Markus Nägele über den Umgang mit rechten Verlagen Das Sonntagsgespräch: „Wegducken gilt nicht, sich einschüchtern lassen erst recht nicht“

Markus Nägele

Markus Nägele, Verlagsleiter von Heyne CORE und Gründer und Programmchef von Heyne Hardcore, im Sonntagsgespräch über die Ereignisse auf der Frankfurter Buchmesse im Zusammenhang mit rechten Verlagen. Wir haben nachgefragt, wie er die Auseinandersetzungen erlebt hat – und was für ihn daraus folgt.

BuchMarkt: Markus Nägele, der Random House-Stand ist in Halle 3.0, zu Gesprächen haben Sie sich wahrscheinlich vor allem in der 6 aufgehalten. Am Freitagnachmittag ist Trikont-Labelchef Achim Bergmann am Rande einer Diskussion am Stand der Wochenzeitung Junge Freiheit ins Gesicht geschlagen worden. Wann und wie haben Sie von den Ereignissen in den 4er Hallen erfahren?

Markus Naegele: Ich war in Lizenzterminen in Halle 6 und habe deshalb den Anruf von Achim Bergmanns Lebensgefährtin und Trikont-Partnerin Eva Mair-Holmes zunächst nicht annehmen können. Als ich am Nachmittag davon erfuhr, bin ich direkt zu ihrem Stand in Halle 4.1, um nachzuschauen, was da los ist.

Sie kennen Bergmann auch wegen der gemeinsamen Arbeit am Buch zum Trikont-Jubiläum. Wie geht es ihm jetzt?

Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Er bekam einen Faustschlag ins Gesicht und hatte natürlich einen gehörigen Schock. Achim ist ja nun 74 Jahre. Deshalb ist er auch tags darauf ins Krankenhaus, wo ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma diagnostiziert wurde. Er wird sicherheitshalber auch noch einmal untersucht werden.

Einen Tag später kam es dann im Zusammenhang einer Veranstaltung des Antaios Verlags zu Tumulten. Was ist da aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?

Ich war selbst nicht vor Ort, muss mir also mittels der Berichterstattung aus den Medien und den sozialen Netzwerken mein eigenes Bild machen. Was schwierig genug ist, weil es da sehr unterschiedliche Darstellungen gibt. Die politische Stimmung ist insgesamt derzeit sehr aufgeheizt, die Neue Rechte versucht mit allen Mitteln in die Mitte der Gesellschaft durchzudringen, die Linke versucht das zu verhindern. Und da ist es kein Wunder, wenn bei einer Veranstaltung, bei der auch noch Herr Höcke auftritt, die Emotionen hochkochen. Bisher war es ja üblich und auch durchaus erwünscht, dass die demokratischen Kräfte Pegida-Aufmärsche oder -Demonstrationen stören und dagegen protestieren. Jetzt wird plötzlich jeder, der sich daran beteiligt, als Aktivist bezeichnet, in der Süddeutschen Zeitung wurde gar von „Antifa-Stoßtrupps“ geschrieben. Hier verschiebt sich gerade etwas, was mir Sorge macht.

Musste man mit solchen Vorkommnissen rechnen? Andersrum: Ist es nicht „zwangsläufig“, dass uns als Buchbranche diese Art der Auseinandersetzung jetzt auch „einholt“, die man immer wieder von den Marktplätzen der Republik zu sehen bekommt?

Ich fürchte: Ja. Warum sollte die Buchbranche davon verschont bleiben? Rechte Verlage gab es schon immer, auch auf der Buchmesse. Sie haben eben nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Jetzt haben sie Zulauf und Oberwasser und treten entsprechend selbstbewusst auf. Hier muss man achtsam sein. Die Neue Rechte tritt gepflegt und wortgewandt auf. Ihre Wortführer wissen ziemlich genau, was das Grundgesetz zulässt, ihre Absichten sind deshalb aber keinen Deut harmloser. Dass es keine „gemütliche“ Messe wird, konnte man ahnen, da im Vorfeld ja bereits allerhand Diskussionen liefen, ob man die rechten Verlage ausschließen könne oder nicht.

Den Vorwurf an die Messe, sich ungeliebte Gäste ins Haus geholt zu haben, teilen Sie nicht?

