Veranstaltungen Weidle-Abend bei Reul in Kevelaer

Stefan Weidle

Trotz lauer Fast-Sommernacht gestern Abend: Die Kevelaer Buchhandlung Reul (sie feiert übrigens in diesem Jahr ihr 100jähriges Bestehen) war gut besucht. Der Bonner Verleger Stefan Weidle (Foto) war in der Reihe „Verlagsprofile“ (immerhin schon die fünfte Folge) zu Gast und stellte sein Verlagsprogramm vor.

Natürlich konnte Weidle vieles nur anreißen: Sind doch seit 1995 weit über 100 Bücher in seinem Verlag erschienen. Mit denen freilich hat es mehrere Besonderheiten: Nehmen wir die sofort ins Auge fallenden: die sorgfältige Herstellung, Gestaltung und Typographie, die der vielfach ausgezeichnete Buchkünstler Friedrich Forssman seit dem ersten Weidle-Buch verantwortet. Dann die Thematik: Weidle widmet sich in erster Linie der Literatur der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, vor allem Autoren, die ins Exil gingen und nach 1945 in Vergessenheit gerieten.

So veröffentlichte er u.a. zwei Bücher von Friedrich Hollaender, die Memoiren von Curt Siodmak, den bis dato nie verlegten Riesenroman Die Verschwörung der Zimmerleute von Hermann Borchardt oder gerade eben Salamon Dembitzer – nein, mit Aufzählen seiner Titel hat es Weidle gestern Abend bei seinen launigen Moderationen auch gar nicht erst versucht – das würde jeden Rahmen sprengen; Interessierte schauen hier: http://weidle-verlag.de/ (dort schreibt der Verleger seit einiger Zeit auch einen Blog).

Zwei Autoren haben den Verleger Weidle jedoch ganz besonders geprägt: Albrecht Schaeffer, mit dessen dreibändigem Helianth im Prinzip alles begann, wäre da nicht eine „Vorgeschichte“ gewesen: Weidle arbeitete vor seiner Verlagsgründung u.a. für Peter Selinka, Juni und Alano – und seit dem Juni-Verlag hatte er es auch mit Albert Vigoleis Thelen zu tun. Von dem er mehrere Bücher verlegte.

Aber auch diese Fokussierung auf diese zwei Autoren stimmt natürlich nicht ganz. Viele Bücher des Verlages beschäftigen sich mit Gustav und Anna Mahler, zur großen Kurt-Wolff-Wanderausstellung (kuratiert von Barbara Weidle) erschien ein erstklassiger Katalog zu Wolff (natürlich herausgegeben von Barbara Weidle), und nicht zufällig ist Stefan Weidle Mitglied des Vorstands der Kurt Wolff Stiftung. Gestern Abend war denn auch Thema, wie zunehmend schwer es kleinere Verlage haben, in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen werden: Große Buchhandelsketten sind denn doch eher mit Schnelldrehern und der Bestsellerei beschäftigt … Hier will die Wolff-Stiftung Abhilfe schaffen, und zumindest der auflagenstarke Katalog mit Kurzprofilen der teilnehmenden Verlage wird vom Handel und den Endkunden stark nachgefragt.

Literatur der 20er und 30er Jahre bei Weidle? Stimmt, aber auch nicht so hundertprozentig: Zunehmend werden nämlich auch Gegenwartsautoren veröffentlicht: Hanne Kulessa, Jörg. W. Gronius, Otto A. Böhmer, Johannes Muggenthaler und – ja, auch ein Gegenwartsautor: Ex-USA-Präsident Jimmy Carter, von dem ein Gedichtband vorliegt.

Außerdem ist Weidle ein Kunstverlag, er publiziert Kunstkataloge, Künstlermonographien und hat gerade auch im Sachbuchbereich ein spektakuläres Buch zum Thema Raubkunst vorgelegt: Das von George Grosz’ Nachlassverwalter Ralph Jentsch sorgfältig recherchierte Alfred Flechtheim und Georg Grosz.

Und Weidle ist natürlich nicht nur Verleger: von einem seiner Lieblingsautoren, D.H. Lawrence hat er mit der Übersetzung des Romans Arons Stab für eine späte deutsche Erstausgabe gesorgt.

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