Das Sonntagsgespräch Dirk Rumberg über die neue SZ eBibliothek

Vor gut zehn Jahren erregte die SZ-Bibliothek der Süddeutschen Zeitung Aufsehen. Jetzt startet das Ballt mit einer E-Book-Bibliothek.
BuchMarkt sprach darüber mit Dirk Rumberg, der damals die Print-Bibliothek im Geschäftsfeld „Neue Produkte“ der SZ verantwortete und heute als Berater und Literaturagent tätig ist und in dieser Funktion die Süddeutsche Zeitung bei ihrem neuen Projekt unterstützt hat.

Wieder eine E-Book-Bibliothek. Was ist das Besondere daran?

Dirk Rumberg: Wieder? – Also ich zumindest kenne bisher kein anderes Beispiel. Diese SZ eBibliothek ist ein Angebot an die Leser, das sie nicht ablehnen können. Die Feuilletonredaktion der Süddeutschen Zeitung (erste Besonderheit) hat dafür 50 wunderbare Romane ausgewählt – und unter zehn Überschriften zu Buchpaketen von jeweils fünf Titeln zusammengefasst. Die Lizenzen dafür stammen eben nicht nur aus einer Quelle (zweite Besonderheit), sondern kommen sowohl von großen Belletristik-Verlagen wie Suhrkamp, Hanser oder S. Fischer als auch von kleineren, wie dem Dörlemann, dem Unions- oder dem A1 Verlag.

Einzelne Rechte haben wir auch direkt mit ausländischen Verlagen oder Erben von Autoren bzw. Übersetzern geklärt. Es ist eine ebenso gelungene, wie manchmal überraschende Mischung (dritte Besonderheit) aus Weltbestsellern und nahezu in Vergessenheit geratenen Titeln, aus sehr bekannten Büchern und Autoren und aus großartigen Werken von wunderbaren Schriftstellern, die sich derzeit – oder die sich überhaupt bislang in Deutschland noch nicht so gut verkauft haben.

Haben Sie ein Beispiel?

Aber natürlich: Lothar Müller, der SZ-Literaturkritiker, der die Auswahl mit seinen Kollegen inhaltlich federführend betreut hat, wollte unbedingt einen, wie er fand, ganz wunderbaren französischen Schriftsteller in der eBibliothek vertreten sehen, der in Deutschland zwar nicht unbekannt, dem aber doch bislang der große Durchbruch verwehrt geblieben war. Für sein Werk Der Horizont wurde dann auch vor der Buchmesse der Lizenzvertrag unterschrieben. Dass dann während der Buchmesse die Nobelpreisentscheidung für Patrick Modiano fiel, hat uns natürlich alle sehr gefreut – wir hatten aber durchaus noch eine ganze Reihe anderer Kandidaten in unserer 50er-Auswahl, die den Preis nach Ansicht der Feuilletonredaktion der SZ ebenso verdient gehabt hätten.

Neben diesen inhaltlichen Dingen sind die Bücher – wenn man den Preis jeweils auf einzelne E-Books herunterrechnet – natürlich, durchaus in der Tradition der gedruckten SZ Bibliothek, konkurrenzlos günstig (vierte Besonderheit).

Kann der Buchhandel an dieser Edition partizipieren?

Selbstverständlich. Es war allen Beteiligten von vornherein sehr wichtig, dass nicht nur große Onlinehändler, sondern alle, die E-Books verkaufen wollen, daran teilnehmen können. In den Gesprächen mit der Tolino-Allianz wurde früh deutlich, dass das möglich sein würde. Dadurch, dass Libri der Tolino-Allianz beigetreten ist können alle Buchhandlungen, die dort angeschlossen sind ihren Kunden die SZ eBibliothek anbieten. Man konnte ja in der Entwicklung desE-Book-Marktes in den vergangenen Monaten beobachten, dass dieser zwar weiter wächst, sich darin jedoch Marktanteile verschieben. Warum soll diese Entwicklung jetzt aufhören? Warum soll sie vor mittleren und kleineren Buchhandlungen Halt machen?

Auch deren Kunden (ich bin bei uns im Würmtal selbst einer) lesen gedruckte und elektronische Bücher parallel und werden das in Zukunft noch viel selbstverständlicher und vermehrt tun. Aber man muss es seinen Kunden eben zum einen überhaupt ermöglichen (wollen), auch digitale Produkte einzukaufen und zum zweiten keine allzu hohen Hürden dabei aufbauen. Wer das nicht kann (oder will), dessen Kunden gehen – zumindest was den Kauf dieser Produkte betrifft – dann eben zur Konkurrenz, die ja im Netz nur einen Klick entfernt ist. Wobei, wenn Sie mir diese Ergänzung noch gestatten, zum können natürlich auch gehört, dass die kleineren und mittleren Sortimenter, die nicht direkt mit den Verlagen ihre Verträge zum E-Book-Verkauf machen, mit ihrem Vertragspartner, also dem Zwischenbuchhandel, faire und auskömmliche Konditionen aushandeln können.

