Das Sonntagsgespräch von Gerhard Beckmann mit Karl Stutz darüber, wie sich in schwierigen Zeiten ein kleiner Verlag behaupten kann

Karl Stutz, geboren 1954 im Bayerischen Wald, hat nach der Mittleren Reife

Karl Stutz

Buchhändler gelernt und 1980 den gleichnamigen Verlag gegründet, mit dem er für die berühmt-berüchtigte Passauer Kabarettszene um Sigi Zimmerschied und Rudolf Klaffenböck, aus der auch Otfried Fischer und Bruno Jonas kommen, eine wichtige Rolle spielte.

BECKMANN: In Deutschland hat der klassische Verleger sich gern irgendwie als Genie gesehen und feiern lassen – als Kulturstifter sozusagen. Diese “Rolle“ wird heutzutage oft gerade von Verlegern unabhängiger kleiner Häuser beansprucht, bzw. sie wird ihnen oft von der Kulturpublizistik zugeschrieben. Sie, Herr Stutz, haben vor nun 28 Jahren Ihren Verlag ins Leben gerufen und sind bald darauf, u.a. mit Werken von Anna Rosmus und Norman Jefferes, als leuchtendes Beispiel eines literarisch, kulturell und wissenschaftlich engagierten Kleinverlegers bekannt geworden, Sie haben mit Ihren Programmen wie wirtschaftlich Höhen und Tiefen erlebt, sind sich jedoch stets treu geblieben, heute ist der Karl Stutz Verlag wieder sehr gut aufgestellt. Wie sehen Sie sich selbst als Verleger?
STUTZ: „Verleger“ ist für mich jemand, der mit Autoren Bücher macht, der die Bücher sozusagen organisiert: vom Lektorat über die Herstellung bis zum Verkauf. Das ist keine Frage von „Genie“, allenfalls von kommunikativem Talent – altmodisch ausgedrückt: Er hat eine dienende Funktion. Gut aufgestellt ist ein Verlag, wenn er gute, einfallsreiche Autoren hat und halten kann. Wenn immer wieder neue dazu kommen, weil die Bücher wirken, eine Ausstrahlung haben und wahrgenommen werden. Dabei spielt manchmal auch der Zufall mit. So ist beispielsweise meine Anthologie der ukrainischen Gegenwartsliteratur ( „Zweiter Anlauf“) durch die politischen Ereignisse gefördert worden.

BECKMANN: Ein „kommunikatives Talent“ müsse der Verleger haben, sagen Sie. Welche Bedeutung haben denn „Gespräche“ heute?
STUTZ: So wie ich es sehe – und hoffentlich auch richtig praktiziere -, bedeutet Verleger sein: in einem nie endenden Gespräch stehen mit Autoren, in einem möglichst großen künstlerisch aufgeschlossenen, geistig wachen Kreis von Freunden und Bekannten, mit Buchhändlern, Journalisten, jeder Art von Förderern der Kultur, und mit Lesern.

BECKMANN: Sie haben keine Handelsvertreter…
STUTZ: Dafür wäre mein Verlag – bei einem Jahresumsatz von gegenwärtig rund 300.000 Euro – einfach zu klein, ein bis zwei eigene Vertreter könnte er nicht tragen, und man hat mich bisher nicht davon überzeugen können, dass meine Autoren und Büchern im Huckepack von Vertretern, die für andere, größere Verlage reisen, hinreichend mehr Käufer finden würden.

BECKMANN: Sie machen Ihren Vertrieb also selbst, und ganz allein Wie geht das? Vom Schreibtisch aus…
STUTZ: Ich reise selber, wann immer ich kann. Auch, weil ich das persönliche Gespräch mit Sortimenterinnen und Sortimentern brauche und schätze, und dabei viel lerne. Und ein Hauptinstrument meiner Vertriebsarbeit sind Lesungen, vor allem mit Buchhandlungen und Büchereien. Das ist zwar sehr zeitaufwendig und durchaus anstrengend. Aber auch vom unmittelbaren Kontakt mit Lesern und Kulturverantwortlichen vor Ort kann ein Verleger ungemein profitieren. So sind immer wieder auch neue Projekte und Initiativen entstanden.

