Andreas Storm über sein Buch "Das neunte Gemälde" (Kiepenheuer & Witsch) „Politthriller? Kunstkrimi? Geschichtsroman? Alles in einem!“

Andreas Storms Buch Das neunte Gemälde (Kiepenheuer und Witsch/ET 18. August) ist der erste Band seiner neuen Krimireihe um den Kunstexperten Lennard Lomberg. „Der Weg des Manuskripts in und durch den Verlag ist in der Tat ungewöhnlich – und auch von ausgesprochen glücklichen Umständen begleitet worden“, verrät der Autor. Anlass da mal genauer nachzufragen:

Andreas Storm: „Wenn man sich für ‚Sourced Fiktion‘ als Genre entschieden hat, solltest man die Quellen auch genau studieren, um sicherzustellen, dass die Fakten, die man fiktional variiert, auch stimmen. Insoweit ist die Geschichte, wie ich sie erzählt habe, schon mit erheblicher Recherchearbeit verknüpft. Wie Autoren das im Vor-Google-Zeitalter geschafft haben, nötigt mir größten Respekt ab.“

BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?

Andreas Storm: Es geht um ein geheimnisumranktes Kunstwerk – Das neunte Gemälde. Entstanden in den Frühtagen des Ersten Weltkriegs fällt es 1943 dem Kunstraub der Nazis in Frankreich zum Opfer und verschwindet danach unter dramatischen Umständen von der Bildfläche. In der Gegenwart des Jahres 2016 taucht es unvermittelt wieder auf und steht zum wiederholten Mal im Mittelpunkt eines Verbrechens. Der Bonner Kunstgutachter -Lennard Lomberg- wird von einer mysteriösen Stiftung kontaktiert, die mit seiner Hilfe eine sachgerechte Restitution des Gemäldes sicherstellen will. Lomberg nimmt sich der Angelegenheit nur widerwillig an und muss schon bald erkennen, dass ihn die Geschichte des neunten Gemäldes zu der seines eigenen Vaters führt. Er wird zum Ermittler in eigener Sache und stößt dabei nicht nur auf die väterlichen Geheimnisse, die -Ex-Generalbundesanwalt Ernst Lomberg- ins Grab genommen hat, sondern enthüllt nebenbei auch eine kunsthistorische Sensation.

Wie entstand die Idee, über dieses Thema ein Buch zu schreiben? 

Klick mich

Die kühne Idee, mich eines Tages an einem Buch zu versuchen, habe ich lange mit mir herumgetragen. Als der Plan irgendwann konkreter wurde, kam nur Spannungsliteratur in Frage. Auf der Suche nach einem interessanten kriminalistischen Sujet war ich schon beim Thema Beutekunst angelangt, als ich im Frühjahr 2016 auf einen Zeitungsartikel stieß. Dieser handelte von der Bilderverbrennung der Nazis am Jeu de Paume im Paris des Jahres 1943 – und sollte schließlich den entscheidenden Anstoß geben.

Jahrzehntelang haben Kunsthistoriker darüber gestritten, was seinerzeit tatsächlich verbrannt wurde. Bedeutende Werke der sog. „Entarteten Kunst“ oder doch nur wertloser Plunder? Hatten die Nazis wirklich ernst gemacht und Picassos ins Feuer geworfen oder war das alles nur eine große Show? Genau diesen Mystery-Faktor fand ich besonders spannend – und dankbar, um entlang der verbrieften Fakten eine fiktionale Geschichte zu entwickeln. Die Idee, dass ein dem Feuer geweihtes Gemälde seinem Schicksal seinerzeit entkommen sein könnte, lag für mich geradezu auf der Hand. Ich habe sofort gespürt, dass ich meine Geschichte gefunden hatte. Zumindest den Anfang. Dann kam eins zum anderen. Zeile für Zeile und Seite für Seite.

Fühlen Sie sich in irgendeiner Art und Weise selbst mit ihrer Geschichte verbunden? 

Meine Lebensgeschichte lieferte überhaupt kein Template für meinem Roman. Allen voran meine Hauptfigur Lennard Lomberg ist keinesfalls die James Bond-Version meiner selbst. Auch mit der Welt des Kunsthandels hatte ich persönlich nie etwas zu tun. Abseits davon: natürlich! Ich bin mit den Schauplätzen der Erzählung, sei es London, Paris oder Südfrankreich, persönlich sehr vertraut. Weinliebhaber bin ich auch und obendrein auch geschäftlich in dieser Welt unterwegs. Aufgrund meines Alters ist die Bonner Republik für mich kein abstraktes Kapitel im Geschichtsbuch, sondern ein gutes Stück eigener Biografie. Auch der Nachhall des Krieges in diese Zeit hinein hat mich von Kindesbeinen an begleitet. Speziell deshalb, weil ich in einem strukturell überalterten Familienverbund aufgewachsen bin. Erzählungen von Kriegserlebnissen in Dauerschleife bildeten den Soundtrack meiner Sonntagnachmittag-Kaffee-und Kuchen-Kindheit.

