Markus Flexeder über seinen Roman "Feuerbach" (ars vivendi) „Letztlich geht es um die Suche nach den eigenen Talenten im Leben“

Einen Winterkrimi legt Markus Flexeder mit seinem neuen Roman Feuerbach (ars vivendi) vor. Die Geschichte spielt überwiegend in München im Jahr 1922 und vermischt Fakten und Fiktion. Flexeder zeichnet nicht nur ein düsteres Bild der damaligen Gesellschaft – er lässt es auch zeichnen. Von seinen Figuren. Anlass für Fragen:

Markus Flexeders: „Es ist mir wichtig, den Zeitgeist einzufangen, das macht eine gute erst zu einer sehr guten Geschichte – und wenn man sich „historisch“ ans Revers heften will, muss man sich diesem Aspekt besonders widmen (c) Peter Litvai

BuchMarkt: Markus Flexeder, worum geht es in Ihrem neuen Krimi?

Markus Flexeder: Es geht um eine Mordserie an jungen Männern und Knaben. Leichen mit Bisswunden tauchen auf und erinnern an den gerade in den Lichtspielhäusern laufenden Film Nosferatu. Später werden Körperteile in der Isar gefunden. Selbst die London-Times berichtet. Letztlich geht es um die Suche nach den eigenen Talenten im Leben, den Umgang mit psychisch geschädigten Weltkriegsveteranen und das München von 1922.

Mit Feuerbach legen Sie einen sehr eigenwilligen Krimi vor, eine Montage aus realen und fiktiven Texten, die zusammengenommen eine neue Erzählung ergeben. Was hat Sie dazu inspiriert?

Die EINE Inspiration dazu gibt es nicht. Generell bin ich aber ein Fan von perspektivischer Erzählung. Ein Text muss nicht durchgängig sein. Den gleichen Sachverhalt sehen drei Personen völlig anders, widmen sich demselben Thema dann auch zu unterschiedlichen Zeiten. Hier sind Tagebucheinträge ein wunderbares Mittel. Gepaart mit realen Elementen ergibt dies eine reizvolle Mischung. Es ist mir wichtig, den Zeitgeist einzufangen, das macht eine gute erst zu einer sehr guten Geschichte – und wenn man sich „historisch“ ans Revers heften will, muss man sich diesem Aspekt besonders widmen. Eine solche Geschichte funktioniert nur, wenn sie in einer anderen Zeit gar nicht hätte spielen können. Handlungen, Szenen, Gedanken und Schlussfolgerungen ergeben sich aus den Umständen heraus, welche hundert Jahre später oder früher ja völlig andere wären. Die Recherche macht dies natürlich nicht leichter.

Ihre Erzählung spielt 1922. Eine sehr schwierige Zeit, nicht nur in
München. Wie muss man sich die Stadt, wie muss man sich die Zeit vorstellen.

Von 1885 bis 1905 verdoppelte sich die Einwohnerzahl in München. Diese Dichte an Menschen, ohne merklichen Flächenzuwachs, war noch über Jahrzehnte zu spüren. Gleichzeitig kreuzten Trambahnen, Automobile und Droschken die Straßen. Es waren Jahre der Orientierung und des Wandels. Zahlreiche politische Strömungen kämpften um die Führung. Der Staat war fragil und was heute noch gewiss schien, konnte morgen schon wieder ganz anders sein. Besonders zu Beginn der 20er Jahre herrschte in allen Bereichen ein Zustand der Unzufriedenheit. Der Krieg war verloren, ein ganzes Land traumatisiert, die Staatskassen waren leer und Millionen an Arbeits- und Obdachlosen kämpften ums nackte Überleben. Am Rande sei aber erwähnt, die Münchner Stammtischkultur gab es damals trotzdem schon. Kalte, enge Wohnungen trieben die Menschen in Bierhallen und Lokale. Allerdings nur, bis die Geldentwertung mit voller Wucht zuschlug. Während der Hyperinflation, kostete ein Stück Brot schlussendlich Milliarden. Zugleich zählte München damals, noch viel mehr als heute, zum kleinen Kreis führender Metropolen in Sachen Forschung, Kunst, Theater und Literatur.

Obwohl Ihr Roman ein literarischer Krimi ist, ist er doch nichts für
zarte Gemüter. Schon in Ihren vorangegangenen Werken waren Nerven hilfreich. Ist es die Faszination des Bösen, die Sie uns hier zeigen?

Das Böse fasziniert wohl immer mehr als das Gute. Und wenn man das Böse betrachtet: Eifersucht, Frust oder Geldgier sind vielfach der Antrieb für Mörder. Doch es gibt es noch eine andere Spezies von Menschen, die Menschen töten. Diese tötet aufgrund eines Triebes, den man nur schwer greifen oder gar begreifen kann. Letzteres empfinde ich entschieden interessanter als das andere.

Sie lassen in Ihrem Roman auch reale Personen aus der Zeitgeschichte
auftreten – von Kronprinz Rupprecht über Karl Valentin bis hin zu Max
Schreck, dem berühmten Nosferatu-Darsteller. Wieviel Freiheit hat man als Dichter, wenn man sich diesen Kunstgriff erlaubt?

Für meine Begriffe ist die Freiheit auf Bereiche begrenzt, die man nicht belegen kann, die also nicht völlig unmöglich wären. So bewegt man sich in einer Grauzone, die aber dennoch abgesteckt ist. Belegbare Aufenthaltsorte müssen stimmen, Optik, Verhalten, Positionen in der Gesellschaft oder im Staate sollten deckungsgleich mit der Realität sein. Je nachdem ob es nötig ist, natürlich auch die Charakterdarstellung oder bestimmte Eigenheiten. Und manchmal birgt die Fiktion mehr Wahrheit als die Realität …

Es fällt auf, dass Sie darauf verzichten, sympathische
Identifikationsfiguren anzubieten. Stattdessen stellen Sie ein Tableau
komplexer Charaktere vor und führen – mit Verlaub – Ihre Leser bis zum Schluss an der Nase herum, weil nichts ist, wie es scheint …

Das ist doch die Aufgabe eines guten Krimis, an der Nase herumzuführen. Aber Scherz beiseite, auch im realen Leben besitzt jede Person verschiedene Facetten. Ich versuche meine Protagonisten immer von allen Seiten darzustellen und wenn dies dazu führt, die Figuren als nicht sympathisch zu empfinden, dann ist das so. Ein Umstand der im echten Leben nicht anders ist. Ich bin mir sicher, wenn wir über jeden sozialen Kontakt alles wüssten, wären die Sympathien sehr schnell halbiert, auch wenn nicht jeder gleich zu einem Mörder mutieren würde.

 

 

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