Die Süddeutsche Zeitung hat seinerzeit mit der SZ-Bibliothek als Werbemaßnahme für die Zeitung gleich die ganze Buchbranche mit durcheinandergewirbelt: Haben Sie jetzt wieder so etwas vor.

Also zum einen hat die SZ Bibliothek damals sicher auch der Marke Süddeutsche Zeitung gut getan. Aber vor allem wurde damit auch Geld verdient. –Nicht nur von der SZ, sondern zum Beispiel auch von Autoren, Lizenzgebern, Druckereien – und: doch, doch: auch dem Buchhandel. Ich treffe bis heute immer wieder Buchhändler, die mir sagen: „Ich habe die SZ Bibliothek gerne verkauft – und sie steht auch bei mir selbst bis heute im Wohnzimmer.“ Insofern war das damals sicher eine aufsehenerregende – und für alle Beteiligten (geschimpft haben ja vor allem die, die nicht mitgemacht haben) erfolgreiche Aktion. Aber dass es den ganzen Buchhandel durcheinander gewirbelt hätte, das wäre doch etwas zuviel der Ehre.

Natürlich würden alle heute Beteiligten das gern wiederholen: keine Revolution damals und auch keine Neuerfindung des E-Book-Marktes jetzt, aber doch eine erfolgreiche und aufsehenerregende Aktion.

Wie halten Sie es mit den Preisen. Uwe Tellkamps Turm hat Suhrkamp für 9,99 Euro als E-Book im Angebot, bei Ihnen kostet es 3,99 Euro. Kommen sich die Ausgaben nicht in die Quere?

Da muss ich Sie ein wenig korrigieren: Ja, wenn ein SZ-Abonnent die gesamte Reihe erwirbt, kostet jedes einzelne E-Book rein rechnerisch 3,99 Euro. Aber: einzeln kann man diese E-Books eben nicht erwerben, so dass das nur ein theoretischer Preis ist. Um es noch einmal zu erklären: es gibt zwei Angebote: Entweder der Kunde erwirbt die komplette SZ eBibliothek mit allen 50 Bänden. Dafür bezahlt er 199,50 Euro (also 3,99 pro E-Book), wenn er SZ-Abonnent ist, oder 249,50 Euro wenn er sich noch nicht davon hat überzeugen lassen, diese wundervolle Tageszeitung, die ja am Samstag auch eine großartige Wochenendausgabe bietet, zu abonnieren. Kunden, die nicht alle 50 Bände auf einmal kaufen möchten, können auch nur einzelne Bundles von jeweils fünf Titeln kaufen.

Diese fünf Titel sind nicht frei kombinierbar, sondern wir haben zehn Genrebundles festgelegt, also zum Beispiel fünf Liebesromane, fünf Kriegsromane oder fünf coming of age-novels download(SZ_eBibliothek.pdf). Dafür zahlt der SZ-Abonnent 24,95 € (also 4,99 Euro/E-Book). Der Nicht-Abonnent 29,99 Euro (also 5,998 Euro/E-Book). Damit ist auch das preiswerteste Bundle noch immer deutlich teurer als jedes einzelne in der Bibliothek enthaltene Buch in einer anderen auf dem Markt befindlichen E-Book-Ausgabe. Wer also nur gezielt ein einzelnes E-Book möchte, der wird von der SZ eBibliothek keinen Gebrauch machen. Das ist anders als es damals vor zehn Jahren beim gedruckten Vorgänger war.

So richtig von einem E-Book-Boom kann man in Deutschland derzeit ja noch nicht sprechen. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Ihre Edition einschlagen wird?

Ich habe nie geglaubt, dass E-Books die gedruckten Bücher von heute auf morgen ersetzen werden. Allerdings haben E-Books inzwischen doch einen nicht zu unterschätzenden Anteil an den Verkäufen. Wichtig ist es ja, auf das Verhalten der Leser zu schauen. Und das ist genauso, wie es der Gesamtvertriebsleiter der SZ, Mario Lauer formuliert hat, in dessen Verantwortungsbereich das Projekt eBibliothek angesiedelt ist: „Ebenso wie bei der Zeitung ist es auch bei Büchern: viele Leser nutzen heute gedruckte und digitale Angebote ganz selbstverständlich nebeneinander. Wir wissen, dass ein großer Teil unserer Kunden inzwischen über digitale Lesegeräte verfügt und neben der gedruckten Zeitung eben auch das Informationsangebot auf sueddeutsche.de oder die digitale Ausgabe der Zeitung nutzt.“ Es ist ja auch stark situationsabhängig wie man liest: Im Urlaub am Strand anders als sonntagsnachmittags im Wohnzimmer. Im Bett anders als Montagmorgens in der S-Bahn. Da findet mit der Zeit jeder den Mix, der für seine Bedürfnisse am besten ist. Dafür muss man einfach die Wahlmöglichkeiten verbreitern. Genau das geschieht jetzt, indem mit der SZ eBibliothek ein Angebot gemacht wird, das der Grundstock für die eigene private digitale Bibliothek sein kann.

