Hörverlag produziert Goethes „Werther“ in chinesischer Sprache

Der Hörverlag veröffentlicht mit Goethes Die Leiden des jungen Werthers in chinesischer Sprache das erste literarische Hörbuch in China. Aufgenommen wird die

Sun Yang

vollständige Lesung (Umfang voraussichtlich 6 CD) ab 10. August 2007 in einem Münchner Tonstudio. Das Projekt wird bereits auf der am 30. August beginnenden Internationalen Buchmesse in Peking präsentiert, wo der Hörverlag erstmals vertreten sein wird.

Das Hörbuch, so Pressechefin Heike Völker-Sieber werde als Premium-Produkt mit aufwändiger Verpackung und Booklet für eine anspruchsvolle Klientel auf dem chinesischen Markt positioniert.

Der 36-jährige Interpret Su Yang besuchte die Hochschule für Rundfunk und Fernsehen und absolvierte eine Sprecherausbildung. Seit 1994 arbeitet er als Moderator und Sprecher beim Rundfunk Peking, seit 2003 für den nationalen Rundfunk (China National Radio) und CCTV. Er gehört zu den gefragtesten Moderatoren von Hörfunk-, TV-Sendungen und Großveranstaltungen – z.B. anlässlich des nationalen Feiertags – und ist außerdem als Synchronsprecher tätig.

Mit dieser Produktion hat es sich der Hörverlag zum Ziel gesetzt, den deutsch-chinesischen Dialog zu fördern und der deutschen Literatur im Goethe-begeisterten kulturellen Umfeld in China einen angemessenen Stellenwert einzuräumen. „Wir wollen den großen literarisch interessierten Gruppen in China ein Stück deutsche Klassik in akustischer Umsetzung näher bringen. Mit der Werther-Lesung von Su Yang exportieren wir Content, Geist – eines der höchsten Güter im Austausch zwischen den Kulturen“, so Völker-Sieber.

Als Kooperationspartner wurde für den Vertrieb das chinesische Label Poloarts gewonnen.

Der Autor, Publizist und promovierte Sinologe Prof. Tilman Spengler sowie Prof. Raoul David Findeisen von der Ruhr Universität Bochum stehen dem Hörverlag bei literatur- und sprachwissenschaftlichen Aspekten der Produktion beratend zur Seite.
Ihre Unterstützung haben bereits das Goethe-Institut (Sektion Fernost), das Außen- sowie das Wirtschaftsministerium zugesagt.

Erstmals 1774 veröffentlicht, wird Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werthers häufig als erster moderner deutscher Roman bezeichnet. Das Werk war bereits zu seiner Zeit ein Bestseller und löste ein wahres Werther-Fieber aus. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden erste chinesische Übersetzungen veröffentlicht, die in China zu ähnlichen Phänomenen führten wie zuvor in Deutschland. Seitdem zählt Goethe zu den beliebtesten und bekanntesten ausländischen Dichtern der chinesischen Leser.

Goethes Werther hat nachhaltig großen Einfluss auf die chinesische Literatur ausgeübt und tut dies bis heute.

Dazu schreibt Tilman Spengler:

Wir schreiben das Jahr 1921. Auf den Straßen der großen Städte Chinas locken die Verkäufer von Weichkastanien ihre Kunden mit der Musik von Schallplatten. Die beliebtesten Lieder handeln von Liebe und von Schmerzen, den Kassenschlager dieses Jahres können viele Passanten, Studenten, Angestellte, Verkäufer auswendig mitsingen: „Erzähl’ mir von Deinem Leid …“

Die Revolution von 1911 hatte die politische Ordnung des Kaiserreichs umgestürzt, wenig geändert hatte sich an den sozialen Beziehungen. Das galt besonders für die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Noch immer waren fast alle Ehen so genannte „arrangierte Ehen“, die Eltern bestimmten, welcher Sohn welche Tochter heiratete. Das war eine ehrwürdige Tradition, die sich auf feudale Bräuche berief. In der Liebe gab es keine Freiheit.

Das war eine der vielen Bestimmungen, gegen die 1919 Hunderttausende im Namen der Bewegung des 4. Mai rebellierte. Es ging um eine neue Bestimmung der Kultur und eine neue Bestimmung der menschlichen Beziehungen, gerade auch in der Liebe.
Als daher 1921 Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ erstmals in chinesischer Übersetzung erschien, löste er eine Sensation aus. Hier wurden Themen angesprochen, welche die Seelen der jungen chinesischen Leser direkt ansprachen, die „freie“ Liebe, die Liebe zu der mit einem anderen verheirateten Frau, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper bis in den Tod.

Zeitzeugen erinnern sich, wie das Buch zu einem Schlüsselroman für ihre Generation wurde. Die ersten 50 000 Exemplare waren in wenigen Wochen verkauft. Studenten besorgten sich grüne Jacken, um damit ihre Wertschätzung für den Helden des Romans auszudrücken, heirateten wild und ohne Zustimmung der Eltern, lösten sich aus Beziehungen, die ihnen aufgezwungen worden waren. Ihre Erzieher machten dafür jenen Roman verantwortlich, der an einem so bedeutenden Datum beginnt, einem 4. Mai, dem Tag, an dem auch Chinas Schicksal eine neue Wendung nimmt.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.