Werkstatt-Bericht zu Gemalte Tiere aus dem Herbstprogramm von Schirmer/Mosel „Eine Augenweide im wahrsten Sinne des Wortes, dazu ein Reiseführer in die Weltgeschichte der menschlichen Beziehungen zu großen und kleinen Tieren“

Lothar Schirmers Vision ist es, der Buchhandel möge das Kunstbuch wieder entdecken. Dafür bringt er im Herbstprogramm seines Verlages mit Gemalte Tiere ein ganz besonderes Buch, das auf die Herzen der Buchhändler und ihrer Kunden zielt. In  einer neuen Folge unserer „Werkstattberichte“ begründet der Schirmer/Mosel -Verleger heute seine Begeisterung für Gemalte Tiere und erzählt die Entwicklungsgeschichte dieses Projektes, das Meisterwerke der Malkunst aus sechs Jahrhunderten versammelt:

Lothar Schirmer: „Was lag also näher als das Buch zum Katalog einer imaginären Museumsausstellung auszubauen. So wurde es eine Kunstgeschichte, eine Naturgeschichte, ein Tierbuch, ein Augenschmaus und ein Lesevergnügen für Kinder und Erwachsene jeden Alters. Vielleicht wird sogar noch ein Theaterstück draus“ (c) Arne Wesenberg

Auslöser war ein riesiges Ölbild, drei Meter hoch und viereinhalb Meter breit, es hing im Staatlichen Kunstmuseum in Schwerin. Ich begegnete ihm im August letzten Jahres auf einer Urlaubsreise durch die Neuen Bundesländer. Es zeigt in Lebensgröße eine Rhinozerosdame, die Mitte des 18. Jahrhunderts von einem holländischen Geschäftsmann, der sie als Jungtier aus Indien eingeführt hatte, auf Jahrmärkten in den europäischen Metropolen als besondere exotische Attraktion gegen bare Münze zur Schau gestellt wurde. Der Reiz des Gemäldes lag natürlich darin, dass der Maler das Tier in Lebensgröße abgebildet hatte. Das war der Ausgangspunk

Brandbeschleuniger war die Geschichte eines Zwergwals, der Ende des 17. Jahrhunderts in Bremen in dem Flüsschen Lesum gestrandet war. Auch hier gab es ein lebensgroßes Gemälde, allerdings, und obwohl der Wal ein Zwergwal war, wurde das Bild neuneinhalb Meter lang und ist jetzt ein Schmuckstück im Bremer Rathaus.  Der Kampf der Maler mit der Größe ihrer Modelle war ein interessanter Nebenaspekt des Themas. Lebensgroß oder nicht, das schien jedenfalls bei den großen Tieren eine Herausforderung zu sein.

„Lebensgroß oder nicht, das schien jedenfalls bei den großen Tieren eine Herausforderung zu sein“ (Die Bildergalerie zeigt einen Großteil der im Band versammelten Gemälde – durch Klick auf dieAbbildungen zu den Schirmer/Mosel Katalogen)

Ich machte mich auf die Spur. Die erste Liste von Tiergemälden schrieb ich bei einem Glas Rotwein im Restaurant aus dem Gedächtnis nieder. Dann begann ich, meine Kunstbibliothek zu durchstöbern. Als ich etwa vierzig Motive beisammen hatte, machte ich mich auf die Suche nach Textautoren. Mein Angebot war einfach: jeder darf sich aus meiner Liste sein Lieblingsbild aussuchen und dazu einen zweiseitigen Text schreiben. Die Texte konnten kunsthistorisch, zoologisch, poetisch oder philosophisch sein. Wenn Sie so wollen, war das Ganze ein Rorschachtest mit Tierbildern. Die Resonanz auf meine Anfrage war ungeheuer. Am Ende sind es nun 61 Bilder und 52 Autoren aus vielen Sprachkreisen und Berufsgruppen geworden: Philosophen, Kunsthistoriker, Zoologen, Verhaltensforscher, Journalisten sind ebenso dabei wie Poeten, Romanciers, Essayisten und begabte Laien – ein Querschnitt durch die Literatur der Gegenwart.

Dabei passierte etwas, da mir in vierzigjähriger Verlegertätigkeit noch nie passiert war: zwei Autoren entschieden sich für dasselbe Bild. Sie setzen sich auch noch sofort hin und schrieben ihren Text., er lag schon am nächsten Morgen im Faxgerät. Und ich hatte die tragische Aufgabe, einem der beiden absagen zu müssen. Daraus ergab sich dann aber eine Monographie über den betreffenden Künstler im kommenden Schirmer/Mosel-Jahresprogramm – ein wunderbarer Kollateralnutzen.

Für den Fall, dass ein Bild schon vergeben oder gar schon bearbeitet war, bot ich danach meinen Autoren die Alternative an, ihr eigenes Lieblingstierbild vorzuschlagen und zu besprechen. Auch dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen und das Spektrum der ausgewählten Bilder so auf raffinierte Weise bereichert. Vielstimmigkeit wurde nun auch bei der Bildauswahl eine Realität.

Hinzu kam, dass die Coronakrise das öffentliche Leben lähmte und die Museen seltsamerweise als erste geschlossen wurden. Das war wohl der unsinnige Preis für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Nahverkehrs. Mit den Museen wurde praktisch der gesamte Kunstbuchhandel lahmgelegt, der heute im Wesentlichen aus Museumsshops besteht – eine seltsame, irrsinnige Folge der Seuchenbekämpfung. Fest stand jedenfalls, dass es die berühmten Blockbuster-Kunstausstellungen für lange Zeit nicht mehr geben würde. Was lag also näher als das Buch zum Katalog einer imaginären Museumsausstellung auszubauen. So wurde es eine Kunstgeschichte, eine Naturgeschichte, ein Tierbuch, ein Augenschmaus und ein Lesevergnügen für Kinder und Erwachsene jeden Alters. Vielleicht wird sogar noch ein Theaterstück draus.

„500 Jahre Malerei und Tierleben, ein Meisterstück im Längsschnitt und dazu ein Lesevergnügen, Bild für Bild und Autor für Autor. Ein Buch zum Schenken und Staunen. Die deutsche Sprache hat ein wunderbares Wort dafür: „Augenweide““

Jetzt ist es erstmal ein Buch zum Lesen und Schauen – ein Kunst-, ein Feld-, ein Wald-, ein Wiesen- und ein Dschungelbuch. Und nie hat die oberflächenorientierte Malerei Haut, Panzer, Fell, Federn und Schuppen schöner dargestellt als in den hier versammelten Bildern. Haptik, Optik und die Sinnlichkeit des Lebens.

Last but not least bildet sich im Umgang mit den Tieren die Psyche des Menschen-geschlechts ab, mit all seinen phantastischen Vorstellungen, die im Buch ebenfalls vorkommen: Phantasietiere wie das Einhorn, das die Menschheit sich als Keuschheitssymbol gewählt hat, oder Donald Duck und Mickey Mouse, die Walt Disney in die Kinderherzen dieser Welt eingezeichnet und Roy Lichtenstein später in die Kunst-geschichte eingemalt haben.

Also kurz gesagt: 500 Jahre Malerei und Tierleben, ein Meisterstück im Längsschnitt und dazu ein Lesevergnügen, Bild für Bild und Autor für Autor. Ein Buch zum Schenken und Staunen. Die deutsche Sprache hat ein wunderbares Wort dafür: „Augenweide“. Gemalte Tiere – die Augenweide der kommenden Saison. 

 

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