht, hat generell unsere Position im Buchhandel gefördert und zu einem höheren Verkauf auch unserer anderen Bücher geführt.

Das schlägt sich nieder in den Marktanalysen der Gesellschaft für Konsumentenforschung: In den Segmenten Ratgeber und Sach-Hörbuch sind wir demnach Marktführer, bei Bewerbungs- und Wirtschaftsbüchern stehen wir an zweiter Stelle, und in Politik und Gesellschaft gehören wir zu den ersten fünf. Im übrigen waren wir weiterhin kontinuierlich mit einem Drittel der Bücher auf der Bestsellerliste der Wirtschaftswoche vertreten. Die Renner, also die Umsatzgewinner 2004 waren: Küstenmacher Simplify your life, Rifkin Der Europäische Traum, Sprenger Die Entscheidung liegt bei dir!, Küstenmacher Simplify-Tageskalender, Küstenmacher Simplify-Hörbuch, Schuler Die Mohns, Münchhausen Wo die Seele auftankt, Fisher/Ury Das Harvard-Konzept, Jungbluth Die Oetkers, Beck Enjoy your life, Ramge Die Flicks, Thurow Die Zukunft der Weltwirtschaft, Küstenmacher Simplify your life – Endlich mehr Zeit haben, Doppler/Lauterburg Change Management, Küstenmacher Simplify your life – Mit Kindern einfacher und glücklicher leben, Becker/Meyer-Kles Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst, Küstenmacher Simplify your life – Die Weihnachtsfreude wiederfinden, Goldratt Das Ziel, Münchhausen So zähmen Sie Ihren inneren Schweinehund!, Simon Think! – Strategische Unternehmensführung statt Kurzfrist-Denke, Renner Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm! Die Besten nach Absatzzahlen: Küstenmacher Simplify your life, Küstenmacher Simplify-Tageskalender, Küstenmacher Simplify-Hörbuch, Küstenmacher Simplify your life – Endlich mehr Zeit haben, Sprenger Die Entscheidung liegt bei dir!, Rifkin Der Europäische Traum, Küstenmacher Simplify your life – Mit Kindern einfacher und glücklicher leben, Küstenmacher Simplify your life – Die Weihnachtsfreude wiederfinden, Münchhausen Wo die Seele auftankt, Beck Enjoy your life, Schuler Die Mohns, Fisher/Ury Das Harvard-Konzept, Becker/Meyer-Kles Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst, Jungbluth Die Oetkers, Küstenmacher Der Simplify-Familienplaner, Ramge Die Flicks, Thurow Die Zukunft der Weltwirtschaft, Stenger Warum fällt das Schaf vom Baum?, Münchhausen So zähmen Sie Ihren inneren Schweinehund!, Sprenger Entscheidung-Hörbuch. Für mich war das mäßige Abschneiden von Multitude von Michael Hardt und Antonio Negri die Enttäuschung des Jahres. Nach dem Erfolg ihres Bestsellers Empire hatte ein großer Münchner Verlag der amerikanischen Agentin einen viel zu hohen Vorschuss für Multitude angeboten. Das war nicht zuletzt eine Antwort auf Naomi Kleins Wechsel zu uns, nach dem Motto „Don’t get mad, get even.“

In der Hoffnung, dass das Manuskript den hochgesteckten Erwartungen genügen werde, habe ich den Vorschuss erhöht (der damit immer noch deutlich unter denen der britischen und italienischen Kollegen lag). Ich hätte besser daran getan, dieses Sandkastenspiel nicht mitzumachen, die Autoren ziehen und den lieben Mitbewerber die Folgen seines Tuns ausbaden zu lassen. Der abzuschreibende Vorschuss wurde auf dem Konto „Lehrgeld“ verbucht.

Wenn wir schon bei solchen eher melancholischen Themen sind: Mich hat irritiert, wieviele relativ junge Verlagsleute im Jahre 2004 aus dem Leben gerissen wurden, und zwar überwiegend während oder unmittelbar nach dem Sommerurlaub. An erster Stelle sei der kaufmännische und verlegerische Geschäftsführer der Beltz Verlage Joachim Radmer genannt; sodann der Heymanns-Verleger Bertram Gallus, der Verleger Ferdinand Schöningh und der frühere Lektor und Inhaber des Lehrstuhls für Buchwissenschaft und Buchwirtschaft an der Universität Leipzig Dietrich Kerlen.

Aufbauend hingegen ist die von Britta Kroker und Andreas Horn initiierte Gründung und Entwicklung unserer vier abteilungsübergreifenden Produkt-Marketing-Teams. Diese arbeiten intensiv an der Stärkung des jeweiligen Programmsegments und übernehmen Verantwortung auch in strategischer Hinsicht. Schon in ihrem ersten Jahr haben sie den Verlag in puncto besserer Kommunikation und Zusammenarbeit nach vorne gebracht. Auch unser englischsprachiger Arm in Kooperation mit Cyan Books lässt sich gut an. Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen, an ihrer Spitze Dieter Brandes Bare Essentials. The Aldi Way to Retail Success. Die wichtigsten neuen Übersetzungen (soweit nicht schon im Frühjahrsprogramm 2005 angezeigt) sind: Barrow Infinity, Barwise/Sean Simply Better, Berman Strange Universe, Connif The Ape in the Corner Office, Dweck The Mindset Mystery, Fisher Weighing the Soul, Gladwell Blink, Hawkins Intelligence, Lewine Death and the Sun, Smit The Dasslers, Walter Six Traits.

Ich danke den MitarbeiterInnen für ihr heftiges Engagement und Ihnen für Ihre beständige Mit- und Zusammenarbeit, wünsche uns selbige auch für die Zukunft und Ihnen, Ihren und unseren MitarbeiterInnen ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr – für Campus das 30. Jahr unseres Bestehens.

Ihr Thomas Carl Schwoerer Kontakt: www.campus.de

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