Elsinor Verleger Dr. Thomas Pago über das neue Thriller-Segment seines Verlages „Die Leser finden ihre Lebenswirklichkeit in der Kriminalliteratur wieder“

Der Übermensch von John Buchan, vor ein paar Monaten in neuer Übersetzung  beim Elsinor  Verlag erschienen, ist die Neuausgabe eines Titels, den der Verlag erstmals schon vor sechs Jahren veröffentlicht hatte. Warum so schnell eine so gründliche Überarbeitung? Das war der eigentliche Anlass für Fragen an den Verleger Dr. Thomas Pago. Im heutigen Sonntagsgespräch erzählt der Verleger aber auch, warum ihm der Autor und das damit verbundene Thriller-Segment so am Herzen liegt.

Dr. Thomas Pago will das Thriller-Segment in seinem Elsinor  Verlag ausbauen: Nach John Buchan kommt im Herbst als deutsche Erstausgabe der Noir-Klassiker DIE GROSSE UHR von Kenneth Fearing

Wie sind Sie 2016 eigentlich auf Autor und Buch gestoßen? Zu diesem Zeitpunkt gab es ja bei Elsinor noch kein relevantes Thriller-Segment.

Dr. Thomas Pago: Auf Buchan bin ich damals eher zufällig gestoßen, wohl durch irgendeinen Hinweis, und habe seinen berühmten Roman „Die neununddreißig Stufen“ gelesen. Erst danach habe ich überrascht festgestellt, wie produktiv dieser Autor war und wie wenig, von diesem Roman-Klassiker abgesehen, von ihm überhaupt ins Deutsche übersetzt worden ist. Ich habe also noch einige der Romane im Original gelesen – und aus dieser privaten Lektüre ist dann die Entscheidung für die deutsche Erstausgabe im Verlag hervorgegangen.

Und warum jetzt so schnelle eine Neuausgabe?

Sie haben ja eben schon angedeutet, dass es 2016 noch kein wirkliches Thriller-Segment bei Elsinor gab; hinzu kommt, dass die Pressearbeit damals noch mit eher bescheidenen Mitteln hausintern erledigt wurde, manchmal eher schlecht als recht. Was zur Folge hatte, dass die Erstausgabe damals fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschienen ist. Wer Elsinor damals schon wahrgenommen hat, hat jedenfalls nicht an Thriller gedacht – und was man nicht erwartet, wird eben auch nicht gefunden.

Von daher ist diese Neuausgabe, jetzt mit einem umfangreichen Nachwort von Martin Compart, eigentlich fast so etwas wie die nachgeholte Erstausgabe.

Mich hat Martin Compart dazu ermutigt. Er sagt mir, in Zeiten des World Wide Web sei so gut wie jedes vergriffene Buch auffindbar und antiquarisch verfügbar. Wer weiß, wonach er sucht, werde mit einigen Klicks fündig. Bei einer Neuauflage geht es weitgehend darum, ein älteres Buch, in dem man aktuelles Potential sieht, wieder ins Bewusstsein von Handel, Lesern und Rezensenten zu heben. Das ist die missionarische Seite. Auf der ökonomischen Seite schlagen Backlistpflege und günstigere Kalkulation zu Buche.

Bilde ich mir ein, dass es gerade bei den Krimis in letzter Zeit viele Neuauflagen gibt?

Weniger bei den Großverlagen, aber bei uns kleineren Verlagen. Das hat neben anderen Aspekten sicherlich auch mit der Ökonomie zu tun.

Warum?

Man kann bei Neuauflagen auf günstigere, weil bereits vorhanden, Übersetzungen zurückgreifen. Übersetzungen sind für deutsche Erstausgaben der höchste Kostenfaktor, mal abgesehen von den teuren Lizenzkosten bei etablierten Bestsellerautoren.

Nach dem letztjährigen Erfolg von John Mairs ES GIBT KEINE WIEDERKEHR scheint der Elsinor-Verlag sein Thriller-Segment systematisch aufzubauen: Jetzt John Buchan und im Herbst kommt als deutsche Erstausgabe der Noir-Klassiker DIE GROSSE UHR von Kenneth Fearing.

Ja, das sehen Sie richtig. Wie vorhin erwähnt, gab es ja schon ein paar Einzeltitel, aber eher unterhalb des Radars. Erst jetzt, in der Zusammenarbeit mit Martin Compart als Herausgeber, zeichnet sich ein echtes Reihenkonzept ab; und bei drei Titeln in drei Halbjahren wird hoffentlich erkennbar, dass es tatsächlich um Kontinuität und einen längerfristig angelegten Reihenaufbau geht.

