Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Reinhard Rohn?

Seit dem 6. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2021 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Aufbau – Verlagsleiter Reinhard Rohn unseren „anderen“Fragebogen:

Reinhard Rohn: „Mehr lesen möchte ich von Ideen, Innenstädte attraktiv und lebenswert zu machen; von Fernseh- und Radiostationen, die Büchern den gebührenden Platz einräumen, von Verlagsneugründungen wie unlängst Kanon von dem geschätzten Gunnar Cynybulk. Davon, dass die Messen in London, Leipzig und Frankfurt wieder ihre Pforten öffnen und gleichzeitig auch ein überzeugendes Digitalkonzept anbieten. Von erfolgreichen Lesefesten mit Besucherrekorden – und davon, dass der FC Köln eine schon geradezu unheimliche Siegesserie startet“

 

Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?

Den einen schönen Tag gab es nicht, aber sehr gefreut habe ich mich, dass mein Sohn Jan, der eigentlich in Spanien bzw. Portugal lebt, dieses Jahr – zum Teil notgedrungen, weil Reiseverbot herrschte – viel Zeit in Deutschland verbracht hat. Beruflich hat mich sehr gefreut, dass Ulrike Renk mit ihrem Buch „Träume aus Samt“ von o auf 1 in die Taschenbuchliste eingestiegen ist – das ist ansonsten nur noch Klaus-Peter Wolf gelungen. Der verdiente Erfolg einer großartigen Autorin, die sich ihr Publikum buchstäblich über Jahre erschrieben hat.

Worüber haben Sie sich 2020 am meisten geärgert?

Ist Ärger das richtige Wort? Aber es war schon sehr bedauerlich, dass wir in diesem Jahr unser Aufbau-Jubiläum nicht gebührend mit Autoren, Übersetzern, Mitarbeitern und all unseren Partnern feiern konnten. Wir hatten schon ein sehr schönes Programm auf die Beine gestellt, davon ist leider nur ein allerdings sehr sehenswerter Film übriggeblieben (im Netz zu finden). Schade war auch, dass ich die Lesereise mit unserem Autor und Freund Deon Meyer absagen musste. (Und dass Eliot Pattison ebenfalls nicht kommen konnte, dass es keinen Halbmarathon in Berlin und Köln gab, dass alle Messen und Literaturfestivals ausfielen, dass Stadionbesuche verboten wurden, dass man mancherorts nicht einmal allein auf einer Bank sitzen und lesen durfte und … O, ich merke, die Liste würde doch ziemlich lang werden.)

Was war 2020 Ihr schönster Erfolg?

Besonders erfreut haben mich die Erfolge, mit denen man nicht rechnen konnte. Im Frühjahr etwa „Die Spionin“ von Imogen Kealey and dann der sehr besondere Roman „Nebelkinder“ von Stefanie Gregg. (Und dass mein Buchhändlerfreund und gelegentlicher Joggingpartner Jorgos mir auf unseren Runden am Rhein nicht zu weit weggelaufen ist.) 

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Dass wir den neuen Roman „Beute“ von Deon Meyer, der kurz vor dem Lockdown im April erschien, nicht auf die Bestsellerliste gebracht haben.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

In einem Jahr wie diesem mit Lockdowns (light und zuerst nicht ganz so light) darf man im Grunde keine Buchhandlung hervorheben. Insgesamt hat unsere Branche Großartiges geleistet und den Kunden an jedem Tag das Gefühl vermittelt, dass wir alles tun, um Bücher an die LeserInnen zu bringen. Nachahmenswert fand ich die Idee meiner Heimatbuchhandlung Wenner in Osnabrück, wenn es schon keine Messe gibt, Verlage zu einer Bücherschau in die eigenen Räume einzuladen. Und hervorheben muss ich natürlich die City-Buchhandlung von Jorges (siehe Punkt 3) in Dormagen bei Köln, der wirklich rundum die Uhr – selbst als die Buchhandlung nicht öffnen durfte – in seinem Laden stand. 

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Allgemein: von Masken, Lockerungen und Verschärfungen (vermutlich ein frommer Wunsch). Und für unsere Branche: von weiterer Konzentration im Handel sowie von Angriffen auf die Buchpreisbindung. Und auch die allgemeinen Sonntagsreden darüber, wie relevant Kultur doch sei, müssen nicht sein, wenn sie denn so folgenlos bleiben wie zuletzt. 

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Von Ideen, Innenstädte attraktiv und lebenswert zu machen; von Fernseh- und Radiostationen, die Büchern den gebührenden Platz einräumen, von Verlagsneugründungen wie unlängst Kanon von dem geschätzten Gunnar Cynybulk. Davon, dass die Messen in London, Leipzig und Frankfurt wieder ihre Pforten öffnen und gleichzeitig auch ein überzeugendes Digitalkonzept anbieten. Von erfolgreichen Lesefesten mit Besucherrekorden – und davon, dass der FC Köln eine schon geradezu unheimliche Siegesserie startet. 

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Ach, darauf möchte ich eigentlich gar nicht antworten. Die Fehler sind zu banal: zu viel selbst zu lektorieren, zu wenige Bücher anderer Verlage zu lesen, in manchen Konferenzen zu kurz angebunden zu sein und dann auch noch schlechte Witze zu machen. 

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Die schlechten Witze und überzogenen Sprachspiele wird es vermutlich auch nächstes Jahr geben.

 Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Aus dem eigenen Haus: der historische Roman von Helga Glaesener „Das Erbe der Päpstin“ – fast zwanzig Jahre nach „Die Päpstin“ konnten wir Donna Cross endlich überreden, einen weiteren Roman in der Welt der Johanna spielen lassen zu dürfen – und dann ist der Roman auch noch so viel besser und eigenständiger geworden als erwartet. Von den lieben Kollegen: Rebecca Makkai, „Die Optimisten“ (Eisele) und Wolfram Eilenberger, „Feuer der Freiheit“ (Klett-Cotta).

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Der neue Roman der britischen Bestsellerautorin Bridget Collins wird eine echte Herausforderung. Wir bringen im Herbst nach „Die verborgenen Stimmen der Bücher“ ihr zweites Buch heraus; ein vielschichtiger Roman nach dem Vorbild von Hesses „Das Glasperlenspiel“ – ein Buch über Bildung, Kunst, Musik und Liebe. Um all das zu kommunizieren, werden wir uns etwas Besonderes einfallen lassen müssen.

(Und dann – auch wichtig – das nächste Buch, das ich selbst schreibe.)

Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von meinem Verleger Hejo Emons, in dessen Haus ich mittlerweile neun Köln-Krimis veröffentlichen durfte. (Und das zehnte ist in Arbeit.)

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

Wird es auch in zehn Jahren noch gedruckte Bücher und unabhängige Buchhandlungen und Verlage geben?

Hier können Sie die auch beantworten:

Ja, auf jeden Fall.

Gestern antwortete Julia Bielenberg, morgen fragen wir Ulrike von Stenglin.

 

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