Mail an buchmarkt.de zum Sonntagsgespräch mit Michael Justus

Karsten Stiller, Bibliothekar an der MLU Halle (Foto), schreibt zum Gespräch vom Sonntag [mehr…]:

Ich möchte Herrn Justus einen Rat geben: Er sollte Kontakt mit Toni Weisskopfaufnehmen, der Verlagschefin des amerikanischen Verlages Baen Publishing. Dieser Verlag ist inzwischen im 10. Jahr im ebook-Geschäft tätig – und das äußerst erfolgreich. Möglicherweise könnte er dort hilfreiche Tips und Anregungen bekommen. Denn eines steht – für mich jedenfalls – fest: ebooks, die so teuer sind wie die gebundenen Ausgaben derselben Bücher, brauchen gar nicht erst angeboten zu werden. Die wird nämlich NIEMAND kaufen. Das gilt um so mehr, wenn diese ebooks dann auch noch (wie leider zu befürchten) drm-verseucht sind.

Das ebooks den Absatz gebundener Bücher schmälern, wie von ihm behauptet, läßt sich ebenfalls widerlegen: Auch hier ist Baen Publishing das beste Beispiel; denn würden sie ihre gebundenen Ausgaben nicht in ausreichender Menge absetzen können, würden sie das Geschäft mit ebooks einstellen. Schließlich macht niemand gern Verluste; schon gar nicht ein Verlag, der sich auf dem so hart umkämpften amerikanischen Buchmarkt behaupten muß. Baen geht sogar soweit, über 100 seiner auch in Papierform lieferbaren Titel kostenlos als ebooks zu vertreiben www.baen.com/library.

Ein anderes Beispiel, welches belegt, daß Herrn Justus‘ Befürchtungen zumindest

Karsten Stiller

übertrieben sind, findet sich in einem berühmten Artikel (von 2002) der Grammy-gekrönten Musikerin Jannis Ian mit dem Titel „Das Internet-Debakel“. In dem Artikel geht es zwar (natürlich) hauptsächlich um Musik, aber an einer Stelle darin ist folgendes zu lesen:

QUOTE… Oder nehmen Sie die Autorin Mercedes Lackey, die ganze Regale in Buchhandlungen und Büchereien belegt. Sie sagte selbst: In den letzten zehn Jahren haben meine drei Arrow-Bücher, die bei DAW vor etwa 15 Jahren veröffentlicht wurden, einen netten, stetigen Tantiemenscheck produziert. Ein vernünftiger Betrag, für 15 Jahre alte Bücher. Allerdings… ich habe gerade die erste Hälfte meiner DAW-Tantiemen bekommen… und plötzlich, wie aus dem nichts, bringt mir jedes der Arrows-Bücher das Dreifache des normalen Betrages ein!… Und weil diese Bücher nie vergriffen waren, und immer zusammen mit dem Rest des Verlagsprogrammes beworben wurden, war das einzig wirklich Andere, das in dieser Zahlungsperiode passiert ist, etwas bei Baen, einem meiner anderen Verlage. Das war, daß mein Ko-Autor Eric Flint die ersten meiner Baen-Bücher auf die kostenlose Baen Free Library-Seite stellte. Weil ich spürbar mehr Bücher bei DAW als bei Baen habe, zeigte sich die Steigerung zuerst bei DAW. Es gibt eigentlich eine Steigerung bei allen Büchern nach dieser Sache. Es sieht genau so aus, wie ich es erwarten würde, wenn eine stetige Anzahl Leute, die meine Sachen nie gelesen haben, sie in der Free Library entdeckten – ein bestimmter Anteil unter ihnen mochte es, und begann, sich durch meine früheren Werke zu arbeiten, beginnend mit den am frühsten veröffentlichten Büchern. Das wirklich interessante daran ist, natürlich, daß das keine Baen-Bücher sind, sondern von DAW, einem anderen Verlag; es ist also Autorentreue anstatt Markentreue. Ich sag‘ Dir was, ich habe mich verkauft. Frei funktioniert wirklich./QUOTE
(Quelle: http://www.dingo.saar.de/Internet_Debakel/)

Karsten Stiller,
Bibliothekar an der MLU Halle

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