Als ich 15 Jahre alt war, erschien mir der kollektiv gepflegte Opferkult meiner Verwandtschaft bereits ziemlich fragwürdig – und meine Fragen wurden dann auch zunehmend unbequem. Der Onkel mit dem inoperablen Granatsplitter im Kopf spendete genauso Inspiration wie jenes Familienmitglied, das einst mit Willy Brand zur Schule gegangen war, und später meinte, dass der „Frahm“ schon als Kind ein Feigling war.

Worin bestand die Schwierigkeit, die Geschichte so aufs Papier zu bringen, wie sie nun im Buch zu lesen ist? 

Von Schwierigkeiten will ich gar nicht reden. Eher von Anspruch. Wenn man sich für „Sourced Fiktion“ als Genre entschieden hat, solltest man die Quellen auch genau studieren, um sicherzustellen, dass die Fakten, die man fiktional variiert, auch stimmen. Insoweit ist die Geschichte, wie ich sie erzählt habe, schon mit erheblicher Recherchearbeit verknüpft. Wie Autoren das im Vor-Google-Zeitalter geschafft haben, nötigt mir größten Respekt ab.

Eine gewisse Komplexität ergab sich natürlich auch dadurch, dass ich in drei Zeitebenen – 1943, 1966, 2016 – geschrieben habe. Da muss man natürlich den Sound modulieren. Und im Besonderen aufpassen, dass man sich nicht im Vokabular verirrt. 1966 hatte man in Deutschland noch keinen „Job“ sondern einen Beruf bzw. eine Arbeitsstelle.

Welche Zeilen schreiben sich leichter – die ersten oder die letzten? 

Sowohl die ersten, wie auch die letzten Zeilen gehen leicht von der Hand. Die dazwischen sind harte Arbeit.

An wen richtet sich das Buch? 

Von Berufs wegen war so gut wie alles, was ich in den letzten 30 Jahren geschrieben habe, für eine definierte Zielgruppe bestimmt und von daher immer „domestiziert“. Mich einmal davon freizumachen, besser gesagt „zu befreien“, war ein ganz wesentlicher Antrieb. Ich habe das Buch einfach so geschrieben, dass es mir selbst als Leser Spaß machen würde. Insoweit könnte ich also antworten, dass ich es für Menschen wie mich selbst geschrieben habe.

Demnach für folgende „Zielgruppe“: Männer und Frauen, tendenziell in der zweiten Lebenshälfte, die mit Leidenschaft Spannungsliteratur jenseits von handelsüblichen Mord- und Totschlag-Krimis lesen. Ein grundsätzliches Interesse an politisch-historischen Zusammenhängen mitbringen und damit auch die Bereitschaft, die eine oder andere „Geschichtsstunde“ über sich ergehen zu lassen. Große Vorkenntnisse in der Kunstgeschichte wollte ich den Lesenden nicht abverlangen und behandele diesen Aspekt darum auf einem eher „populären“ Niveau.

Diese 3 Wörter beschreiben es perfekt …

In der Vorschau des Verlags steht: „Politthriller? Kunstkrimi? Geschichtsroman? Alles in einem!“ Es sind also 6 Wörter, die sich die Buchhändler:innen merken müssen. Sorry!

Das neunte Gemälde ist der erste Band der Krimireihe – verraten Sie den Lesern schon, wie es weiter geht?

Als ich 2016 mit dem Schreiben begann, war das Projekt „ich schreibe jetzt mal ein (1) Buch“ eine große persönliche Herausforderung und der Gedanke, es könnte sogar eine Reihe werden, völlig fern. Auf halber Strecke ist mir das serielle Potenzial einer „Lennard Lomberg-Reihe“ jedoch bewusst geworden und das hat das weitere Schreiben dann auch beeinflusst. Als ich –Das neunte Gemälde- bei Kiepenheuer & Witsch vorstellen durfte, hatte ich die Umrisse meiner zweiten Episode bereits im Kopf. Ein Lomberg-Roman verbindet stets a) ein zeitgeschichtlich dramatisches Ereignis der jüngeren europäischen Geschichte mit b) kunsthistorischen Begebenheiten der betreffenden Zeit und c) Bezügen zur Geschichte der Bonner Republik. In meinem zweiten Roman -Die Triade von Madrid- geht es a) um das Drama des Spanischen Bürgerkriegs, um b) die Surrealisten-Bewegung um Dalí, Lorca und Buñuel sowie c) um die unheilvollen Kontinuitätslinien zwischen dem Franco-Regime und rechtsgerichteten Kreisen in der BRD.

