Florian Havemann zu seinem Roman im Europa Verlag über "eine große Liebe in finsterer Zeit“ „Das Vorbild ist die Vorstellung, wie ein Roman zu sein hat, komplex und einfach, ausschweifend und trotzdem eine starke Geschichte verfolgend, Politik, Kunst und Erotik zusammenbringend“

Im  Europa Verlag ist jetzt Florian Havemanns Roman SPEEDY-SKIZZEN über „eine große Liebe in finsterer Zeit“ erschienen. Worum es in diesem „großen Roman über das Berlin der wilden 20er Jahre“ geht, das war Anlass für unser heutiges Autorengespräch:

Florian Havemann: „Ich habe 12 Jahre als Autor im inneren Exil verbracht, länger als die ganze Nazi-Zeit, ein Vergleich, der sicher etwas blasphemisch wirkt, sich mir aber aufdrängt, wo doch der Roman in der Nazi-Zeit spielt, und eine Figur zum unheldischen Helden hat, den Maler Rudolf Schlichter, der in dieser Zeit völlig an den Rand gedrückt war“ © Uwe Hauth

Herr Havemann, das fragen wir immer zuerst: Worum geht es in Ihrem Roman  SPEEDY-SKIZZEN?

Florian Havemann: Da müsste ich nochmal nachlesen – um eine Frau, einen Mann, ein Ehepaar, um die 20er Jahre, die Nazizeit, um Politik und Kunst, um Erotik im Widerstand, und vieles, vieles mehr, und wenn es etwas gibt, was all das zusammenhält, wird es der Leser schon finden.

Helfen Sie trotzdem bitte einem geplagten Buchhändler mit einem roten Faden durch Ihren monumentalen Roman.

Die Geschichte lässt sich in zwei Sätzen erzählen. Satz 1: Ein Mann kommt in Gefängnis, weil seine Frau mit andern Männern schläft, und ihr Mann nimmt es hin, das Ehepaar lebt auch dann von ihren Liebhabern – der Vorwurf: der der unnationalsozialistischen Lebensweise. Satz 2: Der Mann kommt wieder aus dem Gefängnis heraus, weil sie mit ein paar Männern schläft.

Mit welchem Argument kann ein Buchhändler SPEEDY-SKIZZEN wem  am besten verkaufen?

Nur mit dem Argument, das einem Buchhändler selber einfällt, denn nur das zählt. Aber auf alle Fälle ist das ein Argument, dass es in diesem Buch viel zu lesen gibt. 

Sie untertreiben etwas, es sind weit mehr als achthundert Seiten… 

Doch Speedy ist kein Buch, das auf eine Gruppe zielt, der Roman von einem Einzelnen für andere Einzelne geschrieben, für einsame Menschen, verzweifelte Menschen, für Menschen, die sich schwach fühlen, für die Menschen, die keine Losungen mehr hören wollen, nichts mehr von einfachen Lösungen wissen wollen, für Leser, die eine Welt in ihrer Komplexität dargestellt bekommen wollen, die in eine Welt eintauchen wollen, die nicht die ihre ist, die dann aber für 842 Seiten ihre Welt wird, für Leser, die sich selbst im Fremden wiedererkennen wollen

Auf der Webseite Ihres Verlages heißt es, „Florian Havemanns berüchtigter Roman nach 12 Jahren im Verborgenen endlich veröffentlicht …“

Speedy ist eigentlich seit vierzehn Jahren fertig,  Mein Havemann ist im Jahre 2007 bei Suhrkamp erschienen, danach war es mir und meinem Agenten Alexander Simon nicht möglich, einen Verlag zu finden, der den Mut hatte, ein Buch von mir zu veröffentlichen. Ich habe dann 12 Jahre als Autor im inneren Exil verbracht, länger als die ganze Nazi-Zeit, ein Vergleich, der sicher etwas blasphemisch wirkt, sich mir aber aufdrängt, wo doch der Roman in der Nazi-Zeit spielt, und eine Figur zum unheldischen Helden hat, den Maler Rudolf Schlichter, der in dieser Zeit völlig an den Rand gedrückt war.  

Ihr Verlag spricht von einem meisterlichen Künstlerroman …

… die eigentliche Hauptfigur des Romans, die, um die sich alles dreht, für diesen Mann dreht, ist aber seine Frau, Speedy.

Hatten Sie dafür auch ein Vorbild?

Im Nachhinein ist mir aufgefallen: Das ist ja eigentlich Madame Bovary, nur hundert Jahre später, hundert Jahre, mehr nicht, und alles ist anders geworden. Auch, wie man ein solche Geschichte erzählen sollte. Ich habe den Roman geschrieben, den ich schon lange gerne hätte lesen wollen. Da es ihn nicht gab, musste ich ihn selber schreiben. Das Vorbild ist die Vorstellung, wie ein Roman zu sein hat, der mich interessiert, so komplex und einfach, so ausschweifend und trotzdem eine starke Geschichte verfolgend, Politik, Kunst und Erotik zusammenbringend.  

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 Sie kennen sich in der Kunstszene aus?

 Nicht wirklich – ich versuche, zur Kunstwelt Abstand zu halten, und das mit großem Erfolg.

 Aber Sie haben doch eine Galerie?

 Ja, in der Friedrichstraße 119, aber das ist eine Galerie, in der es nur meine eigenen Bilder zu sehen gibt – zu sehen, nicht zu kaufen. Diese Räume hat mir der sprichwörtliche reiche Amerikaner, Mr. Albert Wenger aus New York, der meine Kunst liebt, für zwei Jahre gemietet.

Es ist eine schwere Zeit für Künstler und Autoren derzeit, wie gehen Sie damit um? 

Nichts anderes als sonst auch, ich schreibe, ich male, ich treffe mich mit Menschen, die mir nahestehen, tausche mich mit ihnen aus – nur mit meiner Galerie in der  Friedrichstraße 119 ist es etwas schwierig, da gibt es doch für viele eine gewisse Scheu, sie in diesen Zeiten zu betreten. 

Und Lesungen dürften derzeit auch kaum machbar sein… 

Ja, Lesungen zu machen, das ist für alle schwierig, auch für mich, aber ich hätte auch nichts dagegen, vor sehr wenigen zu lesen, wenn die Corona-Auflagen nichts anderes hergeben. 

Und wie ist Ihre Sicht derzeit auf die Situation um uns herum?

Natürlich macht man sich so seine Gedanken – ich bin da nicht anders als andere Menschen. Meine Gedanken sind nicht wichtiger als die anderer, und sollte es mir doch auf sie so sehr ankommen, dann wüsste ich als Staatsbürger Wege, sie zu äußern. Aber ich bin ja hier als Autor gefragt, und als Autor melde ich mich nur ungefragt zu Wort, in meinen Büchern.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (1)
  1. Hallo Christian!
    Ein ehemaliger Mitschüler von Dir – Buchhändler – hat diesen vorliegenden Text gelesen! Mein Name: Wilfried Redlich – in der Ausbildung von 1964-1966 beim Verlag Butzon & Bercker – und ich finde es gut, dass Du noch aktiv sein kannst! Recht herzliche Grüße von mir!

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