Günther Butkus über 40 Jahre Pendragon „Weil das, was man tut, kein Job ist, sondern eine Herzenssache“

Am 21. Oktober 1981 gründete Günther Butkus im Alter von 22 Jahren Pendragon, seitdem sind bei ihm über 800 Titel erschienen. In diesem Jahr feiert der Verlag seinen 40. Geburtstag – das war Anlass für Fragen an den Bielefelder Verleger.

Günther Butkus: Alles, was ich mit und durch den Verlag gelernt und erfahren habe, hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Man kann sich nicht verstecken, wenn man die Verantwortung für einen Verlag, für sein eigenes Ding, hat. Man muss sich immer allen und allem stellen (können), wird sich vielleicht fragen, was kann eigentlich noch alles passieren, was wiederum auch hilfreich sein kann. Und auch wenn ich mich selber als einen kommunikativen Menschen bezeichnen würde, ist es doch etwas ganz anderes, wenn man in der Öffentlichkeit agiert, wenn man plötzlich auf die Bühne geschubst wird und reden soll, wenn man angreifbar ist, weil das, was man tut, kein Job ist, sondern eine Herzenssache.  © Uta Zeißler

BuchMarkt: Wenn Sie 40 Jahre zurückblicken – wie sind Sie in die Buchbranche hineingeraten? 

Günther Butkus: Es war die Literatur, die Begeisterung für das Lesen, aber auch von Anfang an das Interesse an Autoren. So bin ich früh zu Lesungen gegangen und anschließend saß man lange in meist kleineren Gruppen in Kneipen zusammen. Durch die Lesungen habe ich auch Günter Wallraff kennengelernt, dessen Buch Nachspiele ich 1982 wieder aufgelegt habe. Eins meiner ersten Bücher überhaupt. Dazu haben mich schon damals die Frühwerke der Autoren interessiert, die ich gerne gelesen habe. Diese Titel habe ich mir im Buchhandel bestellt und kannte keinen der Verlage. Diese Autoren, mit denen ich damals schon befreundet war, haben es wohl eher gespürt als ich, als sie meinten, wenn du dich so für Bücher und Autoren interessiert, dann musst du unbedingt mal zur Messe fahren.

Und danach haben sie mit 22 Jahren einen Verlag gegründet. Wo kam das Wissen dafür her? 

Ganz ehrlich? Ich wusste nichts und lerne heute noch jeden Tag dazu! Damals gab es viel weniger Informationsmöglichkeiten als heute. Es gab sicherlich schon Bücher darüber, wie ein Buch entsteht und wie man einen Verlag leitet, aber das war nicht mein Weg. Ich war 1981 als Besucher auf der Messe und habe danach meinen Verlag gegründet. Nach der Messe habe ich viel mit den Verlegern telefoniert, die ich auf der Messe kennengelernt hatte. Ich hörte erstmals von Vertretern und Auslieferungen, vom Börsenverein und Barsortimentern und vieles mehr. Dazu habe ich in den ersten Jahren mit einer Druckerei vor Ort zusammengearbeitet, wo ich auch vieles lernen konnte. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Es gab keine Computer in den Verlagen, Autoren schrieben ihre Manuskripte noch auf Schreibmaschinen, von Handy und Internet ganz zu schweigen. Aber ich konnte in der Druckerei meine ersten Bücher selber auf elektronischen Satzmaschinen setzen.

Wie kam es zum Namen Pendragon?

Im März 1981, also ein halbes Jahr vor der offiziellen Verlagsgründung, habe ich, zusammen mit einem Freund, einen kleinen Gedichtband herausgebracht. Damals stand dann öfters in solchen Publikationen „Verlegt im Selbstverlag“ im Impressum, aber ich entschied mich aus dem Bauch heraus für Pendragon. Einige Monate zuvor hatte ich ein Buch über die Artus-Legende gelesen und Pendragon war der Vater von Artus, aber daran dachte ich in dem Moment gar nicht. Auch nicht an die Bedeutung, also PEN: die Feder und DRAGON: der Drache. Deshalb zierte etwas später das erste Verlagssignet auch ein kleiner gemütlicher Drache, der mit einer Feder seinen Namen Pendragon geschrieben hatte.