Martin Compart hat viele Jahre für BuchMarkt geschrieben …

… und jetzt profitieren wir von seiner enormen Sachkenntnis als Herausgeber, der die entlegensten und seit Jahrzehnten vergessenen Kriminalromane kennt und Bücher aus dem privaten Regal ziehen kann, die nirgendwo antiquarisch erhältlich sind. Das Ganze entwickelt sich jetzt Schritt für Schritt, vor allem seit dem schönen Erfolg mit ES GIBT KEINE WIEDERKEHR. Wäre dieser Titel ganz unbeachtet geblieben, hätte es vielleicht keinen zweiten Versuch gegeben.

Am Ausstoß von Kriminalliteratur herrscht ja kein Mangel. Was erhoffen Sie sich von Ihrem Segment?

Wir können da recht unbefangen auftreten, denn auch wenn hier eine interessante Reihe entsteht, bilden Krimis bei Elsinor ja eher ein Nebensegment…

… was auch bei einigen anderen unabhängigen Verlagen so gehandhabt wird.

Dieses Segment passt aber in unserer Konzeption ganz gut zum ursprünglichen Profil des Verlages, nämlich zu Neu- und Wiederentdeckungen unbekannter oder vergessener Werke, auch in Form von Übersetzungen – und mit einem gewissen Qualitätsanspruch. Es gibt also keinen programminternen Konflikt, sondern die Chance, das Spektrum zu erweitern und den Verlag auch außerhalb des ursprünglichen Kernbereichs sichtbarer zu machen. Dafür braucht man die Grundidee nicht aufzugeben.

Der Krimi-Markt ist in meine Augen ein Verdrängungsmarkt mit vielen potenten Playern.

Deswegen wenden wir uns ganz bewusst an ein kleineres, exklusives Publikum. Leser, die das Genre auch in seinen literarischen und historischen Facetten interessiert – über den Unterhaltungswert hinaus, den Kriminalliteratur natürlich immer bedienen möchte.

Deshalb auch die umfangreichen Nachworte?

Das ist Comparts – Idee. Er hatte bereits in den 1980er Jahren bei Ullstein damit begonnen, einzelnen Titeln Nachworte beizufügen. Aber nicht in dem Umfang, wie es nun bei Elsinor möglich ist. 

Seit mehreren Jahrzehnten sind der Thriller und alle möglichen Spielarten der Kriminalliteratur ungeheuer erfolgreich. Was glauben Sie, woran liegt das?

Dazu gibt es sicherlich viele kluge und gut fundierte Analysen verschiedenster Art, philosophische, soziologische oder politische. Jenseits davon glaube ich, dass Thriller auch ein psychisches Grundbedürfnis des Menschen befriedigen – eine Lust daran, Furcht und Bedrohung, also genau das, was man im wirklichen Leben lieber von sich fernhält, zumindest in der Fiktion zu erfahren. Also das klassische Bedürfnis nach „Spannung“ und „Mitfiebern“ im weitesten Sinne. Was übrigens keineswegs im Widerspruch zur sogenannten gehobenen Literatur steht: Ein gut konstruierter und geschriebener Kriminalroman ist eben auch ein guter Roman, und gegen eine Handlung, die durch einen Kriminalfall in Gang gesetzt wird, ist zunächst einmal ja gar nichts einzuwenden.

Ich höre O-Ton Compart: „Kriminalliteratur ist die Literaturform , die am stärksten in der kapitalistischen Gesellschaft wurzelt ist“.

Darüber reden wir tatsächlich immer wieder. Gier, ökonomisches Vorteilsstreben und Repression gehören wie er mir immer wieder belegt, zu den bevorzugten Plot-Motiven. Ich teile jedenfalls inzwischen seine Sicht: Das immanente Ungerechtigkeitssystem dieser Herrschaftsform hat sich inzwischen auch im Westen zu einer Oligarchie entwickelt, die uns von Krise zu Krise treibt und zu weltweit nie gekannter Armut.

Verstehe ich richtig, Kriminalliteratur mit ihren unterschiedlichen Facetten „reflektiert den Überlebenskampf in der spätkapitalistischen Welt“?

Ja. Reaktionäre Spielarten, die gerade in den letzten Jahren immer beliebter werden, sind sowas wie literarisches Valium, das Strukturprobleme zu individuellen umformt und das System bestätigt. Etwa „domestic noir“, der klassische Neo-Detektivroman oder der pathologische Psychothriller reduzieren die Verbrechen auf einen kurzfristigen Stromausfall einer ansonsten befriedigenden Gesellschaftsordnung. Am Ende dieser Romane ist die Störung behoben. Abweichendes Verhalten wird hier anti-aufklärerisch behandelt. Progressive Formen des Genres verhandeln dagegen die Ungerechtigkeitsproblematik als systemimmanent. Ob nun reaktionäre Propaganda oder progressive Aufklärung, die Leser finden ihre Lebenswirklichkeit in der Kriminalliteratur wieder.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (1)

Schreibe einen Kommentar zu Martin Brunnemann Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.