"Es gibt Wörter, die alleine machen" Von Diversity bis NFTs: Die IG Hörbuch tagte in Frankfurt am Main

Sommer im Haus des Buches

Den rund 70 Teilnehmer*innen der diesjährigen Tagung der Interessengemeinschaft Hörbuch wurde am 19. und 20. Mai im Haus des Buches in Frankfurt am Main einiges geboten: Nach den digitalen Treffen der Vergangenheit freute man sich bei hochsommerlichen Temperaturen – inklusive Gewitter– darüber, sich endlich wieder in Präsenz begegnen zu können. Da am Abend zuvor die Eintracht Frankfurt den Europapokal gewonnen hatte, fühlte man sich am Donnerstag schon auf dem Weg zum zentral gelegenen Veranstaltungsort in keinem Moment allein. Einen Steinwurf entfernt sammelten sich am Römer im Laufe des Tages beseelte Fans, bis es am Abend auch die Mannschaft per Autokorso auf die Bühne geschafft hatte.

Johannes Ackner, Heike Völker-Sieber, Kilian Kissling

Der Sprecherkreis der IG Hörbuch, bestehend aus Heike Völker-Sieber (Der Hörverlag), Johannes Ackner (Buchfunk) und Kilian Kissling (Argon), eröffnete die Tagung gemeinsam mit Lothar Sand, der im Börsenverein für die Fachausschüsse zuständig ist. Für den ersten Vortag hatte man Andrey Esaulov, CEO von BotTalk, und Produkt- und Projekt-Managerin Sophia Boysen eingeladen.

Computerstimmen vs. Humansprecher*innen?

BotTalk erstellt Text-to-Speech-Software, mit der aus Texten Audioversionen werden. Die Grundidee entstand, als gedruckte Tageszeitungen an Auflage verloren – für verschiedene digitale Ausgaben gibt es inzwischen den Button „Bitte vorlesen lassen“, so dass man die Inhalte auch konsumieren kann, während man Sport macht oder die Wäsche aufhängt.

Sophia Boysen, Andrey Esaulov

Die Hör-Beispiele von Zeitungsartikeln, die Sophia Boysen und Andrey Esaulov vorführten, überzeugten die Zuhörer*innen mehr als eines, das im Rahmen eines Pilotprojekts mit einem Ratgeber-Buch von Gräfe und Unzer erstellt wurde. Der Grund: Für die Audio-Versionen von Zeitungsartikeln ist die Datenbasis bei BotTalk bereits deutlich größer als die für Audio-Versionen von Büchern.

Den Vorteil des Einsatzes von Text-to-Speech-Software im Vergleich zu Humansprechern sieht Andrey Esaulov zum einen in der Kosten- und Zeitersparnis. Er sei sich bewusst, dass Computer nicht glaubhaft Empathie vortäuschen können. Man wolle aber auch nicht Romane vertonen, sondern in erster Linie Sachbücher. „Nur fünf Prozent aller Bücher werden als Audioversion veröffentlicht. Lieber ein gut synthetisch produziertes Sachbuch als gar keins.“ Ein Beispiel: Wenn ein Student bis Ende der Woche ein Buch zur Angewandten Physik für eine Klausur durcharbeiten müsse, sei er froh, wenn er auf eine Hörfassung zurückgreifen könne.

„Es gibt Wörter, die alleine machen“

Im Anschluss moderierte die Journalistin Amira El Ahl eine Gesprächsrunde unter der Überschrift „Diversity – Sensitivity. Umgang mit sensiblen Themen in der Hörbuchproduktion“. Pierrot Raschdorff, Marketingleiter Der Hörverlag, arbeitet in der Penguin Random House-Verlagsgruppe in einer von insgesamt Fokus-Gruppen mit, die sich der Diversity widmen. „Das Thema ist wahnsinnig komplex“, erklärt er, man versuche es strukturell anzugehen und zu analysieren, wo Barrieren liegen. Dabei gehe es z.B. um Aufstiegschancen für Mütter, Sensitive Reading, Recruting, Altersdiskriminierung oder Barrierefreiheit. Grundsätzlich stelle man sich die Frage: „Wie schaffen wir es, die Vielfalt, die wir haben, in ein Potenzial zu verwandeln, das den Verlag weiterbringt?“

