Wie war Ihr Jahr, Markus Langer?

Markus Langer
©Stefan Gärtner


Seit dem 6. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6.1. 2016 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Unseren „anderen“ Fragebogen beantwortet heute Markus Langer, Programm-Geschäftsführer bei Oetinger Media GmbH.

1.

Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr?
Der 29. November. An diesem stürmischen und regnerischen Sonntag fand das Releasekonzert zu unserem Singer-Songwriter-Kinderlieder-Album Unter meinem Bett in der Hamburger „Fabrik“ statt. Bis zum ersten Ton waren wir unsicher, ob das funktionieren würde: Ein Indie-Pop-Konzert für Kinder UND Erwachsene. Umso größer das Glücksgefühl, als wir nach über zwei Stunden fulminanter Auftritte von Gisbert zu Knyphausen, Francesco Wilking, Jan Plewka und vielen anderen in die rotbackigen Gesichter hunderter begeisterter Menschen blickten. Darunter auch das meiner jüngsten Tochter Elli, die mit ihren 15 Monaten bis zum Schluss mitgerockt hat. Yeah!


2.

Worüber haben Sie sich 2015 am meisten geärgert?
Weniger Ärger als Fassungslosigkeit angesichts des Umstandes, dass sich trotz nie dagewesener Einblicke in die tatsächliche Genese „politischer“ Entscheidungen von erheblicher Tragweite – von der Urheberrechtsnovellierung bis hin zu TTIP – so wenig Widerstand regt. Nie zuvor war es so evident, dass Lobbyisten und nicht etwa Sachkundige (unter Abwägung der Interessen aller Betroffenen!) diese letztlich in Gesetze mündenden Prozesse steuern. Und die gesellschaftliche Mitte irrt im Niemandsland zwischen Fatalismus und Wutbürgertum herum. Es wird nicht reichen, ein paarmal im Jahr auf den einschlägigen Plattformen (dringend notwendige) Petitionen zu unterzeichnen, um global Player in die Schranken zu weisen. Es wird nicht reichen, regelmäßig Satiresendungen – die letzten Bastionen politischer Aufklärung! – zu schauen und sich zu sagen: Na, solange das im öffentlich rechtlichen Fernsehen noch gesagt werden kann, wird es so schlimm nicht sein. Doch: Es ist so schlimm! Das ist ja das Paradoxon. Insofern ärgere ich mich zuletzt doch am meisten über mich selbst, über mein Phlegma, hier wirklich aktiv zu werden. Und hoffe doch, dieser Ärger möge die Keimzelle sein für produktiven Widerstand im Kästnerschen Sinne: Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.


3.

Was war 2015 Ihr schönster Erfolg?
Als wir vor anderthalb Jahren ein gutes Dutzend der besten deutschen Singer-Songwriter baten, ein Kinderlied für uns zu schreiben, wussten wir nicht, wie das ausgehen würde. Wir bekamen zum Glück eine Wundertüte voller großartiger Songs – und das Album Unter meinem Bett bekam hymnische Presse- und Kundenreaktionen. Offenbar haben wir eine Lücke gefüllt und ein instant classic produziert. In den Vinylcharts (!) lagen wir zeitweilig vor Lana del Rey und Bryan Adams. Und die Geschichte geht weiter: Die Künstler, jeder auf seine eigene Weise, tragen die Songs in die Welt, planen Konzerte, vernetzen uns mit anderen Künstlern. Eine kreative Kettenreaktion. Wo soll das noch hinführen? Die schönsten Erfolge sind die unvorhersehbaren.


4.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?
… schon wieder entgegen allen guten Vorsätzen dem churchillschen Diktum gefolgt zu sein: „No sports!“



5.

Ihre liebste Buchhandlung, Ihr liebster Verlag?
Lieblings-Buchhandlungen: „Lesezeichen“ in Marburg, „Schmitz Junior“ in Essen und „Knuffels“ in Hamburg. Ach, überhaupt alle stationären Buchhandlungen, bei denen man schon beim Blick ins Schaufenster, spätestens aber nach dem Überschreiten der Türschwelle, merkt: Hier ist jemand mit Liebe, Mut, Verstand und Inspiration am Werk! Man erkennt sie übrigens daran, dass es dort nicht nur Bücher, sondern auch Hörbücher und Filme gibt. Und es werden sogar (zumindest in den Großstädten) mehr.
Lieblings-Plattenläden: „Mr Dead and Mrs Free“ (Berlin), „Zardoz“ und „Michelle Records“ in Hamburg.
Lieblings-Verlage: (neben Oetinger Media) Klett-Kinderbuch, Moritz und Jacoby und Stuart.
 

6.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?
Prinzipiell möchte ich doch nicht ausschließen, dass es zu buchstäblich jedem Thema noch neue, lesenswerte Erkenntnisse und Ansichten geben könnte. Was ich gewiss nicht mehr lesen werde, sind die Kommentare auf den Onlinerepräsentanzen der Zeitschriften und Magazine sowie in den „sozialen“ Medien. Sowohl die Tonalität als auch die orthographische Qualität der (seltenst unter Klarnamen publizierten) Beiträge sind in der Regel nicht dazu geeignet, mir den Tag zu versüßen. Gelobt seien dagegen die Leserbriefseiten der guten alten Printausgaben, wo zu lesen ist, was zuvor eine verantwortungsvolle Redaktion von Flachsinnigem und Unflätigem geschieden hat.



7.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Prokrastination – und wie man sie umgeht.


8.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im neuen Jahr vermeiden?
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?
Prokrastination.


9.

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?
Prokrastination (ich liebe dieses Wort).


10.

Welches Buch hat Ihnen besonders viel Freude gemacht?
Am S-Bahnhof „Jungfernstieg“ in Hamburg gibt es seit mehreren Jahren einen kleinen Schaukasten, in dem unter der Überschrift „Rätsels Bewohner“ Texte unterschiedlicher Länge präsentiert werden. Es sind Aperçus, kurze philosophische Betrachtungen, Aphorismen. Ohne Dogma, ohne missionarischen Impetus, ohne politischen Hintergrund, ohne belehrend sein zu wollen. Aber stets geistvoll, erhellend, anregend. Der Autor dieser Texte will einfach nur zum Nachdenken und Verweilen einladen. An einer S-Bahn-Station! Was für ein Gedanke. Das hat mich neugierig gemacht. So habe ich auf der dazugehörigen Website entdeckt, dass der Autor dieser kurzen Preziosen, Wolfgang Müller, vor Jahren schon ein Buch verfasst hat, gewissermaßen die Langfassung, das Album zu den Singles. Es trägt den Titel Inseln der Zukunft und sei jedem ans Herz gelegt, der Interesse hat an einem „neuen Zugang zu den ebenso leisen wie entscheidenden Lebensfragen, die im Lärm unserer Epoche untergehen.“


11.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?
Da ich keine Bücher mache, muss ich diese Frage zum Glück nicht beantworten. Aber im Ernst: Hier kann man nur verlieren – oder?


12.

Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Von Monika Osberghaus und Markus Weber.


13.

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?
Wie war Ihr Jahr?


14.

Hier können Sie die auch beantworten:
Super!

Gestern antwortete Dörte Hansen page( 64648); morgen antwortet Reinhard Rohn

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