Ich lebte in den frühen 80er Jahren noch in Brackwede, einem Stadtteil von Bielefeld und ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, in jedes Impressum „Brackwede bei Bielefeld“ hineinzuschreiben. Von wegen „Reinbek bei Hamburg“! Wir haben damals aus dem ersten Gedichtband Lesungen in Cafés, Kneipen, Kulturzentren veranstaltet und schon kurz danach landeten bereits die ersten Manuskripte im Briefkasten.

Die Frankfurter Buchmesse 1981 war ein wichtiger Grundstein für den Pendragon Verlag – für alle, die nicht dabei waren und alle, die nochmal dabei sein wollen: Wie haben Sie diese Messe damals erlebt?

Ich habe die Messe damals als einen Ort erlebt, an dem vieles möglich war. Die Stimmung war wie auf einem Festival. Alles sehr leicht und beschwingt. Auch auf eine gewisse Weise verspielt. Jedenfalls habe ich es so erlebt. Tagsüber war man auf der Messe, damals wurde noch überall geraucht und wohl auch mehr getrunken als heute … abends ergaben sich immer irgendwelche Treffen. Ich bin nicht sicher, ob es auch schon 1981 war, dass zeitgleich die „Gegenbuchmesse“ in Frankfurt stattgefunden hat und ob das legendäre Café Rowohlt/Café Laumer schon seine Türen geöffnet hatte. Man saß mit den unterschiedlichsten Leuten an Tischen (Ledig-Rowohlt, Rühmkorff) und kam einfach miteinander ins Gespräch.

Ich bin auf die Messe gefahren, ohne zu wissen, was mich erwartet. Um eine Orientierung zu haben, bin ich zu den unabhängigen Verlagen gegangen, von denen ich mir die Erstausgaben der Autoren besorgt habe, die ich gerne gelesen habe. Und zu Maro, wo damals wie heute ganz besondere Bücher erscheinen. Benno Käsmayr, der Verleger von Maro, hat mich immer in seiner Koje aufgenommen und ich hoffe, ich bin ihm nicht auf die Nerven gegangen. Ich weiß noch, einmal kam Fritz Rau, der Konzertveranstalter, zu Maro an den Stand und ich habe ihm alle Bücher von Maro empfohlen, die ich mit Begeisterung gelesen hatte. Fritz Rau hat sie alle gekauft.

Ein wichtiger Titel, damit sich Pendragon etablieren konnte, war Ende der 80er das John Lennon-Songbuch. Wie haben Sie das bekommen?

Aufgewachsen bin ich mit älteren Geschwistern, die die Beatles mochten. Deren Lieder liefen bei uns rauf und runter. Die Harmonien die Beatles bestimmen (unbewusst) bis heute, ob mir ein Lied auf Anhieb gefällt oder nicht. Das Solowerk von John Lennon verbinde ich mit vielen persönlichen Momenten und sein Tod 1980 hat mich wirklich sehr getroffen. Ich besitze, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht wenige Bücher über die Beatles bzw. die Solo-Beatles. Aus Interesse habe ich Ende der 80er Jahren angefangen, einige Beatles- und Lennon-Songs zu übersetzen. Als ich nach einer guten Vorlage aller Solo-Lieder von John Lennon suchte, musste ich überrascht feststellen, dass es weltweit nirgendwo so ein Buch gab. Natürlich hat es mich sofort gereizt, genau dieses Buch bei Pendragon zu verlegen. Damals, lange vor dem Internet, war es sehr schwierig, irgendeine Adresse herauszubekommen. Ich wusste zwar, wo Yoko Ono in New York wohnt und ich schrieb auch dahin, aber es passierte lange Zeit nichts. Ich habe über Monate die unterschiedlichsten Musiker, Plattenfirmen, Zeitschriften und Fans kontaktiert und dachte schon, da passiert nichts, aber als ich einmal noch sehr spät in meinem Verlag gearbeitet habe, kam plötzlich ein Fax aus New York an. Offenbar hatte meine Post Yoko doch erreicht, denn die Nachricht stammte von ihrem Anwalt. Ich erhielt tatsächlich die Genehmigung, um mit Gimme Some Truth weltweit das erste John Lennon-Songbuch zu veröffentlichen. Es war eine zweisprachige Ausgabe, mit vielen Abbildungen. Erschienen ist die Ausgabe im Oktober 1990, zum 50. Geburtstag von John Lennon. Lennons Lied „Gimme Some Truth“ sollte man vielleicht mal einigen Politikern vorspielen!

