Fabio Andina über sein Buch "Tage mit Felice" (Rotpunktverlag) „Ein Buch, das die Menschen im Innersten berührt“

Fabio Andina (c) Malik Andina

Immer freitags hier ein Autorengespräch:

„Ein minimalistisch erzählter Roman über die Kunst des einfachen Lebens“ Der italienische Schriftsteller Fabio Andina erzählt in seinem Roman Tage mit Felice (Rotpunktverlag) von einem beeindruckenden Jungen mit einer inspirierenden Lebensphilosophie.
Anlass für Fragen an Andina, dessen zweiter Roman hiermit erstmals (von Karin Diemerling)  ins Deutsche übersetzt wurde.

BuchMarkt: Worum geht es in Ihrem Buch und wie würden Sie/sollen wir das Buch einordnen?

Fabio Andina: Der Roman handelt von Felice, einem neunzigjährigen Mann in einem Dorf in den Tessiner Alpen. Dieser schweigsame und eigenbrötlerische Felice steigt jeden Morgen noch im Dunkeln, sei es Sommer oder Winter, bei Regen, Eis und Schnee, eine Stunde hoch in den Wald, um in einer tiefen Stelle im eiskalten Bergbach zu baden.

Die Welt der Berge und die allgegenwärtige Natur spielen eine große Rolle. Man könnte das Buch zwischen Cormac McCarthy und Cesare Pavese stellen. Vor allem wegen seines knappen, minimalistischen Stils und der realistischen Darstellung des bäuerlich geprägten dörflichen Lebens.

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Welche Bedeutung hat das Buch für Sie persönlich?

Dieser Felice also – es hat ihn wirklich gegeben, seit nun fast fünf Jahren ist er tot – hat mich zunächst für sich eingenommen und dann ganz erobert mit seiner Lebensphilosophie, die ich schwarz auf weiß zu Papier bringen wollte. Felice war ein absolut minimalistischer Mensch, in dem Sinne, dass er hat kaum etwas besessen hat, nur das, was man wirklich zum Leben braucht. Von ihm habe ich gelernt, auf Überflüssiges zu verzichten, all die Nichtigkeiten, die uns die Gesellschaft aufbürdet und uns damit zu Sklaven der kapitalistischen Welt macht, abzuschütteln. Felice verfügte über eine große Disziplin, selbstauferlegt; Streifzüge durch die Natur, aufmerksam sein für die alltäglichen Verrichtungen, beobachten, was rechts und links zu sehen und zu hören ist, das bestimmte seine Tage. Felice war ein mystischer Bergbewohner, der Weise des Dorfs.

Also eine Art spirituelle Anleitung?

Genau. Eine spirituelle Anleitung – in die der Leserin/dem Leser sich versenken kann und die womöglich zu einem Lebensstil, der in unserer Gesellschaft rar geworden ist, anregt.

 Woher kam die Inspiration zu Ihrem Roman?

Tage mit Felice ist ein entschleunigendes Buch. Indem wir Felice darin folgen, wie er mit entschlossener Ruhe seinen täglichen Tätigkeiten nachgeht, fragen wir uns: „Und ich? Gefangen in diesem hektischen, aufgedrehten Leben, immer in Hetze, wohin soll das eigentlich führen? Will ich wirklich so leben?“

Ohne es ausdrücklich zu sagen, lässt uns Felice verstehen, das dies nicht das richtige Leben sein kann.

Und was heißt „Leben“?

Leben heißt, zur Natur zurückzukehren, heißt durch einen Pinienwald zu laufen, die Stille zu hören, die man dort finden kann. Leben heißt, sich auf einem Berggipfel auszustrecken und einer Wolke zuzusehen, wie sie vorbeizieht, und uns daran zu erinnern, wie wir dies schon als Kind getan haben. Felice hat mich wiederentdecken lassen, was Leben heißt, und nun folge ich seiner Anleitung.

 Welche Leserschaft wollen Sie ansprechen?

Tage mit Felice ist ein Buch für alle. Es wurde inzwischen schon von Kindern in der fünften Klasse gelesen, es war Aufsatzthema bei der Abschlussprüfung an einem Gymnasium, ich weiß von fünfzigjährigen Anwälten, dreißigjährigen Sportlern, achtzigjährigen Dorfbewohnern, die es gelesen haben. Jede und jeder, die und der gern liest, kann daran Gefallen finden, denn mit dem Aufschlagen der ersten Seite nimmt Felice gewissermaßen neben einem Platz, ganz diskret, und begleitet die Lektüre, lädt zu langen Spaziergängen ein oder, wenn man dann will, auch zum Bad im eiskalten Wasser des Bergbachs.

Mit welchen Argumenten kann der Buchhändler Ihr Buch am besten verkaufen?

Ich haben von LeserInnen, die mir über meine Website schreiben, erfahren, dass das Buch ganz oft auch ein zweites oder drittes Mal gelesen wird. Alle sagen, dass sie durch die Lektüre eine unglaubliche Nähe zu Felice erleben, es sei, als habe man einen neuen Freund gewonnen. Manche sagten auch, dass sie gegen Ende angefangen hätten, langsamer zu lesen, um den Abschied von Felice hinauszuzögern. Das scheint mir die wesentliche Kraft des Romans zu sein: die Freundschaft, die man schließt, die Nähe, die sich zu Felice herstellt, und das Gefühl, zum Dorfleben dazuzugehören. Ein Buch, das die Menschen im Innersten berührt.

Und Sie persönlich? Was lesen Sie?

Früher, mit zweiundzwanzig, als ich anfing zu schreiben, habe ich die Autoren der Beat Generation geliebt: Jack Kerouac, William Burroughs, Gragory Corso … Danach gab es eine Phase mit französischen Klassikern: Guy de Maupassant, Émile Zola, Gustave Flaubert. In den letzten Jahren kamen Cormac McCarthy, Cesare Pavese, John Steinbeck, Ernest Hemingway, Jack London. Und vor nicht allzu langer Zeit habe ich Kent Haruf entdeckt, dessen Bücher ich lese und wiederlese.

 Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet?

Wie ist der Roman entstanden?

Hier können Sie dies tun:

Eine erste Fassung des Buchs von etwa 150 Seiten ist innerhalb weniger Tage in meinem Bergdomizil entstanden, ganz im Stil der Beat Generation. Es war Winter, Felice lebte noch und ich begleitete ihn bei seinen Tagen.

Als das Manuskript dann bei Rubbettino, dem italienischen Verlag in Kalabrien lag, begann die Überarbeitung. Der dortige Programmleiter gab mir Anregungen, ich fügte hinzu, machte Streichungen, schrieb um. Eine Arbeit, die ein Jahr dauerte. In der letzten Phase habe ich noch einmal jedes überflüssige Wort gestrichen, um Passagen zu verdichten, in jedem Satz bis an den Knochen vorzudringen. Ich kam mir vor wie ein Bildhauer, der mit Hammer und Meißel einen Steinblock bearbeitet. Wegnehmen, immer mehr wegnehmen, bis das Bild, das ich im Kopf hatte, langsam vor mir auftauchte. Streichen, immer mehr streichen, um im Erzählstil den Minimalismus von Felice nahezukommen.

Aus dem Italienischen von Daniela Koch

Die Fragen stellte Franziska Altepost

Kommentare (1)
  1. Schade, dass Sie die Übersetzerin des Buchs nicht nennen. Und im ersten Absatz sollte es wohl ein beeindruckender Alter sein.

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