BECKMANN: Das klingt ganz so, als ob sie sehr regional arbeiten.
STUTZ: Natürlich, meine Region ist für die Verlagsarbeit äußerst wichtig, ideell wie ökonomisch. So ist es zur „Passauer Musikgeschichte“ gekommen – ein für unsere Region aufschlussreiches, zentrales Thema; denn Passau gehört zu den wenigen deutschen Bischofssitzen und Domstädten, in denen – seit über tausend Jahren – noch heute eine lebendige Musikpflege getrieben wird. Das Buch ist darüber hinaus für ein konstruktives Verständnis aufschlussreich, was das Besondere der Region ausmacht, nicht Enge nämlich, nicht eine ängstliche Konzentration auf sogenannt „Heimisches“, sondern Offenheit für kulturelle Einflüsse von außen, die für Passau immer mit entscheidend waren. Also für Einflüsse aus Österreich und aus Böhmen, mit denen Passau allein geographie- und wirtschaftsbedingt seit jeher eng verbunden gewesen ist.

BECKMANN: Für sie hat der Begriff der Region also einen sehr weiten Sinn…
STUTZ: „Region“, das bedeutet für mich: Meine Stadt mit ihrem ganzen Einflussbereich, also: Passau – Bayern –Österreich-Tschechien-Ungarn. Nehmen Sie als ein Beispiel den Barockkomponisten Georg Muffat: Ein Elsässer mit schottischen Wurzeln, der in Frankreich und in Italien ausgebildet wurde, lange Zeit in Salzburg gearbeitet hat und dann als Hofkapellmeister des Fürstbischofs in Passau wieder weit über diese Stadt und Region hinaus wirkte. So hat denn auch das von Joseph Schmitz herausgegebene, bei mir erschienene Werk über Muffat sogar eine zweite Auflage erlebt, weil es nicht nur für die Region und nicht einmal nur für Deutschland von hohem Interesse ist. Es hat bis nach Amerika hin großes Interesse gefunden.

BECKMANN: Ein literarisches Beispiel dieser Art scheinen mir die Romane und Erzählungen Karel Klostermanns zu bieten, die für Ihren Verlag zu einer Art Bank geworden sind. Nicht zuletzt mit Hilfe zahlreicher Lesungen und Veranstaltungen in ganz Bayern, Österreich und Tschechien.
STUTZ: Klostermann ist für mich ein Glücksfall gewesen. Er hat in Deutsch und in Tschechisch geschrieben, über eine Gegend vor unserer Haustür, über den Böhmerwald. Und Klostermann hat sich sehr für eine Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen eingesetzt. Was zu seiner Zeit alles andere als selbstverständlich war. Das hat freilich mit seiner Biographie zu tun. Er wurde als Deutscher geboren und am Ende seines Lebens – „durch die Umstände“, wie er selber sagte – Tscheche geworden. Sein erstes Buch hat er auf Deutsch veröffentlicht, die folgenden Romane und Erzählungen auf Tschechisch, während er – gleichzeitig – für eine deutschsprachige Prager Zeitung schrieb.

BECKMANN: Und wurde danach vergessen, in Deutschland wie in Tschechien, oder?
STUTZ: Und als vor zehn Jahren Klostermanns 150. Geburtstag anstand, wurde der noch eher in Bayern als in Tschechien gefeiert. Diese Feiern wiederum haben dazu geführt, dass dort nun sein 160. Geburtstag wirklich groß gefeiert wird: mit einer Sonderbriefmarke, und zahlreichen Ausstellungen. Die deutsche Klostermann-Renaissance hat also auf Tschechien rückgewirkt. Und die deutsche Klostermann-Rezeption ist schon erstaunlich gewesen, ebenso die Erfolge eines nun wirklich sehr kleinen Verlags mit diesem zuvor hier zu Lande unbekannten Schriftsteller. Seine zur Zeit bei mir lieferbaren sechs Titel haben Verkaufsauflagen bis zu 5.000 Exemplaren erreicht, und ich habe noch weitere in petto.