Wieder steht ein besonderes Kunstwerk mit bewegter und auch tragischer Geschichte im Mittelpunkt. Und wieder kreuzt die Suche nach der Wahrheit eine persönliche Episode im Leben des Lennard Lomberg, dessen Verwandlung vom Kunstexperten zum Kunstdetektiv unaufhaltsam voranschreitet.

Das Manuskript, so viel wissen wir, hat einen sehr ungewöhnlichen Weg genommen. Stimmt das? Erzählen Sie mal: Wie hat das Manuskript denn dann den Weg in den Kiepenheuer & Witsch Verlag gefunden?

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Ich habe mir im gesamten Schreibprozess – von immerhin fast 4 Jahren – keine großen Gedanken über eine Veröffentlichung gemacht bzw. diese auch bewusst verdrängt. Im Wissen um die immensen Hürden, einen Verlag zu finden, der mein Buch veröffentlicht – umso mehr ein derart renommierter wie Kiepenheuer & Witsch – wollte ich mich von meinen geringen Erfolgsaussichten nicht entmutigen lassen. Wäre das allzu wahrscheinliche Szenario eingetreten, hätte ich das auch nicht als Scheitern empfunden, weil es mir über die ganze Schreibzeit hinweg vor allem um die persönliche Herausforderung („du kannst das, du schaffst das“) ging. Als ich schließlich fertig war, fiel das Gefühl des Triumphs („ich habe es geschafft“) aber dann doch nicht ganz so groß aus und es stellte sich ein Gefühl der Ratlosigkeit ein („und was jetzt?)

Glücklicherweise erhielt ich praktisch „mit der letzten Seite“ den Anruf eines Freundes, der anbot, mein Exposé an geeigneter Stelle zu platzieren. Besagter Freund ist Inhaber einer Espressobar-Kette, die u.a. am Kölner Bahnhofsvorplatz ein Lokal betreibt – gewissermaßen die „Hausbar“ von KiWi. Die Rede war von einem „Stammgast“, dem er bei passender Gelegenheit das Exposé über die Theke reichen wollte. Bei diesem Stammgast wiederum handelt es sich um Helge Malchow, den langjährigen verlegerischen Geschäftsführer und heutigen Editor-at-large bei KiWi. Er muss es dann wohl sofort gelesen und für interessant genug befunden haben, um umgehend mein Manuskript anzufragen. Dann zogen drei Wochen ins Land, als plötzlich das Telefon klingelte – Helge Malchow, der mit der Frage eröffnete: „Das ist aber nicht Ihr erstes Buch, oder ..?“ Damit gab er mir zu verstehen, dass er nicht nur meine Geschichte mochte, sondern auch die Art und Weise, wie ich sie geschrieben habe. Ein „Ritterschlag“, den ich so in keiner Weise erwarten konnte – und ein Moment, den ich nicht vergessen werde. Entschieden sei aber noch nichts; er würde einen Kollegen im Verlag bitten, es zu lesen und abschließend zu beurteilen, hieß es. Die Wahl fiel glücklicherweise auf Moritz Müller-Schwefe, der erst ein Fan des Manuskripts und später der -fabelhafte- Lektor des Buches wurde.

Der Weg des Manuskripts in und durch den Verlag ist in der Tat ungewöhnlich – und auch von ausgesprochen glücklichen Umständen begleitet worden. In meine Freude mischt sich darum auch eine gute Portion Demut. Und Dankbarkeit für die enorme Wertschätzung und Freundlichkeit, die mir vom ersten Tag an bei KiWi entgegengebracht wurde. Ich habe über all das lange nachgedacht und versucht, eine innere Logik finden. Mittlerweile glaube ich, dass es nicht zuletzt meine geringen Erwartungen waren, die mich in die Lage versetzt haben, mich so auf meine Geschichte einzulassen – und sie so aus ganz freiem Herzen aufzuschreiben. Offenbar hat man das am Bahnhofsvorplatz gemerkt – und wenn es so auch bei den Lesenden ankommt, wäre schon mal viel gewonnen.

Die Fragen stellte Franziska Altepost

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