Michael Kursiefen äußert sich zur Kritik an der Verbandsarbeit „Der Börsenverein hat tatsächlich noch Luft nach oben“

Michael Kursiefen: „Ob ein reiner Händlerverband seine Positionen pointierter vertreten könnte? Sicher ja. Ob mit mehr greifbarem Erfolg, das ist fraglich“

Nach Birgit Grallerts Kritik an der Verbandsarbeit in der letzten Ausgabe, äußert sich nun Michael Kursiefen (Leiter Operations COO bei Schweitzer Fachinformation). Er lobt die Dienstleistungen und die Lobbyarbeit des Börsenvereins, sieht aber auch noch „Luft nach oben“.

In der März-Ausgabe hat Buchhändlerin Birgit Grallert in zehn Thesen aufgezeigt, wo sie beim Börsenverein Handlungsbedarf sieht. Wir haben unsere Leserinnen und Leser um ihre Meinung gebeten, wie sie die Arbeit des Verbandes sehen. Michael Kursiefen engagiert sich im Sortimenter-Ausschuss sowie als Sprecher der Interessengruppe PRO (Prozesse – Rationalisierung – Optimierung) des Börsenvereins, antwortete in unserer Apri-Ausgabe (ab Seite 32):

BuchMarkt: Herr Kursiefen, wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit des Börsenvereins?

Michael Kursiefen: Der Börsenverein betreibt meiner Meinung nach gute politische Lobbyarbeit und bietet viele hilfreiche Dienstleistungen für die Buchbranche. Daneben ist er für uns als Fachinformationshändler eine
wichtige Plattform, um uns einzubringen und gemeinsam mit anderen an wichtigen Branchenthemen zu arbeiten. Ich sehe aber auch an einigen Stellen Verbesserungspotenzial: Die interne Kommunikation zwischen den Sparten und den einzelnen Gremien kann man sicher weiter stark verbessern und dazu digitale Tools wie Microsoft Teams einsetzen. Da hat sich bei vielen Mitgliedern die Affinität zur Nutzung von solchen Kollaboration-Tools in der Pandemie gewiss verschoben. Auch einige Projekte der MVB werden aus meiner Sicht oft mit wenig transparenten Prozessen auf den Weg gebracht und beim Projektmanagement ist da auch noch Luft nach oben – Stichwort VLB-TIX. Pauschalkritik im Sinne von „Alles ist schlecht“ finde ich nur wenig zielführend.

Zehn Thesen: Die Leipziger Buchhändlerin Birgit Grallert hatte in der BuchMarkt-Märzausgabe deutliche Kritik an der Arbeit des Börsenvereins geäußert (ab Seite 28)

Wie funktioniert Ihrer Erfahrung nach die Mitwirkung im Verband? Haben Mitglieder die Möglichkeit, ihre Ideen wirksam einzubringen?

Ja, es gibt gute Wege sich aktiv zu beteiligen. Die Strukturreform von 2014 hat, vor
allem mit der Einbindung der Interessengruppen in die Meinungsbildung des Verbandes, die Partizipation der Mitglieder wesentlich verbessert. Die Interessengruppen sind aus meiner Sicht der geeignete Ort sich und seine Themen im Börsenverein einzubringen. Da wird zum Teil wichtige Grundlagenarbeit für alle im Markt gemacht – ich denke da an die IG Digital oder die IG Produktmetadaten als zwei von vielen. Natürlich bewegt man mit seiner Einzelmeinung nicht gleich die gesamte Branche, aber da hilft ein gutes eigenes
Erwartungsmanagement. Daneben gibt es Gremien und Task Forces, in denen man noch intensiver mitdiskutieren und mitentscheiden kann. Auch die Hauptversammlung ist ein Ort, an dem man – natürlich in etwas geringerem Umfang – mitgestalten kann. Wie in der Politik werden viele Themen in einem so großen Verband in Gremien vorbereitet und dann im Vorstand entschieden. Da erlebe ich im Sortimenter- Ausschuss durchaus lebhafte und zum Teil auch konträre Diskussionen. Am Ende ist es aber der Vorstand, der im Verband die bindenden Entscheidungen treffen kann.

Fühlen Sie sich als Sortimenter im Vergleich zu den anderen Sparten ausreichend repräsentiert im Verband?

