Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Jo Lendle?

Seit dem 06. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2020 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“.  Heute beantwortet Hanser-Verleger Jo Lendle unseren „anderen“ Fragebogen:

Jo Lendle: „Superlative und Bücher vertragen sich nicht gut. Aber eine richtige Entdeckung gibt’s in unserem Sachbuchprogramm: Patrik Svenssons „Evangelium der Aale“ begeistert auch alle, die fälschlich glaubten, ohne Liebe zum Aal durchs Leben zu kommen“

Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr?

Schön sind die Tage mit erfreulichen Überraschungen aus der Rubrik Presse & Preise. Aber noch schöner sind die, an denen man kopfüber in ein neues Manuskript hüpft, noch ohne Gedanken an diese späteren Dinge. Aber mit ersten Ahnungen. Bei den Lektüren der neuen Romane von Monika Helfer und Markus Orths etwa ging es mir so.

Worüber haben Sie sich 2019 am meisten geärgert?

Dass neben den vielen Klüften, die sich in der Gegenwart auftun, nun auch die wirklich geschlossen geglaubten Gräben zwischen Buchhandel und Literaturkritik wieder aufgerissen wurden.

Was war 2019 Ihr schönster Erfolg?

Dreierlei. Wenn ein so feines, bedeutsames Buch wie Ocean Vuongs „Auf Erden sind wir kurz grandios“ so stürmische Aufnahme findet. Bei der Auszeichnung zum Verlag des Jahres Arm in Arm mit Diogenes zu enden. Und natürlich bot die Wahl von Delia Owens‘ „Gesang der Flusskrebse“ zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels im ersten hanserblauen Jahr Anlass zu Jubelgesängen – auch wenn uns musikalisch selbst Flusskrebse ausstechen.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Die Gräben.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

In der Jury des Buchhandlungspreises war ich wieder mal komplett überwältigt von all der unvergleichlichen Arbeit in ganz unterschiedlichen Nachbarschaften. Bevor ich daraus irgendeinen Namen picke, rette ich mich außer Landes: Eine US-Lesereise führte mich in die prächtige Elliott Bay Book Company in Seattle – eine Kathedrale aus Holz und Papier.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

DSGVO. Aus Selbstschutz vor allzu verworrenem Datenschutz.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Hölderlin. Und VG Wort-Beteiligung.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Aus Zuneigung zum Buchmessenauftritt gleich das Gastland durchwandern. (Quatsch, war herrlich. Kaukasus! Berggipfel! Pansenbrühe!)

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?

An Gastländern ist ja kein Mangel.

Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Der von Christoph Niemann illustrierte Einschlafpoesieband „Jetzt noch ein Gedicht und dann aus das Licht“. Hätte ich als Kind nicht so viel Jandlgedichte gehört, fehlte mir heute die innere Aufgeräumtheit für den Verlagsalltag.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Superlative und Bücher vertragen sich nicht gut. Aber eine richtige Entdeckung gibt’s in unserem Sachbuchprogramm: Patrik Svenssons „Evangelium der Aale“ begeistert auch alle, die fälschlich glaubten, ohne Liebe zum Aal durchs Leben zu kommen.  

Von wem würden Sie gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Homer. Wie sieht er uns Nachkommen eigentlich? Streng? Liebevoll? Wie würde er uns besingen?

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

Viele Bücher, wenig Zeit – ein Problem?

Hier können Sie die auch beantworten:

Ich habe einfach nicht die Zeit, keine Bücher zu lesen.

Gestern antwortete Ekkehard Faude auf unseren „anderen“ Fragebogen, morgen befragen wir Felix Wegener

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