Der Erfolg mit dem John-Lennon-Songbuch war für den Verlag ein sehr wichtiger Schritt. Er hat die weitere Entwicklung des Verlages maßgeblich beeinflusst!

Und welche weiteren Titel haben Pendragon beflügelt?

Oh, das ist schwer zu beantworten, denn grundsätzlich beflügeln mich die neuen Projekte immer sehr und motivieren mich in der Arbeit. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Da ist ja wirklich etwas dran. Neben den bereits erwähnten Büchern haben den Verlag natürlich noch weitere Bücher beflügelt, wie z.B. Der weiße Affe von Kerstin Ehmer, der erste Kriminalroman mit Kommissar Spiro. Im kommenden Frühjahr wird mit Der blonde Hund“ der 3. Band der erfolgreichen Reihe erscheinen. Mit Alexander Häusser und seinem Roman Noch alle Zeit bin ich kreuz und quer durch Deutschland getourt, ebenso mit Stefanie Gregg und ihren Roman Duft nach Weiß. Sehr berührend waren auch die Lesungen mit der jungen syrischen Autorin Lina Atfah aus ihrem Gedichtband Das Buch von der fehlenden Ankunft. Und seit Kronsnest von Florian Knöppler bei uns erscheinen ist, haben sich ganz viele neue Kontakte in den Norden ergeben. Als ich kürzlich eine Radtour von Hamburg nach Kiel gemacht habe, bin ich sozusagen durch den Roman hindurch geradelt. Ich kam direkt an den Schauplätzen Kronsnest und Elmshorn vorbei!

Sie sind seit Jahren sowohl in der Literatur als auch im Krimisegment unterwegs. Weil es Ihren eigenen Lese-Interessen entspricht? 

Ich lese schon sehr lange Krimis und ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als die Orientierung sehr leicht war: Ullstein war gelb, Goldmann rot, Heyne blau und Rowohlt schwarz, also bezogen auf die Umschlagfarben. Ich habe ein großes Interesse für die jüngere deutsche Geschichte, also die Jahre 1914-1945. In den letzten Jahren sind sehr viele Kriminalromane erschienen, in denen dieser Zeitabschnitt „bearbeitet“ wurde. Wenn dies die Subebene im Roman ist, die Folie auf dem der Plot spielt, wenn der Autor die Fakten nicht aufzählt, keinen erhobenen Zeigefinger benutzt und vieles im Kleinen verdeutlich, was im Großen Bedeutung hat, dann kann ein Krimi politische Entwicklungen besser verdeutlichen als ein Sachbuch, eben weil dieses Wissen unbewusst vermittelt wird, weil wir es zeitgleich mit den Figuren, denen wir durch den Roman folgen, erfahren. 2011 erschien bei uns Wer das Schweigen bricht von Mechthild Borrmann. In dem August kam der Kriminalroman auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste und 2012 wurde Mechthild Borrmann für den Roman mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Mittlerweile liegt das Buch in der 22. Auflage vor. Ein paar Jahre später erschien von D.B. Blettenberg bei Pendragon Berlin Fidschitown, ebenfalls ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi Preis. In beiden Romanen, wie z.B. auch in Kolbe von Andreas Kollender, haben die Entwicklungen der Jahre 1933-1945 eine wesentliche Bedeutung. Ich will überhaupt nicht moralisch urteilen und bin sehr dankbar, dass ich nie in die Situation gekommen bin, mich in diesen Jahren hätte entscheiden zu müssen. Was aber, wenn eine Gruppe von Menschen gewusst hat, was mit jemandem in diesen Jahren passiert ist und nach dem Krieg einer aus dieser Gruppe das Schweigen brechen will?

