Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Carlo Günther?

Carlo Günther: Wir müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen, wie wir im durch die Digitalisierung veränderten Medienkonsumverhalten der Menschen für unsere Inhalte Geld verlangen können – auch wenn sie älter als ein paar Minuten sind. Hier werden bereits einige gute Ansätze verfolgt, aber längst nicht genug. Und die Zeit rennt uns davon“

Seit dem 06. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2020 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“.  Heute beantwortet Carlo Günther, seit Jahresbeginn Inhaber des Münchner PAL Verlages, unseren „anderen“ Fragebogen:

Wie war Ihr Jahr 2019?

Es war ein großes Glück für meine Frau und mich, diese Chance zu bekommen, den PAL Verlag übernefmen zu können. Wir haben große Unterstützung von den Altverlegern bekommen. Sie stehen  uns bis heute und auch weiterhin als Autoren, aber auch als liebevoll-kritische Ratgeber zur Seite. Und wir arbeiten auch im Jahr eins nach meinem Ausscheiden hervorragend mit Droemer Knaur zusammen. All das ist nicht selbstverständlich und ein Geschenk, für das ich sehr dankbar bin. Gekrönt wird das natürlich davon, dass wir gerade erwarten ein großartiges Unternehmensergebnis einzufahren.

Und welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr? 
Mein persönlich schönster Tag ist immer mein Geburtstag am 6. Dezember. Ein Tag, den ich mit meiner Familie und engen Freunden feiere und an dem wir das vergangene Jahr Revue passieren lassen. In meinem Fall war es natürlich ein aufregendes Jahr, mit vielen neuen Aufgaben und Herausforderungen und einer enormen Verantwortung. Aber es war auch ein erfülltes und sehr selbstbestimmtes Jahr. Ich bin alles in allem sehr zufrieden, glücklich und dankbar.
Worüber haben Sie sich 2019 am meisten geärgert?
Über die ernüchternde Selbsterkenntnis, dass ich trotz meiner erst 45 Jahre echt knietief in der analogen Denke stecke. Der PAL Verlag funktioniert über viele sehr hervorragende digitale Contentangebote. Die damit verbunde Klaviatur an digitalen Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen zu erlernen, war eine Mammutaufgabe für mich. Und ich habe nicht das Gefühl, dass ich sie bis heute annähernd bewältigt habe. Aber ich bin dann doch ein paar Schritte vorangekommen.
Was war 2019 Ihr schönster Erfolg?
Wir haben alles erreicht, was wir uns vorgenommen haben: Von der Neugestaltung der Nachdrucke unseres Ratgeberprogramms und dem damit verbundenen Start von E-Books über digitale Angebote wie Life-Coaching-Podcasts von meiner Frau Maja bis hin zur Social Media Seite „Lebensfreude Jetzt“. Der mit Abstand schönste Erfolg aber ist, dass wir so viele Menschen mit unserem Lebensfreude-Kalender erreicht haben wir noch nie. Wir mussten sogar nachdrucken, so groß war die Nachfrage. Das zeigt mir, dass wir ein Verlagsprodukt veröffentlichen, das viele Menschen wirklich berührt. Allein die vielen herzlichen und persönlichen Rückmeldungen in E-Mails oder am Telefon sind ein Glück für mich als Verleger.
Und Ihr traurigster Misserfolg war…? 
Glücklicherweise gibt es den in diesem Jahr nicht. Klar hat nicht alles so geklappt, wie ich mir das gewünscht hatte. Aber das macht mich nicht traurig, sondern spornt mich an, neue Wege zu gehen.
Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr? 
Die schönste Buchhandlung finde ich persönlich die Buchhandlung „Buch und Bohne“ am Kapuzinerplatz in München. Die Besitzerin Mariann Geier ist nämlich sowohl Buch- als auch Kaffeeliebhaberin. Und so gibt es überall schöne Sitzgelegenheiten, an denen man in aller Ruhe und bei einem sehr guten Cappuccino, samt Dolci eine gute Buchempfehlung von ihr lesen kann. Mein liebster Verlag ist und bleibt der Argon Verlag in Berlin. Weil die KollegInnen dort ihre Arbeit voller Leidenschaft machen, weil sie einen außergewöhnlichen Teamgeist haben und weil sie keine Mühe scheuen, um noch ein Stück besser oder innovativer zu sein als andere. Diesen Mut und dieses Durchhaltevermögen bewundere ich schon seit vielen Jahren.
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?
Von Image-Kampagnen der Buchbranche. Denn nur über ein aufgesetztes Image auf irgendwelchen Plakaten werden wir unsere Zukunft nicht retten können. Auch der Plattenspieler hat ein super Image! Wir müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen, wie wir im durch die Digitalisierung veränderten Medienkonsumverhalten der Menschen für unsere Inhalte Geld verlangen können – auch wenn sie älter als ein paar Minuten sind. Hier werden bereits einige gute Ansätze verfolgt, aber längst nicht genug. Und die Zeit rennt uns davon.
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen? 
Über diese Themen, über Best-Practises, über mutige Innovationen, darüber, was auch im Kleinen gelingt.
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?
Keinen. Denn aus alles habe ich wertvolle Erkenntnisse mitgenommen.
Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?
Das wird die Zukunft zeigen. Fragen Sie mich das im nächsten Jahr.
Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht? 
Der Roman „Rückwärtswalzer“ von der Wiener Autorin Vea Kaiser. Besonders aber als Hörbuch, gelesen von Cornelius Obonya. Denn der Autorin gelingt es, eine tragisch-komische Familiengeschichte mit einem aberwitzigen Ereignis, der österreichischen Nachkriegsgeschichte und einer hintergründigen Gesellschaftskritik an unserer Generation zu verbinden. Und all das verpackt in einen Roadmovie auf dem Balkan. Das ist grandios geschrieben und grandios vom Burgschauspieler Obonya in Szene gesetzt. Eines der besten Hörbücher, die ich je gehört habe!
Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr? 
Da wir ja nur sehr wenige Neuerscheinungen veröffentlichen, werden es die beiden neuen Ratgeber im PAL Programm werden, über die ich aber noch nichts verraten möchte. Am allerwichtigsten wird aber weiterhin der neue Lebensfreude-Kalender 2021 für uns werden, der bei uns erscheint und als Lizenzausgaben bei Droemer Knaur.
Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen? Ich fand bislang die meisten Antworten spannend und anregend und lass mich daher gerne überraschen. Aber ich erinnere mich an eine aufrüttelnde Rede von Gabriele Fischer, der Herausgeberin von brand eins, zur Eröffnung der Münchner Bücherschau von vor ein paar Jahren. Damals hat sie die Entwicklung bis heute ziemlich genau vorhergesagt und vor Fallen gewarnt, in die die Buchbranche sehenden Auges reingelaufen ist. Sie hat damit meine Arbeit und meine Ziele bis heute beeinflusst. Von ihr würde ich gerne eine erneute Zukunftsprognose bekommen.
Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet? 
Wollen Sie bald in einem „Kamingespräch“ interviewt werden?
Hier können Sie die auch beantworten ….
Nein, im Ernst, Ihre Fragen sind genau richtig so.
Gestern antwortete Jörg Sundermeier auf unseren „anderen“ Fragebogen, morgen befragen wir Ekkehard Faude

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