Als gedruckte Bücher nebeneinandergestellt würden die Bände gut zwei Meter Regalplatz einnehmen. Rund dreißig Kilogramm Gewicht brächten sie gemeinsam auf die Waage. Sicher nichts, was man mit auf Reisen nähme. Doch in elektronischer Form kann man diese wundervollen Werke der Weltliteratur nun in wenigen hundert Gramm und Millimetern auf dem Tablet, E-Book-Reader, Smartphone oder Laptop überallhin mitnehmen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand bei Band 1 anfängt und dann alles bis zu Band 50 durchliest. Aber es ist eben eine Einladung zu einer literarischen Entdeckungsreise, bei der einem sicherlich nicht langweilig wird.

Wie wird die mediale Begleitmusik für die Edition aussehen?

Sie haben sicher gesehen, dass der Wochenendausgabe der SZ eine vierseitige Verlagssonderbeilage beilag, in der die ganze Aktion vorgestellt wird, Lothar Müller die Auswahl erklärt und alle Titel und Angebote präsentiert werden. In den nächsten zehn Wochen wird – vermutlich jeweils Freitags – ein Genre mit seinen fünf Titeln von der Redaktion vorgestellt. Außerdem gibt es natürlich eine große Marketingkampagne sowohl in Print als auch in online, sowohl in der Süddeutschen, deren Magazin und Onlineauftritt, als auch anderen Medien.

Verabredet ist vor allem auch eine große Marketingkooperation mit Mitgliedern der Tolino-Allianz, die die Sichtbarkeit der SZ eBibliothek auch im stationären Handel noch einmal steigern wird.

Sie sind mit dieser Aktion als Berater wieder für die Süddeutsche Zeitung tätig geworden. Was tun Sie denn sonst – und was planen Sie als nächstes?

Das Leben als Selbständiger ist ja nicht nur, wie der Name sagt, selbst und ständig, sondern vor allem, und das empfinde ich als großes Glück, auch sehr vielfältig. Das eBibliotheks-Projekt mit der Süddeutschen war natürlich schon ein großes und auch eines in dem viel Zeit und Herzblut steckt. Aber ich habe mich in den zurückliegenden Monaten als Literaturagent auch über Bestseller gefreut, die ich vermittelt habe, zum Beispiel Marti Perarnaus wunderbares Buch über Pep Guardiolas erstes Jahr beim FC Bayern. Und bin sehr gespannt darauf, wie die neue Biographie über Helmut Kohl von Henning Köhler oder das in den nächsten Tagen erscheinende Werk von Sabine Pamperrien Helmut Schmidt und der Scheißkrieg von der Kritik aufgenommen und sich verkaufen werden. Und ich lese gerade mit großer Begeisterung die Manuskripte einiger im Frühjahr erscheinender Krimis von mir vertretener Autoren, wie etwa des vierten Bandes von Marc Ritters in Garmisch-Partenkirchen spielenden mit dem schönen Titel Frauenmahd oder das von Ben Berkelys nächstem Thriller Das Haus der Tausend Augen.

Als Berater habe ich in den vergangenen Monaten auch die Verkäufe von Unternehmen vermittelt und begleitet, bin zum Beispiel sehr froh, dass es gelungen ist, für die self-publishing Plattform bookrix mit der Lübbe AG einen neuen Mehrheitsgesellschafter zu finden. Derzeit arbeite ich gerade an zwei anderen solchen Verkaufsprojekten, ein Verlag und eine sehr spannende Website. Welche das sind kann ich naturgemäß nicht sagen, ebenso wie ich über eine Reihe anderer spannender Beratungsprojekte für große und kleine Medienunternehmen nicht sprechen kann.

Mit Blick auf weitere E-Book Editionen müssen wir alle jetzt zunächst einmal abwarten, wie die SZ eBibliothek von den Lesern angenommen wird. Der Effekt der schön anzusehenden Bildungsbürgertapete, von dem wir bei der Print-Bibliothek vor zehn Jahren ganz sicher profitiert haben, fällt ja weg – und alle Beteiligten sind sehr gespannt auf die Verkaufszahlen. Aber wenn die –wovon ich fest ausgehe – im Bereich der geplanten Erwartungen (oder besser darüber) liegen, dann gibt es natürlich schon eine Reihe weiterer Konzepte für weitere Projekte, die ich gern realisieren möchte – bevor andere wieder auf den fahrenden Zug aufspringen und das Modell kopieren. Da gibt es Dinge für Kinder, Projekte im Bereich von einzelnen Genres, für besondere Anlässe oder Jahreszeiten – darunter welche, die sich an alte Printkonzepte anlehnen ebenso wie ganz neu entwickelte – und vor allem eines, dass ich schon vor gut sieben Jahren im Printbereich gern gemacht hätte – mich dann aber nicht getraut habe, es zu realisieren, weil die Investition und damit das Risiko doch ziemlich hoch gewesen wäre. Die Hürden dafür als E-Book Edition wären zum Glück viel niedriger, weil man eben zum einen nur einen Bruchteil (wenn überhaupt) der Herstellungs-Logistik- und Lagerkosten hat und vor allem, vielleicht das Schönste am Verkauf von E-Books: kein Remissionsrisiko.

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