BECKMANN: Wie kann es zu solchen Auflagen kommen? Ohne Vertreter, ohne Vertriebsapparat?
STUTZ: Nicht zuletzt dank der vorzüglichen deutschen Barsortimente (vor allem de in Köln und Stuttgart). Und mit einer auch dank ihrer Tätigkeit stetig wachsenden Klostermann-Gemeinde im Rücken. So gibt es beispielsweise auch in Sachsen und Thüringen heute eine Menge Böhmerwald-Kenner

BECKMANN: Dennoch: Ihre eigene „Vertriebsarbeit“ inklusive der so wichtigen Lesungen und Veranstaltungen sind doch hauptsächlich „regional“. Wie…
STUTZ: Zahlenmäßig betrachtet, gewiss. Vom Gewicht her freilich keineswegs immer. So finden gerade internationale Titel meines Verlagsprogramms durch Lesungen und auf Veranstaltungen in ganz Deutschland oder Österreich erstaunliche Beachtung – so zum Beispiel der in meinem Verlag erstmals auf Deutsch erschienene Jugendroman des englischen Romantikers Percy Bysshe Shelley vergangene Woche in der „langen Nacht der Wissenschaften an der Berliner FU. Dieser „Zastrozzi“ von Shelley, der die geographische Verschiebung des Schauerromans von Italiens nach Mittel- und Osteuropa einleitete, spielt kurioserweise weitgehend in Passau und ist von Studenten an der FU übersetzt worden – Regionalismus….

BECKMANN: Der Stutz Verlag hat überhaupt viele ausländische Autoren im Programm, Sie selbst sind enorm belesen und in ungewöhnlicher Weise mit internationaler Literatur vertraut, insbesondere mit mittel- und osteuropäischen Literaturen.
STUTZ: Nach 1989 hat der Horizont sich ja nicht nur politisch erweitert. Ganz abgesehen davon, dass für mich persönlich der Begriff „1968)“ in erster Linie mit Alexander Dubcek und dem Prager Frühling verbunden ist. Meine Beziehungen nach Böhmen, Rumänien, Polen und zur Ukraine sind vielfältiger Art. Ich stehe diesen Ländern, ihren Menschen und ihren Kulturen nahe. Ich sehe es als meine persönliche Aufgabe an, dazu beizutragen, ihnen hier zu Lande Freunde, Liebhaber und Verständnis zu verschaffen. Und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist die Literatur dieser Länder bei uns noch so gut wie unbekannt, obwohl sie großartige, wunderbare Autoren und Werke hat, die auch wir eigentlich kennen sollten. Manchmal habe ich mir öffentlich die Frage gestellt, ob der Roman „Ulysses“ von James Joyce bei uns diesen Rang und Ruf hätte, falls er auf bulgarisch geschrieben worden wäre – und was hätten wir dann wohl verloren!

BECKMANN: Wie können Sie ja nicht nur diese Literaturen eigentlich verfolgen, bei Ihrer verlegerischen Arbeit von vierzehn bis sechzehn Stunden täglich, Sie bringen hetzt jährlich bis zu zwanzig Novitäten heraus, sind zugleich Lektor, Hersteller, Vertriebsleiter, Ihr eigener Pressemann und schreiben selbst die Rechnungen selber?
STUTZ: Ich lese eben leidenschaftlich gern und viel, Literatur und Wissenschaft. Außerdem;: Ohne das wäre ich zu den Gesprächen mit Autoren und den andern doch gar nicht imstande. Und natürlich – sehr vieles erfahre und lerne ich in Gesprächen mit Freunden. Etwa mit Manfred Pfister, Alois Woldan, Manfred Hintz oder Michael Titzmann., und vielen anderen.. Allesamt Professoren und Autoren oder Herausgeber von Büchern, sie geben Anregungen,. sie stoßen an, sie entwickeln Ideen, und dann ist es meine Aufgabe, sie umzusetzen. Und ich glaube, dass sie ihre Ideen oft auch entwickeln und verfolgen, weil sie darauf vertrauen, der verrückte Stutz wird es schon schaffen, der kriegt es irgendwie hin, daraus einen Cocktail zu machen.

