Ein Offener Brief an alle deutschsprachigen Verlage: „Wenn wir Unabhängigen Buchhandlungen eines Tages nicht mehr da sein werden – wovon wollen Sie dann existieren?“

Hartwig Bögeholz, der Inhaber der Jürmker Bücherstube GmbH, Wolfram Schwarzbich, der Betriebsleiter Stiftung Bethel – Betriebe Bethel – Buchhandlung Bethel und Christian Röhrl, der Inhaber Geschäftsführer Buchhandlung Bücherwurm GmbH haben – stellvertretend für ihre unabhängigen Kollegenfirmen – diesen  Offenen Brief an die Verlage im deutschsprachigen Raum geschrieben:
Sehr geehrte Verlegerinnen und Verleger, sehr geehrte wirtschaftlich Verantwortliche in den Verlagen,

Sie haben gewiß die Fanfarenstöße vernommen, die den bevorstehenden wirtschaftlichen Angriff auf Ihre Verlage einläuten.

Wenn jemand, der derzeit unter starkem Druck steht und womöglich sogar ernsthaft angeschlagen ist, eine „großartige Zukunft für stationäre Buchhandlungen“ ausruft und „nach Corona ein starkes Wachstum im stationären Handel“ beschwört – dann müssen bei Ihnen alle Alarmglocken schrillen. Der Filialist denkt mitnichten daran, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen – sondern an Ihren.

In einfaches und verständliches Deutsch übersetzt bedeuten diese Sätze nämlich: Damit wir wieder auf die Füße kommen, sollt ihr Verlage bluten. Wir alle wissen, dass Groß- und Größtkunden mit 50 Prozent Nachlaß schon lange nicht mehr zufrieden sind. 60plus, ja, 60plusplus wird die neue Richtung sein (selbst wenn sich der Börsenverein zu begrenzenden Regelungen durchringen sollte). Entsprechende Forderungen werden Ihnen in Kürze, wenn Sie zum Befehlsempfang in die Zentrale bestellt werden, vorgelegt werden. So weit, so schlecht.

Oder auch, so gut.

Denn dieser kommende Moment beschert Ihnen, Ihrem und allen anderen Verlagen, eine bisher ungekannte Macht. Waren bisher die großen Stückzahlen ein extrem effektives Folterinstrument Ihnen gegenüber, haben sich diese vorerst zu einer Zukunftshoffnung verflüchtigt. Genau hier liegt Ihre einmalige Chance: Wenn Sie jetzt nicht die Courage aufbringen, dreiste Erpressungsversuche abzuwehren und sich damit aus der Defensive zu befreien – dann ist Ihnen nicht mehr zu helfen.

Wenn wir die bisher von allen Verlagshäusern angewandte Logik beim Wort nehmen, dass steigende Stückzahlen höhere Rabatte bedeuten – dann wäre es nur konsequent, wenn Sie dem Ihrer Kunden Rabatte kürzen, der in 2020 als auch aktuell geringere Umsätze mit Ihnen erzielt (hat).

Zugleich müssten Sie Ihrer eigenen Logik nach all den Unabhängigen Buchhandlungen, die mit großem Engagement, Einsatz und Einfallsreichtum in 2020 wie auch aktuell gesteigerte Umsätze für Ihr Haus generiert haben und generieren (oft natürlich via Barsortiment), höhere Rabatte oder anderweitig deutlich verbesserte Konditionen zuteil werden lassen.
Entscheiden Sie sich richtig.

Sie wissen selbst am besten, wo Sie Ihre Deckungsbeiträge erwirtschaften. Wenn Sie in dieser Konstellation einknicken, dann bleiben Ihnen nur noch die mittleren und kleinen Buchhandlungen, um Ihre ebenso offenkundigen wie ungerechtfertigten ´Subventionen´ an den Filialisten aufzufangen.Ob wir Unabhängige Buchhandlungen dieses bittere Spiel, so wie es bislang verläuft, noch länger mitmachen werden?

Zudem: Wenn wir Unabhängigen Buchhandlungen eines Tages nicht mehr da sein werden – wovon wollen Sie dann existieren?“

Kommentare (3)
  1. Bemerkenswert ist, wie laut insbesondere einige Verlagsgrößen, zu diesem Thema beharrlich schweigen können, wo es doch gerade jetzt wichtig wäre, von denen etwas zu hören. Es wird sich hasenfüßig weggeduckt und abgewartet, anstatt zum Beispiel dem mutig vorpreschenden Peter Haag von KEIN & ABER in irgendeiner Form zur Seite zu springen.

    „Ob wir Unabhängige Buchhandlungen dieses bittere Spiel, so wie es bislang verläuft, noch länger mitmachen werden?“

    Nö, brauchen wir auch nicht! Denn gerade die Programme der oben erwähnten Verlage sind inzwischen von solch einer gottvollen Austauschbarkeit geprägt, die sie für uns extrem ersetzbar macht. Es ist keine ganz schwere Übung, den Einkauf an dieser Stelle komplett durchzulüften.

    Nun denn, bis zum Ende dieses Jahres wird sich wahrscheinlich vieles geklärt haben, spätestens dann werden wir hier aber ggf. auch einige eingeübte Handelsbeziehungen und die Alternativen dazu neu gedacht haben.

    Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

  2. Seit Random House keine Vertreter mehr in den kleinen mittelständischen Buchhandel schickt – weil finanziell nicht vertretbar – bestelle ich ohnehin nichts mehr direkt. Wenn dann aber eine Konditionsverhandlung wegen einer grösseren Bestellung vonnöten ist, werde ich mit Konditionen abgespeist, die unter 40% Rabatt sind, mit dem Argument, man habe den Mindestbestellwert von x.tausend Euro nicht erreicht, weil Sie haben den Grundrabatt von 35%, weil sie nicht Direktbesteller sind. z.B. Bibliotheksbestellung 30 Expl. von Titel x, beim BS 25 % Rabatt, weil es eben so ist, beim Verlag 30 %, abzgl. 10 % Bibliotheksrabatt. Kostenlose Lieferung, bin ich bei unter 25% Verdienst. Gleiches Buch, weil Beststeller wird an Amazon mit 55% geliefert, Thalia und Konsorten mit 50% plus ebenso. Ja, wo simmer denn???

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