Warum das Doctorow-Projekt des Argon Verlags eine Chance für die gesamte Branche sein könnte

Per Spendenaufruf sammelt der Argon Verlag derzeit 9.000 Euro für die Produktion eines Hörbuchs, das er dann frei verfügbar zum Download ins Netz stellen will. Argon-Marketingchef Kilian Kissling erklärt, warum solche Projekte eine Chance für die Hörbuch-Branche sein könnten

Das Argon-Projekt:
Der Argon Verlag beabsichtigt, Cory Doctorows Roman Little Brother ungekürzt und gelesen von Oliver Rohrbeck unter der Lizenform Creative Commons (CC by-nc-nd) zu veröffentlichen. Das ungekürzte Hörbuch wäre dann kostenlos und legal für jedermann downloadbar. Wie soll das gehen? Die gekürzte Version ist bereits in Produktion und erscheint am 12. Mai 2010. Für die ungekürzte Version muss der Mehraufwand finanziert werden. Hierfür wird seit dem 26. April Geld gesammelt. An diesem Tag wird Widget von sellyourrights aktiviert. Das junge Start-Up Unternehmen hat es entwickelt, damit freiwillige Beiträge eingesammelt werden können, um kreative Leistungen zu finanzieren.
Interessenten an der freien Version haben drei Wochen lang Zeit, einen Geldbetrag ihrer Wahl beizusteuern. Eingezogen wird der Geldbetrag nur, wenn die notwendige Summe zusammenkommt.

Zum Start der Sammelaktion hatte der Verlag in Berlin eine Live-Lesung mit Oliver Rohrbeck und Fabian Neidhardt (dem Sprecher der freien Version von Little Brother) veranstaltet.

Kilian Kissling

Was macht Ihr da eigentlich?
Als uns die kommerzielle Hörbuch-Umsetzung von Cory Doctorows Little Brother angeboten wurde, war uns schnell klar, dass wir in diesem Fall nicht wie üblich würden vorgehen können. Der Autor ist einer der Köpfe der Open Access Bewegung und veröffentlicht seine Bücher grundsätzlich unter der Creative Commons Lizenz (by-nc-sa). Also lag sein Buch nicht nur längst in den USA frei zum Download vor, sondern auch in Deutschland existierte bereits eine freie Übersetzung wie auch ein damals noch nicht abgeschlossenes Fan-Hörbuchprojekt.

Gerade diese Ausgangslage fanden wir aber reizvoll. Dass sein Buch digital frei und als konventionelles Hardcopy nebeneinander gut existieren können, hat der Erfolg in den USA gezeigt. Jetzt ergab sich hier die Möglichkeit, auch im Hörbuch die Erfahrung zu machen, ob neben einer freien Version auch eine professionelle konventionelle Version eine Berechtigung hat.

Das war also der erste Entscheidungsschritt: Ja, wir machen ein konventionelle Hörbuch. Schließlich gibt es neben der vergleichsweise jungen Netz-Avantgarde ja sehr viele „normale Menschen“, die weder den Autor noch seine politischen Anliegen kennen und anders nicht erreicht werden können.

Wieso eigentlich, wenn es bereits eine deutschsprachige Hörbuchversion gibt?
Das Fan-Hörbuch ist die erstaunliche Leistung von Fabian Neidhardt. Es ist weit besser gelungen, als man es von einer semiprofessionellen Aufnahme erwarten darf. Dennoch ist es nach den Maßstäben eines Hörbuchverlags nicht publikationsfähig, da in unserem Markt allen Unkenrufen zum Trotz doch eine sehr hohe Qualität bei allen etablierten Anbietern zu finden ist. Wir haben für unsere Fassung Oliver Rohrbeck als Sprecher gewählt, er ist die perfekte Besetzung für diesen Stoff, der im jugendlichen Milieu spielt. Wir finden es gerade reizvoll, dass hiermit nun zwei Versionen des gleichen Stoffs existieren, die sehr gut verdeutlichen, welche Möglichkeiten die verschiedenen Systeme bieten. Wir denken, unsere Version zeigt: Der Unterschied zur Privatinitiative ist nennenswert!

Soweit so gut, doch jetzt liest man im Internet, Argon würde das Hörbuch für 9.000 Euro verschenken?
Tatsächlich wurde es in einigen Blogs so getextet, doch dies entstellt den Sachverhalt. Ich komme also zum zweiten Entscheidungsschritt. Am Anfang stand die Frage: Wie gehen wir im Downloadmarkt mit dem Titel um? Den Autor nur als Kritiker von DRM zu bezeichnen wäre untertrieben, er ist eher ein Anti-DRM-Aktivist. Und im Download-Bereich begegnen wir umso mehr seiner angestammten Leserschaft. Eine konventionelle Download-Vermarktung schied also völlig aus. So entstand die Idee, den Titel im Sinne des Street Performer Protocols² zu vermarkten.

Mit sellyourrights habe ich dann ein junges Unternehmen gefunden, das ein charmant einfaches Tool entwickelt hat, derartige Ausschreibungen zu organisieren.

