Gerhard Beckmann und Christoph Selzer über das Interesse an Historischem – und was das für Verlag und Buchhandel bedeutet

Christoph Selzer hat ein Studium der Geschichte, der Klassischen Archäologie und

Christoph Selzer

Altertumswissenschaften an den Universitäten Heidelberg, Frankfurt a.M., London und Oxford absolviert. Promoviert hat er in Oxford.

Heute arbeitet er als Leitender Programmlektor für Geschichte und Politik bei Klett-Cotta und außerdem als Dozent an der Universität Heidelberg, Historisches Seminar (ZEGK)

BECKMANN: Der Gesamtumsatz mit Sachbüchern ist 2007 um acht Prozent zurück gegangen, der Anteil des Sachbuchs am Taschenbuchumsatz ebenfalls rückläufig, bei der Verlagsgruppe Random House beträgt er inzwischen 20 Prozent, das sind zehn Prozent weniger als noch vor ein paar Jahren. Also, das Sachbuch hat in Deutschland Probleme. Woran liegt’s?
SELZER: Wenn ich das so genau wüßte! Das Sachbuch! Das ist ein weites Feld.

BECKMANN: Dann lassen Sie mich die Frage einengen. Nehmen wir ein großes Gebiet heraus, auf dem Sie sich besonders gut auskennen – die Geschichte. Fehlt es beim deutschen Publikum an Interesse für geschichtliche Dinge?
SELZER: Das Interesse mag hier geringer sein als im traditionsbewussteren England, aber das öffentliche Interesse an Historischem scheint mir auch in Deutschland so gering nicht zu sein, dafür gibt es keine Indizien. Auch nicht, wie oft behauptet wird, unter Jugendlichen. Es ist zwar so, leider, dass an den Schulen Geschichte immer weniger unterrichtet wird, in Nordrhein-Westfalen ist Geschichte als eigenes Fach sogar vom Lehrplan verschwunden, doch das stellt eine Reaktion der Bürokratie in den Bildungs- und Unterrichtsministerien auf die ungeheuer gestiegenen und zu vermittelnden Wissensmengen dar, es belegt kein mangelndes Interesse bei Jugendlichen. Und denken Sie doch an die seit Jahren wachsenden Besucherzahlen von immer mehr Ausstellungen mit historischen Themen.. Da hat’s ja nicht bloß „Troja“ gegeben.

Publikumsmagneten waren auch die Ausstellungen über „Alexandria“, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das Imperium Romanum oder Konstantin. Oder um etwas ganz Aktuelles zu nennen: die Mumienausstellung in Stuttgart.

BECKMANN: Nun gut, gut gemachte interessante Ausstellungen liegen wohl generell im Trend…
SELZER: Es sind ja auch nicht nur Ausstellungen, die ein Geschichtsinteresse in Deutschland belegen. Ein anderes Beispiel dafür bieten hier immer und immer wieder TV-Serien mit erstaunlich hohen Zuschauerzahlen. Und damit meine ich nicht durch die „Knoppiaden“ wie „Der verdammte Krieg“, „Hitlers Helfer“ oder „Die Wehrmacht – eine Bilanz“, sondern auch Filme wie „Die Flucht“, „Der Untergang“ oder „Die Gustloff“.

BECKMANN: Zugegeben. Nur: Das spielt sich in anderen Medien ab, in Film und Fernsehen. Aber wie steht es da nun mit dem Buch? Wollen die Menschen vielleicht nicht mehr viel über historische Sujets lesen?
SELZER: Ich weiß nicht, wer die Behauptung vom mangelnden Interesse an Historischem in die Welt gesetzt hat. Sie ist meines Erachtens falsch und wird auch nicht dadurch richtiger, dass sie wie eine Litanei immer andauernd wiederholt wird. Und wie kann nur jemand auf die pauschale Idee kommen, die Menschen hätten keine große Lust mehr, über Geschichte zu lesen? Das ist doch blanker Unsinn. Ist der historische Roman etwa nicht nach wie vor ein so starkes und äußerst beliebtes Segment der Belletristik? Wie kommt es denn, dass Die Kathedrale des Meeres über das Barcelona des 14. Jahrhunderts Anfang dieses Jahres bei uns im Handumdrehen zum Besteller Nummer Eins wurde? Den Autor kannte niemand. Und nur zwei Monate später ist Ken Follett mit seinem Roman Die Tore der Welt dasselbe gelungen – wiederum über das 14. Jahrhundert.