Als im Frühjahr 2021 von Frauke Buchholz der Kriminalroman Frostmond bei Pendragon erschienen ist, da waren uns die schrecklichen Nachrichten aus Kanada noch nicht bekannt. Tausenden Kindern von den indigenen Völkern sind in sogenannten „Umerziehungsschulen“ ums Leben gekommen. Man hat versucht, ganzen Generationen von Indigenen ihre Identität, ihre Kultur, ihre Sprache zu nehmen, alles mit dem Segen der katholischen Kirche. Über die Verbrechen spricht man jetzt, aber nicht über die Tausenden von indigenen Frauen, die in den letzten Jahrzehnten entlang von Straßen („Highway der Tränen“) missbraucht und umgebracht wurden. Frauke Buchholz hat selber unter Indigenen in Reservaten gelebt. Sie weiß, worüber sie schreibt. Sie kennt die Materie, sie kann eine gute Handlung entwickeln, und Figuren, denen wir glauben, was sie tun. Geschrieben in einer Sprache, die uns sofort in die Handlung hineinzieht. Genauso wünsche ich mir die Bücher, die bei Pendragon erscheinen. Wenn ich ein neues Manuskript anfange zu lesen und nach kurzer Zeit vergesse, dass ich lese, wenn ich hineintauche in die Handlung, in eine andere Welt, dann ist es ein Buch für mich. Das Buch ist das älteste und radikalste Medium zugleich. Man benötigt nur Zeit und Licht, keinen PC, keinen Reader, kein Smartphone …

Bei einigen Entwicklungen waren Sie sehr früh dabei, z.B. bei E-Books.

Die ersten E-Books von uns gab es bereits vor über 20 Jahren. Damals, es muss in den Jahren 2000/2001 gewesen sein, kam mit dem Rocket eBook der erste E-Book-Reader nach Deutschland. Zum Start suchte man händeringend nach Stoffen und sprach auch Pendragon an. Die Konvertierung von jedem einzelnen Titel war sehr aufwändig und teuer, aber man kann sagen, wir waren sehr früh dabei.

Ich erinnere mich an eine Edition zum Gastland-Auftritt von Südkorea, die hatte damals ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Das war im Jahr 2005 und wirklich aufregend, weil wir in den wenigen Tagen unglaubliche viele Veranstaltungen auf der Messe und in der Stadt hatten. Dazu kamen vor und nach Frankfurt noch weitere Veranstaltungen in anderen Städten, wie Hamburg und Berlin. Jedenfalls liefen wir gefühlt ständig mit Büchern über die Messe, damit diese rechtzeitig zu den Lesungen vor Ort vorrätig waren. Und als einmal der deutsche Vorleser fehlte, drückte man mir kurzerhand das Buch in die Hand und ich musste einspringen. Dazu viele Pressetermine und Interviews. Ich werde heute noch oft in Buchhandlungen auf unsere „Edition Moderne koreanische Autoren“ angesprochen. Im Rahmen dieser Edition war ich übrigens zweimal in Südkorea, u.a. mit Matthias Politycki und Uwe Kolbe. Wir haben in Südkorea viele Autoren und Verleger getroffen. Das waren sehr besondere Momente für mich.

23 Bände James Lee Burke sind auch ein großes Projekt, zu dem es Mut bedarf.

Mut sicherlich auch, aber vor allem ist es mir sehr wichtig, mit allen Autoren langfristig zusammenarbeiten. Auch dann, wenn es so ein umfangreiches Werk ist wie die 23-bändige Dave-Robicheaux-Reihe von James Lee Burke.

Als 2015 mit Sturm über New Orleans der erste Band bei Pendragon erschien, war James Lee Burke für mehr als zehn Jahre vom deutschen Markt verschwunden. Es gab aber immer wieder Leser, die bei uns angefragt haben, ob dies nicht ein Autor für uns sein könnte. Ich selber habe James Lee Burke bereits in 1990er Jahre gelesen. Ausschlaggebend, wie so oft, können gute Gespräche mit befreundeten Buchhändlern sein und mit Christian Koch von HAMMETT in Berlin habe ich öfter über Burke gesprochen, denn mir war ja klar, was da auf mich zukommen würde. 23 Bände bedeutet von Anfang an, in guten wie in schlechten Zeiten, zum Autor und zu seinem Werk zu stehen. Und so entschloss ich mich zu einer langfristigen Verbindung. Wenn alles nach Plan läuft, wird im Herbst 2023, nach acht intensiven Jahren, die Burke-Edition bei Pendragon abgeschlossen sein. Die Übersetzungen, die es bereits auf deutsch gab, haben wir überarbeitet, aber der größere Teil sind deutsche Erstausgaben.