Wie man es macht, ist es verkehrt. Die Messeleitung hat diese Verlage ja nicht aktiv eingeladen, die haben sich angemeldet, wie es jeder Verlag, der nicht verboten ist, tun kann. Hätte die Buchmesse die Verlage ausgeschlossen, hätten sie sich entweder eingeklagt oder sich in ihrer Opferrolle geriert, was ja derzeit ihre Lieblingsbeschäftigung und ihre Taktik ist. Die Messe hätte sich aber genauer überlegen können, wo sie die Verlage platziert und was sie unter „aktiver Auseinandersetzung“ mit ihnen versteht, wie es der Börsenverein angekündigt hatte. Sie mitten unter den eher linken Independent-Verlagen zu platzieren, hat zur Entspannung der Lage sicherlich nicht beigetragen. Man setzt beim Fußball ja auch nicht zwei rivalisierende Fangruppen in einen Block und hofft, dass die sich das Butterbrot teilen.

In der Berichterstattung ging es hinterher weitestgehend um Vandalismus und Gewalt gegen und Redeverbot für die Rechten. Sind die Gegendemonstranten da in eine Provokations-Falle der Rechten getappt?

Leider ja, indem sie das Ganze zu einem Medienspektakel werden ließen. Und die Bücherklau-Aktion sollte vielleicht ein lustiger Streich sein, geht in der derzeitigen politischen Lage aber völlig nach hinten los.

Die Rechten verstehen es offensichtlich gut, sich als Opfer zu stilisieren und daraus wiederum „Profit“ zu schlagen. Im Netz gab es direkt nach der Messe eine „Charta 2017“ in der die Unterzeichner (zu denen u.a. Uwe Tellkamp und Cora Stephan gehören) dem Börsenverein vorwerfen, zu Attacken auf die Stände der rechten Verlage und Zeitschriften geradezu aufgerufen zu haben („unter Nennung der Standnummer“). Sie sehen sich als Verteidiger von Demokratie, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit – ähnliches kennt man aus AfD-Mündern. Wie kann man diesen Eindruck korrigieren?

Indem man sie ins Leere laufen und sich nicht provozieren lässt. Sollen sie doch klagen und Petitionen starten. Wer diese „Charta 2017“ liest und klar bei Verstand ist, der kann darüber nur den Kopf schütteln. Der gesunde Menschenverstand muss für irgendetwas gut sein. Um die Neuen Rechten und ihre Positionen zu entzaubern, braucht es Verstand, Ausdauer und Haltung. Wegducken gilt nicht, sich einschüchtern lassen erst recht nicht.

Wie sollen wir als Buchbranche mit diesen Strategien der (Neuen) Rechten umgehen?

Bücher formen Meinungen, Bücher geben Orientierung, Bücher klären auf. Wir als Verlage haben in Zeiten wie diesen eine noch größere Verantwortung. Jede Lektorin und jeder Lektor sollte noch aufmerksamer und sensibler als bisher darauf achten, welche Bücher veröffentlicht werden und welche nicht. Natürlich heißt das nicht, dass jedes Buch jetzt einen politischen Auftrag haben muss. In der Regel sind natürlich unsere Autoren die besten Botschafter. Ich fände es aber schon auch sinnvoll, wenn die Verlage intern diskutierten, wie man mit der Situation umgeht, ob man Stellung bezieht und welche Haltung man einnimmt.

Wie tritt man überhaupt in Dialog mit Leuten, die nicht den Dialog sondern die Eskalation suchen?

Ich glaube, diese Frage können die Autoren des Buchs Mit Rechten reden (bei Klett-Cotta, Anm. d. Red.) sehr viel besser beantworten als ich.

Wie kann man sich deutlich von rechten Themen, Ideen und Thesen abgrenzen, ohne den Rechten in die Karten zu spielen? Ist Ignorieren das Mittel der Wahl?

Ignorieren wäre mit Sicherheit eine ganz fatale Wahl. Man sollte seine Stimme erheben, wo man dies für angebracht hält. Man muss aber eben nicht jede kleine Provokation hysterisch aufgreifen und zum Tagesgespräch erklären. Das ist leichter gesagt als getan. Und man sollte sich auch nicht die Themen von rechts aufdrängen lassen, also permanent darauf reagieren. Wir müssen unsere eigene Ideen und Visionen verfolgen, die sind in der Regel sowieso sehr viel schöner, bunter und attraktiver. Wir müssen einfach das bessere Angebot haben, dann werden denen auf Dauer die Leute auch nicht mehr nachlaufen.

