Mara Delius über das neue Konzept der Literarischen Welt „Die Literaturkritik muss sich ändern“

In ihrer langen Geschichte hat die Literarische Welt wieder einmal eine Verjüngungskur gemacht. Neu ist dazu, dass sie künftig der Welt am Sonntag beiliegt und deren Kulturthemen gleichzeitig auf welt.de  auch digital ausgebaut werden sollen. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit ihrer Herausgeberin Mara Delius:
Mara Delius: „Zusätzlich zum Printprodukt bringen wir online täglich das schnelle, spielerische Digitalformat Literarische Welt Daily. Ich sehe das nicht als Abwertung, sondern als eine Weiterentwicklung unserer Marke“

 

Alle in unserer Branche haben registriert, dass die Literarische Welt künftig nur noch einmal im Monat erscheint. Glaubt Ihr Haus nicht mehr an die Literatur? 

Mara Delius: Ich kann Sie beruhigen, das Gegenteil ist der Fall: Wir öffnen die Literarische Welt einer breiteren Leserschaft.

Aber bei reduziertem Umfang …

Das stimmt so nicht: Wir haben nun acht volle Seiten – und die liegen einer der auflagenstärksten Wochenzeitungen Deutschlands bei, als eigenes Buch. Zusätzlich zum Printprodukt bringen wir online täglich das schnelle, spielerische Digitalformat Literarische Welt Daily. Ich sehe die neue Erscheinungsweise nicht als Abwertung, sondern als eine Weiterentwicklung unserer Marke.

Ist das noch die Idee von Willy Haas, dem Gründer dieser Literaturbeilage?

Es ist mir ein wirkliches Anliegen, die nun beinahe hundertjährige Tradition der Literarischen Welt weiterzuführen, den intellektuellen Anspruch und lebendigen Blick auf die Geisteswelt aus dem 20. in das 21. Jahrhundert zu überführen – das kann, denke ich, nur durch gelegentliche Updates des Blattes wie dieses jetzt funktionieren.

Wen stellen Sie sich denn als typische LW-Leser vor?

Die muss ich mir gar nicht vorstellen, unsere Leserschaft ist erfreulich schillernd: sie reicht von jahrzentelangen Abonnenten, die einfach literaturinteressiert sind, über Professoren, denen die FAZ etwas zu fahl ist bis zu jungen Intellektuellen zwischen 20 und 30, viele Frauen übrigens.

Haben Sie als neue Herausgeberin auch ein neues Konzept in Richtung ausgewogenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Autoren/inne/Rezensenten/innen?

Ja, klar, aber das verfolge ich nicht zwanghaft. Mir geht es darum, ein gutes, lebendiges, intellektuell aufregendes Blatt zu machen.

Es heißt immer wieder, Sie wollten die Rezensionen abschaffen. Glauben Sie noch an die Zukunft der Literaturkritik?

Sie muss sich ändern. Das Gerede darüber, dass bei uns angeblich die Rezension als Form der Literaturkritik abgeschafft würde, kenne ich seit Beginn meiner Tätigkeit als LW-Chefin, also seit etwa viereinhalb Jahren. Seitdem dürften mehrere hundert Rezensionen bei uns erschienen sein. Im Ernst, ich halte das in den meisten Fällen für bequemes Gerede derer, die die Literarische Welt nicht wirklich kennen: „abgeschafft” haben wir nicht die Rezension an sich, aber die fahle, inhaltistische, betriebsmeiernde Rezension. Darüberhinaus glaube ich, dass in einem gut komponierten Literaturblatt die Texte in ihren unterschiedlichen Formen miteinander ins Gespräch kommen müssen.

Wir alle spüren, dass die Verlage unsere Arbeit als Influencer brauchen, aber ihre Werbegelder derzeit lieber in den Social Media Kanälen einsetzen. 

Naja, es verändert sich gerade ein ganzes, jahrzehntelang eingespieltes Betriebssystem radikal, muss es ja. Dazu gehört auch, dass wir zum Beispiel von der Anzeigenfülle der Literarischen Welt der Zwanzigerjahre nur träumen können. Aber ich sehe diese Opposition gedrucktes Blatt versus Social Media nicht so stark wie Sie, die Literarische Welt ist ja längst viel mehr als „nur“ acht Zeitungsseiten. So oder so, wir freuen uns, dass die Literarische Welt einen sehr guten Stand in der Branche hat.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz
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