Wie würden Sie James Lee Burke einer Leserin erklären, die noch nie etwas von ihm gelesen hat?

James Lee Burke ist ein ganz besonderer Autor: Er kann sanftmütig und poetisch über Landschaften, Pflanzen, Flüsse und den Sumpf schreiben, über Musik und Essen … Liest man ihn, riecht man die Blumen und die Gewürze und hört die Musik, meistens alte Jazzaufnahmen. Aber die Welt ist leider nicht nur hell und schön, sie ist auch dunkel und böse. Burke scheut sich nicht, für diese böse Welt eine andere Sprache zu wählen, aber immer ist er mit der Sprache genau dort, wo es schön ist oder weh tut.

Seine Figur Dave Robicheaux ist ein komplexer Mann, ein Moralist, der an das Gute glauben, der den Schwachen helfen will, der sich nicht immer unter Kontrolle hat, der im Krieg gekämpft und dem Alkohol verfallen war, aber wer ihn als Freund hat, hat einen verlässlichen Freund fürs Leben gefunden. Wer noch nichts aus dieser Reihe gelesen haben sollte, dem möchte ich mit Neonregen den ersten Band der Reihe ans Herz legen.

Die Pandemie und Pendragon: Wie geht es Ihrem Verlag derzeit? 

In den letzten anderthalb Jahren sind die Messen in Frankfurt und Leipzig ausgefallen, aber eben auch mehrere Dutzend Lesungen für unsere Autoren. Ich finde es so schade, wenn zwei Autoren ihre Debüts bei uns veröffentlichen (Frauke Buchholz Frostmond / Florian Knöppler Kronsnest) und monatelang nicht aus ihren Büchern vorlesen können. Und vor allem keine Buchpremiere erleben können, was ja noch viel schlimmer ist! Schreiben ist ein sehr einsames Geschäft. Da bedeutet für die Autoren der Kontakt zum Publikum ungemein viel. Wir konnten in all den Monaten nicht in der notwendigen Art und Weise auf unsere Bücher aufmerksam machen, wie es unsere Bücher brauchen, um gesehen und beachtet zu werden. In den Zeiten der Pandemie hatten die Buchhandlungen, mit Ausnahme von Berlin, lange geschlossen. Leser konnten nichts entdecken und Buchhändler nichts empfehlen. Die persönliche Empfehlung eines Buchhändlers ist immer noch die stärkste Kaufempfehlung für jedes Buch. Buchhändler kennen ihre Kunden und wissen, was diese gerne lesen würden. Auch macht es mir große Freude, unsere Autoren bei Lesungen zu begleiten und bei den Veranstaltungen etwas über das Büchermachen zu erzählen, dem Verlag also ein Gesicht zu geben. So etwas fehlt mir sehr. Insgesamt kann ich aber sagen, dass wir uns in der Pandemie ganz gut geschlagen haben und ich hoffe, dies wird uns auch in den nächsten 40 Jahren gelingen!

Ein Autor aus Ihrem aktuellen Programm scheint demnächst unverhofft Aufwind zu bekommen, durch eine Novität von Paul Auster …