Doch jetzt zur Summe. Zunächst einmal ist es interessant, dass die meisten Künstler, die bisher mit diesem Verfahren arbeiten, ihre benötigte Summe nicht nennen. Man sieht nur einen Fortschritts-Balken. Offensichtlich ist die Szene ungeübt darin, über so etwas häßliches wie Geld zu reden. Wie auch immer. Wir wollten jedoch transparent sein und haben den Betrag ermittelt, den wir zur Umsetzung der Produktion brauchen und kamen auf 4.500 €. Dieser Betrag muss verdoppelt werden, da wir die Hälfte unserer Einnahme an den Lizenzgeber abführen. So ergeben sich die 9.000 €, die wir ab dem 26. April sammeln werden. Und wenn diese Summe eingesammelt werden sollte, geben wir das ungekürzte Hörbuch unter Creatice Commons (in diesem Fall aus vertraglichen Gründen by-nc-nd) frei. Das ist natürlich kein „Geschenk“. Kaufmännisch betrachtet ist Folgendes passiert: Wir haben die Produktion finanziert und verzichten auf alle weiteren etwaigen Erlöse im Download-Markt.

Das wäre also ein Nullsummen-Spiel. Worin besteht der Sinn?
Verlage müssen sich zukünftig mehr als je zuvor mit der Frage beschäftigen, was ihre Aufgabe ist. Unsere Aufgabe ist ja nicht allein, profitabel zu arbeiten. Wir wollen ja auch unsere Autoren und – noch wichtiger – ihre Themen einem möglichst breiten Publikum bekannt und zugänglich machen. In diesem konkreten Fall verzichten wir zwar auf Erlöse im Download-Geschäft, können davon ungeachtet jedoch mit dem physischen Hörbuch Geld verdienen.

Also ist die Download-Strategie ein Marketing-Gag?
Nein. Es ist ein ernsthafter Vorstoß, sich mit einer alternativen Lizenzform und alternativen Geschäfts- und Verbreitungsmodellen auseinanderzusetzen. In diesem Fall deckt sich dies zudem mit dem Anliegen des Autors (Mitbegründer der UK Open Rights Group) und wir tragen dazu bei, dass dieses thematisiert wird. Schon jetzt lernen wir dabei eine Menge und es sind erste Ideen geboren, welche Möglichkeiten dieses Verfahren zukünftig eröffnet.

Welche?
Bekanntlich hat beispielsweise Lübbe Audio kürzlich unter Protest der Fangemeinde drei Hörspielserien einstellen müssen, weil diese nicht mehr profitabel waren. Auch wir haben mit … und nebenbei Liebe eine Hörspielserie im Programm, die derzeit pausiert, weil wir unsicher sind, ob wir sie wirtschaftlich fortsetzen können. Angenommen, man machte den Fans dieser Reihen das Angebot, im Vorhinein für die Fortsetzung das notwendige Geld zu sammeln und würde im Erfolgsfalle produzieren, wäre dies ein für alle Seiten transparentes und konstruktives Vorgehen. Im Internet würden die Folgen dann zwar kostenlos kursieren, doch die Tonträger könnten sogar preiswerter vertrieben werden, schließlich ist die Grundfinanzierung bereits erbracht.

Das Projekt ist dokumentiert im Argon-Blog zum Thema: http://little-brother.argon-verlag.de

²Das Street Performer Protokoll stellt eine mögliche Kompromisslinie zwischen den traditionellen Medienunternehmen (oder „der „Verwertungsindustrie“, wie uns die Gegenseite gerne nennt) und den Open Access Anhängern dar, denn es bemüht sich um eine Antwort auf die entscheidende Frage: „Wie sollen zukünftig neue Produktionen (z. B. Hörbücher, Hörspiele oder Filme) ermöglicht werden, wenn niemand dafür zahlen will.“
Sie besteht darin, dass der Produzent im Vorhinein eine Summe nennt, die er benötigt, um eine Produktion zu realisieren. Stellt man ihm diese Summe zur Verfügung, wird die Produktion realisiert und in der Folge unter einer Creative Commons Lizenz gestellt.
Zum Buch: San Francisco in der nahen Zukunft, in der Freiheit plötzlich nichts als ein »Sicherheitsrisiko« ist. Eine »Gamer-Guerilla« aus 17-jährigen stemmt sich gegen den Überwachungsstaat – und schlägt ihn mit seinen eigenen Waffen. Marcus alias »w1n5t0n« ist 17 Jahre alt, smart und ein echter Computer-Crack. Als Terroristen die Oakland Bay Bridge in San Francisco bombardieren, gerät auch seine Welt ins Wanken. Agenten des Department of Homeland Security (DHS) verhaften ihn und seine Freunde; tagelang werden sie an einem geheimen Ort verhört, schikaniert, gedemütigt. Sein bester Freund Darryl »verschwindet«, ebenso wie Hunderte von anderen US Bürgern. Als Marcus nach einer Woche freikommt, hat sich seine Stadt in eine Zone totaler Überwachung verwandelt. Jeder Bürger – ein potentieller Terrorist; Menschenrechte – altmodischer Schnickschnack; Freiheit – nichts als ein »Sicherheitsrisiko«. Mit Hilfe subversiver, verschlüsselter Netze beginnen sich Marcus und seine Freunde als »Gamer-Guerilla« zu organisieren. Ihr Plan: Sabotage der staatlich inszenierten Überwachungsparanoia. Ihre Waffen: die Zukunftstechnologien. Ihr Ziel: Sturz der Regierung.

„Little Brother” stand wochenlang auf der amerikanischen Bestsellerliste und wurde von der New York Times als “Selbstverteidigungshandbuch für das Digitalzeitalter” gelobt. Die Lektion dieses Romans, der junge Leser zu mündigen Technik-Nutzern erziehen möchte: Geschlossene Systeme werden offenen immer unterliegen.

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