BECKMANN: Aber das ist doch Unterhaltung…
SELZER: Gewiss. Allerdings hervorragend und seriös recherchierte Unterhaltung. Und ich räume gern ein, dass bei solchen Romanen das Moment der Unterhaltung primär und vorrangig ist. Dennoch: Es sind eben die historischen Stoffe und Themen selbst, mit denen sich beim Leser die Erwartung von erzählerischer Unterhaltung verbindet, und man sollte dieses unterhaltende Moment nicht gering schätzen. Auch die hohe Literatur – beispielsweise die großen Tragödien der alten Griechen -, selbst die Philosophie – etwa die Dialoge Platons, Descartes, Richard Rorty oder Michel Foucault – sind unterhaltsam und spannend, ebenso Biographien wie geschichtliche Abläufe und Epochen. Ich glaube, der ästhetische Aspekt ist in Deutschland zu Unrecht weithin vernachlässigt worden.

BECKMANN: Wir hätten es also mit einem allgemeinen spezifisch deutschen kulturellen Problem zu tun?
SELZER: Nicht nur. Daran hat auch die Buchbranche mitgewirkt. Mir scheint der Begriff ‚Sachbuch’ nicht gerade hilfreich. Er stellt allzu sehr den Aspekt von Information und Wissen heraus. Daher rührt wohl auch die fatale Neigung, das Sachbuch im Zeichen des Fachbuchs zu sehen und fast ausschließlich danach zu beurteilen, ob es nach Inhalt, Form und Stil den neuesten Forschungsergebnissen und herrschenden Wissenschaftstrends gerecht wird.

BECKMANN: Auch ein Sachbuch sollte aber doch auf dem neuesten Stand sein.
SELZER: Ja, sicher. Darum muss es jedoch nicht im Dunstkreis der universitären Disziplin bleiben. Geschichte kann nicht auf die jeweils speziellen Problemstellungen und Fachsprache reduziert werden. Es geht beim Sachbuch letztlich auch nicht darum, Wissen oder Wissenschaft zu „vermitteln“ oder zu „popularisieren“, sondern, soweit möglich, die Geschichte selbst darzustellen, sie begreiflich und greifbar zu machen. Geschichte ist von allgemein menschlichem, gesellschaftlichem, öffentlichem Interesse.

BECKMANN: Das klingt ziemlich abstrakt.
SELZER: Wir Menschen glauben gern, unser Leben selbst und rational bestimmen zu können. Oder, wie heute oft gemeint wird, genetisch programmiert zu sein. Wir sind jedoch vor allem auch geschichtliche Wesen. Von unserem Denken, Fühlen und Handeln geht vieles auf manchmal Jahrtausende alte Entwicklungen und Einflüsse zurück. Insofern ist Geschichte lebendig. Sie ist – ob richtig, unzureichend oder falsch verstanden – folgenreich für unsere Gegenwart, also aktuell und eben von allgemeiner Bedeutung Man sieht es beispielsweise an der momentanen Diskussion um Raoul Schrotts Versuch, Homer geographisch, ethnisch, historisch und kulturell neu zu positionieren und zu deuten. Die Sache rührt an Fundamente unseres bisherigen Konzepts von „Europa“ – die Grunderzählung unseres Selbstverständnisses, mit dem noch immer Politik gemacht wird, auf dem auch gewisse Arten von Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit beruhen. Geschichte ist eine sich laufend verändernde Erzählung unserer Konflikte und Synthesen. Das macht sie unendlich spannend – und bedeutsam.

BECKMANN: Nach Ihrer Auffassung finden historische Sachbücher bei uns heute also deshalb relativ wenige Leser, weil sie tendenziell das allgemeine Interesse, die „lebendige“ Geschichte, die historische Erzählung vernachlässigen. Da hätten wir ein Problem mit unseren Autoren.
SELZER: Nach meiner Erfahrung tun sich gerade Vertreter der klassischen geistes- bzw. kulturwissenschaftlichen Disziplinen damit schwer. Obgleich es da auch in unserem Land eine Tradition gibt, an die sie anknüpfen könnten. Für sie stehen Namen wie Theodor Mommsen – seiner Römischen Geschichte halber mit dem ersten Literaturnobelpreis überhaupt ausgezeichnet -, Johann Gustav Droysen – sein Geburtstag jährt sich im Juli zum 200sten Mal – oder aus neuerer Zeit Thomas Nipperdey. Erfreulicherweise gelingt es Autoren einer jüngeren Generation, Neuland zu gewinnen. Angesichts der rückläufigen Zahl von Übersetzungen ist es für die Lektorate der deutschen Verlage umso wichtiger, sie zu fördern, ihnen dabei zu helfen. Dazu ist freilich ein neues Sachbuchverständnis in unserem Rezensionswesen – und der Unterstützung des Buchhandels nötig. Sonst werden sie nicht genügend Leser finden, anders gesagt: sonst werden die Leser diese wichtigen Bücher nicht finden. Und, wie eingangs bemerkt, es gibt meines Erachtens eine große Anzahl solcher Leser.

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