Da muss ich ein klein wenig ausholen … 2020 erschien bei Pendragon der Roman Mr. Crane von Andreas Kollender. Es ist ein Roman über die letzten Lebenstage von Stephen Crane, der sich im Sommer 1900 in Badenweiler in einem Tuberkulose-Sanatorium befand. Crane, von Fieber und Delirien befallen, durchlebt noch einmal sein ganzes aufregendes, aber eben auch sehr kurzes Leben, denn Crane, der als der James Dean der amerikanischen Literatur gilt, starb mit nur 28 Jahren. Beim Lesen des Manuskriptes von Andreas Kollender entstand sofort die Idee, dass es für die deutschen Leser sehr interessant wäre, wenn sie einen Roman von Crane und einen Roman über Crane lesen könnten. So ist zeitgleich mit Mr. Crane als deutsche Neuübersetzung der Roman Die rote Tapferkeitsmedaille von Stephen Crane erschienen. Für Ernest Hemingway „eines der besten Bücher unserer Literatur“. Wenn ich mich für einen Autor begeistere, dann gebe ich mich nicht nur mit einem Buch zufrieden und so habe ich noch während der Arbeit an der Tapferkeitsmedaille einen Band mit 13 wichtigen Erzählungen von Crane konzipiert, der gerade unter dem Titel Die tristen Tage von Coney Island bei Pendragon erschienen ist. Im Februar 2022 folgt ein weiterer Crane-Band mit dem Titel Geschichten eines New Yorker Künstlers.

Planen kann man so etwas nicht, denn kürzlich las ich, dass im Januar 2022 bei Rowohlt in deutscher Übersetzung von Paul Auster der 1200-seitige Band In Flammen – Leben und Werk von Stephen Crane herauskommen wird. Für Paul Auster ist Stephen Crane der erste große amerikanische Schriftsteller der Moderne. Kann es ein schöneres Lob für einen Autor und eine schönere Bestätigung für die eigene Arbeit geben?

40 Jahre Pendragon – was sind die wichtigsten Dinge, die Sie für sich persönlich in dieser Zeit gelernt haben?

Es mag wie ein Klischee klingen, aber doch trifft es zu: Der Verlag ist durch mich gewachsen und ich mit ihm. Alles, was ich mit und durch den Verlag gelernt und erfahren habe, hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Man kann sich nicht verstecken, wenn man die Verantwortung für einen Verlag, für sein eigenes Ding, hat. Man muss sich immer allen und allem stellen (können), wird sich vielleicht fragen, was kann eigentlich noch alles passieren, was wiederum auch hilfreich sein kann. Und auch wenn ich mich selber als einen kommunikativen Menschen bezeichnen würde, ist es doch etwas ganz anderes, wenn man in der Öffentlichkeit agiert, wenn man plötzlich auf die Bühne geschubst wird und reden soll, wenn man angreifbar ist, weil das, was man tut, kein Job ist, sondern eine Herzenssache. Auch kannte ich Multitasking schon, bevor ich das Wort das erste Mal gehört habe, denn es fällt in einem kleinen unabhängigen Verlag jeden Tag alles auf einmal an. Das geschäftliche Denken und Handeln musste ich mir erst aneignen, um überlebensfähig zu sein. Das habe ich eindeutig für den Verlag getan, denn ein Zahlenmensch bin ich nicht. Und selbst 40 Jahre Routine bewahren einen nicht davor, Fehler zu machen, aber ich versuche dann alles, dass sich solche Fehler nicht wiederholen.

Pendragon wird in diesem Jahr nicht auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sein. Wie wehmütig macht Sie das?

Sehr, denn mit Ausnahme vom letztjährigen Ausfall war ich erstmals als Besucher 1981 auf der Messe und ab 1982 jedes Jahr als Aussteller. Auf meiner ersten Messe habe ich mir eine kleine Koje mit vier Verlagen aus Deutschland und der Schweiz geteilt. Ich liebe Buchmessen … so, wie ich sie kenne. Und ich hoffe, es wird diese Messen bald wieder so geben.

Wenn heute ein 22-jähriger Mensch vor Ihnen stehen und sagen würde: „Ich möchte einen Verlag gründen.“ Was würden Sie sagen? 

Es entstehen immer wieder neue Verlage, gegründet von jungen Menschen und jeder dieser Verlage hat auch eine Chance, sich zu entwickeln. Ich würde niemandem ausreden, einen Verlag zu gründen. Ich rede aber grundsätzlich niemandem etwas aus, wenn er eine Vision hat. Wenn er etwas unbedingt machen will, dann soll er es auch versuchen.

Die Fragen stellte Susanna Wengeler

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