Diversity spielt auch bei der konkreten Umsetzung von Buchinhalten in Audiobücher eine Rolle. Zum Beispiel sei man mit der Frage konfrontiert, ob der Roman einer Autorin mit afroamerikanischen Wurzeln nur von einer Schauspielerin mit afroamerikanischen Wurzeln gelesen werden dürfe. Lübbe Audio-Programmleiterin Kerstin Kaiser meint: „Letztlich geht es um die Kunden, und die wollen Qualität.“ Und: Diskriminiere sie nicht auch die Schauspielerin, wenn sie sie nur engagiere, weil sie diesem Kriterium entspreche? Für das Projekt einer Transgender Person z.B. habe man unlängst eine Transgender-Sprecher*in gefunden, aber nicht damit werben dürfen, weil geschlechtliche Identität keine Werbeplattform sei.

Dirk Kauffels, Hörbuchproduzent und -regisseur beim Argon Verlag, stellt fest, dass der Umgang mit dem Thema Diversity zunehmend „verkrampfter“ werde. „Wir als Verlage haben die Chance, Geschichten zu erzählen, mehr übers Herz zu gehen und den Menschen andere Menschen vorzustellen, die z.B. Diskriminierung erleben.“ Bei der Auswahl von Sprecher*innen zähle für ihn nicht die Hautfarbe, sondern die innere Haltung: „Ich möchte immer so besetzen, dass ich es glauben kann.“

Amira El Ahl, Pierrot Raschdorff, Kerstin Kaiser, Dirk Kauffels, Heike Völker-Sieber

Was den Sprachwandel anbetrifft, gilt es, immer wieder jedes Buch einzeln zu betrachten – und Kontakt mit dem Buchverlag aufzunehmen, in dem das Lektorat erfolgt ist. Aus der Vertonung von Kater Mikesch von Josef Lada z.B. habe Dirk Kauffels in Absprache mit dem tschechischen Verlag ein Kapitel gestrichen, in dem das Z-Wort gebraucht wird, verbunden mit einer negativen Darstellung der Handelnden. Bei der Vertonung eines Sachbuchs über George Floyd wiederum habe man das N-Wort in Zitaten der gewalttätigen Polizisten stehengelassen. In solchen Fällen können Verlage mit Trigger-Warnungen arbeiten.

Bei einer Kinderhörbuch-Produktion, die Dirk Kauffels für das Herbstprogramm vorbereitet, falle der Satz „Es gibt Wörter, die alleine machen.“ Er stammt aus Lilo – Glück kann man schnuppern von Inès Garland – das Buch erscheint in Übersetzung von Ilse Layer bei Thienemann. Pierrot Raschdorff, Kerstin Kaiser und Dirk Kauffels waren sich am Ende vor allem im Wunsch nach mehr Leichtigkeit in der Debatte einig.

Das Hörbuch auf der Frankfurter Buchmesse 2022

Martina Barth

Letzter Programmpunkt am Donnerstag war der Auftritt der Hörbuchverlage auf der Frankfurter Buchmesse 2022. Martina Barth von der Frankfurter Buchmesse stellte das Motto „Translate, Transfer, Transform“ vor und kündigte die Landing Page buchmesse.de/audio an. Dass die Messe ihre Tore für das Privatpublikum in diesem Jahr bereits ab Freitagvormittag öffnet, komme vor allem den Verlagen zugute, die sich mehr Kontakt mit den Endkund*innen wünschen. Die Buchmesse werde in diesem Jahr keine eigenen Bühnen bespielen, das Audio Areal in Halle 3.1 soll aber einen Veranstaltungsbereich haben, den die Verlage buchen können. Auch das Bookfest city soll wieder stattfinden. Und was das Hygienekonzept angehe, sei man „eher auf der vorsichtigen Seite“, versicherte Martina Barth.