BECKMANN: Aber, nochmals, wie finden solche Bücher dann Leser? Wie von den meisten Kleinverlagen kommt ja auch von Ihrem Verlagen praktisch weder Händler- noch Publikumswerbung, oder?
STUTZ: Hier spielt die Presse eine entscheidende Rolle. Und an dieser Stelle muss ich ganz laut und deutlich sagen: In das allgemeine Wehklagen von Verlagen über eine Wirkungslosigkeit unserer Feuilletons und Literaturseiten kann ich nicht einstimmen. Da mache ich ganz andere Erfahrungen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Bücher meines Verlages auf Grund ihrer Besonderheit dazu führen, dass die Besprechungen einen hohen Informations- und Wertgehalt haben – etwas, auf das, wie wir inzwischen wissen, die Leser heute zunehmend ansprechen.

BECKMANN: Man hört aber doch immer wieder, dass Rezensionen sich kaum mehr oder gar nicht auf den Verkauf eines Titels auswirken. Könnten Sie konkrete Gegenbeispiele nennen?
STUTZ: Ich bin keineswegs der Meinung, dass man die Qualität und Bedeutung einer Rezension nur an Verkaufsergebnissen messen darf und kann.. Es ist ganz wichtig, dass sie in sich eine interessante Lektüre bietet und Teil eines öffentlichen Gesprächs über Literatur und Wissenschaft bildet – dass sie Bücher überhaupt öffentlich ins Gespräch bringt. Andererseits freue ich mich natürlich ganz besonders, wenn Besprechungen einem Autor und seinem Buch auch Leser bringt.

BECKMANN: Ich bitte Sie darum, hier Farbe zu bekenne….
STUTZ: Also gut, ein paar Gegenbeispiele zur offenbar vorherrschenden Verlagsmeinung Aus meinem Verlag waren es dieses Jahr „Die Ruinen von Paris“, eine Erstveröffentlichung aus dem Werk des bei uns noch unbekannten, führenden franzözischen Lyrikers Réda. Die FAZ empfahl es mit einer ausführlichen Begründung als Buch, das in keiner Bibliothek mit französischer Literatur fehlen darf – eine Empfehlung, die allein 300 Exemplare verkaufte.

Oder. In einem ausführlichen, kenntnisreichen Beitrag auf der Litreraturseite der Süddeutschen wurde der schon erwähnte „Zastrozzi“ von Shelley als literarhistorisch bedeutsamer „schaurig schöner Schund“ gerühmt – worauf auch von diesem Roman an die dreihundert Exemplare Käufer und Leser fanden.

Oder: Die erste Auflage der Monographie über John Dowland, den großen englischen Komponisten und Madrigalisten des 16. Jahrhunderts war nach zwei guten Rezensionen – in der FAZ und in der „Schweizer Musikzeitung“ vergriffen.

Ähnlich könnte es nach einer sehr langen, gründlichen Rezension in der FAZ vom letzten Montag dem frühspanischen Werk Juan Manuels „Der Graf von Lucanor` in der von dem Romanisten Manfred Hinz herausgegebenen und komplettierten großatigen Übersetzung Joseph von Eichendorffs ergehen.

Und zuguterletzt, aber das muss dann genügen: Elke Schmitters Bericht im „Spiegel“ über die (vollständigen) Tagebücher F. von Reventlows löste im Handumdrehen einen Verkauf von über siebenhundert Exemplaren aus.

So berechtigt Kritik an der Eigenart einzelner Rezensionen auch immer wieder sein mögen: Vor einer pauschalen Diffamierung unserer Feuilletons als „wirkungslos“ ist zu warnen. Ich denke, dass gerade Kollegen von anderen Kleinverlagen mir da beipflichten. Und ich könnte mir vorstellen, dass wir Kleinverleger die tatsächlichen Effekte von Rezensionen besser zu überprüfen vermögen als Großverlage.

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