Meiner Meinung nach kann der verbreitende Buchhandel seine Interessen im Verband gut vertreten. Wenn ich mir z.B. die IGUS (Interessengruppe Unabhängiges Sortiment) anschaue, sehe ich viele engagierte Buchhändler*innen, die sich aktiv und nicht ohne Erfolg in den Verband einbringen. Dass es wirtschaftliche Ungleichgewichte zwischen den Sparten und den einzelnen Branchenteilnehmern gibt und immer geben wird, ist eine Binse. Ob ein reiner Händlerverband seine Positionen pointierter vertreten könnte? Sicher ja. Ob mit mehr greifbarem Erfolg, das ist fraglich. Gerade große Themen wie die Preisbindung, Fragen des Urheberrechts oder den reduzierten Mehrwertsteuersatz auch für elektronische Verlagsprodukte, von denen alle Sparten profitieren, lassen sich im Schulterschluss mit den anderen Branchenteilnehmern ohne Zweifel besser durchsetzen.

Erfahren Sie genügend, was im Verband passiert?

Natürlich ist bei der Kommunikation immer Luft nach oben. Es ist auch unglaublich schwer, bei der Fülle und Bandbreite an Themen und Projekten den Überblick zu behalten. Aber ich verfolge die Pressemitteilungen und Newsletter des Verbandes und erlebe inzwischen, dass einige der Gremien wöchentlich in Videokonferenzen tagen. Die Informationen und die Möglichkeit zum Austausch sind da, man muss sie nur nutzen. Trotzdem überrascht mich auch immer einmal wieder, was dann aus Hauptamt oder Vorstand auf einmal auf die Agenda gehoben wird, von dem man so bisher nichts gehört hat. Ein schönes Beispiel ist da der Verkauf von Büchern auf der Buchmesse, der nun auf einmal auch schon am Freitag stattfinden soll, wogegen wir im Sortiment uns mit aller Vehemenz wehren werden.

Ist der Verband erfolgreich in den Themen, die er angeht?

Wir verdanken dem Börsenverein und den Wirtschaftsbetrieben viel. Allein mit
Blick auf die Corona-Zeit: Die frühzeitige Öffnung der Buchhandlungen nach
dem Lockdown, finanzielle Hilfen und laufend Informationen – ohne den Verband
hätte uns die Krise sicher noch stärker gebeutelt, besonders gilt das für die kleinen
Firmen. Auch das Förderprogramm „Neustart Kultur“ hat der Verband nicht nur
überhaupt erst ermöglicht; er unterstützt bei der Beantragung und im Vergleich zu
manch anderen staatlichen Hilfsprogrammen fließt da auch schon Geld. Und ohne
MVB, Frankfurter Buchmesse und dem Mediacampus in Frankfurt gäbe es weder
die weltgrößte Buchmesse, noch ein VLB als Referenzdatenbank oder qualifizierte
Aus- und Weiterbildungsangebote für die Branche. In einigen Fragen setzt das
Kartellrecht dem Verband Grenzen. Seit Jahren thematisiert der Buchhandel in den Gremien zum Beispiel das Thema der wirtschaftlichen Auskömmlichkeit, bei dem es auch um die Höhe der Buchpreise geht. Diese Lösung dieser Frage liegt aber in der unternehmerischen Entscheidung der Verlage. Der Börsenverein kann in einigen Fragen nur den Rahmen für die Klärung wichtiger Themen stellen und dann liegt es an den Mitgliedern selbst.

Ein brisantes Thema ist derzeit die Diskussionum die Rabattspreizung. Macht der Verband ausreichend, um den Konflikt zu lösen?

Auch wenn davon nicht viel nach außendringt: Dieses Thema ist Gegenstand von
kontroversen Diskussionen in allen Gremien. Da wir hier aber über den Kern und den Fortbestand der Preisbindung sprechen, ist das nichts, was die Beteiligten hitzig in der Öffentlichkeit diskutieren sollten. Der geplante „Runde Tisch“ mit Vertretern aller Sparten ist vielleicht ein Anfang zur Lösung des Problems, er wird aber die wirtschaftlichen Interessengegensätze auch nicht auflösen können. Matthias Ulmer hat dazu kürzlich im Börsenblatt einen wichtigen Beitrag veröffentlicht. Zum Thema Konditionengestaltung kann ich als Fachbuchhändler auch nur immer wieder auf die Frage der Auskömmlichkeit kommen, leider von der anderen Seite. In unserem Bereich der Branche sehen wir seit Jahren von vielen Verlagen einseitige Konditionenkürzungen, einen systematischen
Ausbau des Direktgeschäfts und damiteine schleichende Aufkündigung des
Branchenkonsens.

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