DJ Kilian Kissling

Der erste Tagungstag klang mit Musik, Tanz und Drinks in der Lounge im Haus des Buches aus. Und draußen auch.

Eintracht-Fans am Römer

NFTs, Blockchains und das Hörbuch

Der erste Vortrag am Freitag behandelte ein Thema, das für viele noch Neuland war. „Hol uns ganz unten ab!“, hatte Kilian Kissling John Ruhrmann, Geschäftsführer Bookwire, gebeten. Es ging um „NFTs: Hype, Technik, Fanservice. Die Chancen und Möglichkeiten für digitale Originale in der Hörbuchbranche“. 68 Prozent der Deutschen hätten noch nie von NFTs gehört, trotzdem glaubten 70 Prozent, dass es sich um eine Geldanlage handele, so das Ergebnis einer Umfrage.

John Ruhrmann

NFTs, „Non-Fungible Tokens“ sind Memes, Tweets oder digitale Kunst und nicht austauschbare, virtuelle Güter – jedes NFT ist ein Unikat. Sie funktionieren als digitale Besitzurkunden, sind auf Bookchains gespeichert und gelten daher als täuschungssicher. Dabei muss es nicht zwangsläufig um horrende Summen gehen, die medienwirksam geworden sind wie das Beeple-NFT „Everydays: The First 5000 Days“, das mit Kryptogeld in Höhe von 69 Millionen Dollar bei Christie’s ersteigert wurde. Auch mit kleinen Beträgen funktioniert das System.

Mit Creatokia.com hat Bookwire eine Plattform geschaffen, auf der NFTs gehandelt werden können und die Vorschläge macht, wie die (Hör)Buchbranche NFTs nutzen kann – wer tiefer in die Thematik eintauchen möchte, kann sich hier einen Podcast anhören.

Was das Thema für John Ruhrmann gerade im Audiobuch-Bereich so interessant macht, ist der Vergleich mit dem Streaming: „Während Streaming-Dienste einen nahezu unbegrenzten Zugang zu Inhalten bieten, stellen NFTs etwas Seltenes und Einzigartiges dar, was zu Identitätsstiftung beiträgt und die Sammelleidenschaft anregt.“ NFT-Besitzer seien Teil einer exklusiven Community – ein besonderer Fanservice. John Ruhrmann erklärt: „Unsere Wette: NFTs sind ein logischer nächster Schritt in der Entwicklung von Publishing Produkten für das 21. Jahrhundert.“

Rechtliches und Erfreuliches

Pausengespräche im Haus des Buches

Abschließend informierte Susanne Barwick, Justiziarin des Börsenvereins. über aktuelle Rechtsthemen wie GEMA, CUII und E-Lending, und Birgit Reuß, Leiterin des Berliner Büros des Börsenvereins gab Einblick in die Lobbyarbeit in der Bundeshauptstadt nach dem Regierungswechsel. Viel Information in kurzer Zeit – der Sprecherkreis der IG Hörbuch freute sich bei der Verabschiedung über die gelungene Tagung, die besser besucht gewesen sei denn je, und dankte Lothar Sand und den Kolleginnen des Börsenvereins für die umsichtige Organisation und Betreuung im Haus des Buches. Freude herrschte zudem darüber, dass viele neue Gesichter bei den Teilnehmer*innen willkommen geheißen werden konnten. Eine Entwicklung, die auch den Sprecherkreis bereichern wird: Bis zur Verabschiedung am Freitag Mittag hatten sich zwei Kolleginnen zur künftigen Mitarbeit gemeldet.

Susanna Wengeler

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