Wie können wir diejenigen Menschen, die zumeist als „Abgehängte“ bezeichnet werden, mit unseren Produkten, den Büchern, besser erreichen?

Wie oben bereits beschrieben ist jedes Buch in gewisser Weise auch ein Meinungsmacher, hier sind auch Zwischentöne gefragt. Und natürlich sollten wir immer versuchen, auch Menschen zu erreichen, die für das Buch verloren scheinen. Ob man sie nun als „abgehängt“ bezeichnet oder nicht. Am wichtigsten aber ist, dass wir unsere Kinder früh mit liberalen, weltoffenen Büchern und Werten vertraut machen, sie neugierig machen. Damit sie später keinen Menschenfängern hinterherlaufen.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Frust um, den das alles mit sich bringt?

Ich rede mit Menschen. Ich versuche hinter die Headlines der Meldungen zu gelangen, ich versuche Verbündete zu finden, denen es ähnlich geht. Zunächst habe ich noch die Diskussionen im Netz verfolgt und mich hier und da auch eingeschaltet. Aber da regiert zumeist der Hass und die Niedertracht, das deprimiert nur. Andere sind einfach nur apathisch und wollen das alles nicht sehen, das halte ich auch für einen großen Fehler.

Welche Schlüsse ziehen Sie also aus den Ereignissen in Frankfurt?

Erhöhte Achtsamkeit einerseits. Immerhin wurde hier dem Trikont-Verleger an einem Messestand der Jungen Freiheit brutal ins Gesicht geschlagen. Andererseits ist es heutzutage leider unheimlich schwer, welcher Meldung man Glauben schenken soll. Jede Seite fabriziert ihre eigene Geschichte. Man darf weder in Hysterie verfallen noch in Apathie.

Was erwarten Sie von der nächsten Messe in Leipzig, die ja quasi zu einem „Heimspiel“ der Rechten werden könnte?

Die Messe steht sicher unter besonderen Vorzeichen. Aber auch hier sollte man vorab keine Panik schüren, das Ganze medial nicht hochpitchen. Die Messeleitung muss sich gut überlegen, wo man die angesprochenen Verlage platziert, welche Foren man ihnen bietet und wie gegebenenfalls die „aktive Auseinandersetzung“ konkret aussehen soll. Natürlich hängt auch vieles davon ab, wie sich die politische Lage im Land bis dahin entwickelt.

Die Fragen stellte Jörn Meyer

 

 

Kommentare (3)
  1. Danke Markus Nägele!
    Man muss mit Besonnenheit und Vernunft reagieren. Das wiederum ist leichter gesagt, als getan. Schaum vor dem Mund (so verständlich er manchmal ist) ist aber wenig hilfreich. Der Satz „ Der gesunde Menschenverstand muss für irgendetwas gut sein.“ hat mir besonders gefallen. Man kann der Dummheit nur Aufklärung, Vernunft und Beharrlichkeit entgegensetzen.
    Es ist nicht einfach, den rechten Deppen so den Wind aus den Segeln zu nehmen.
    Aber was ist schon einfach in diesen Tagen.
    Gerd Wagner
    Edition Zeitblende

  2. für mich ist das verhalten des börsenvereins selbst mehr als fraglich. als „unploitische“ institution eine verantwortung über die entscheidung der zugelassenen ausstellenden mit „meinungsfreiheit“ abtun. die buchmesse hat hausrecht, da sie keine öffentliche veranstaltung ist – und damit kontrolle über die, die „nicht eingeladen“ einen stand buchen, denn er auf meiner party feiert, das entscheide ich, nicht die gäste. dann die welt zu gast haben wollen und den friedenspreis des buchhandels zelebrieren aber schön unpolitisch bleiben, ist für mich ein trugbild, das einmal mehr die „kulturinstitution buchbranche“ infrage stellt.
    ich frage mich nach diesem sehr „reflektierten“ statement, das jetzt nach dem heyne hardcore buzz „zu den vorfällen“ kommt, auch, ob hier echtes anliegen oder doch nur buchpromo im fokus steht.

  3. es hat mich sehr gefreut das wenigstens hier berichtet wird das Achim Bergmann von Trikont auf der Messe geprügelt wurde, in der Berichterstattung des Börsenblattes hatte ich das sehr vermisst.

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