Das Sonntagsgespräch Dr. Peter Stainer: Mitarbeiter am Veränderungsprozess beteiligen

Dr. Peter Stainer hat seit Ende der 1980er Jahre immer wieder zwischen freiberuflicher Tätigkeit und Positionen innerhalb von Unternehmen gewechselt. So führte sein Weg über Bouvier, Karstadt, WEKA, Klopotek und Rhenus zuletzt zur privaten Hochschule für Medien, Macromedia.
Jetzt startet er gerade wieder als freier Berater.

Wie kommt es zu diesen doch eher ungewöhnlichen Wechseln in Ihrem Berufsleben?

Peter Stainer

Es ergaben sich aus der Beratungssituation immer wieder die Frage, ob ich die geplanten Veränderungen bei meinen Kunden auch selbst umsetzen will. In der Regel waren dies Unternehmen, in denen eine entsprechende Position vakant war, und jemand gesucht wurde, der zu 100% das Changemanagement in die Hand nimmt. Das führte dann regelmäßig dazu, mehrere Jahre die Veränderungen zu steuern.

Das heißt, Sie lieben die Abwechslung?

Ich finde es gut, immer wieder Unternehmen sowohl von außen als auch von innen kennen zu lernen. Steve Jobs hat ja in seiner berühmten Stanford Rede darauf hingewiesen: den verbindenden Sinn in seinem eigenen Lebenslauf erkennt man immer erst in der Rückschau. Als ich 1981 das Abitur ablegte, war die Verbindung zwischen Buchhändlerlehre und Informatik auch nicht direkt erkennbar – die Entscheidung beides zu machen, war mehr Neigung als berufliches Kalkül.

Ihr Schwerpunkt ist die Beratung mittelständischer Unternehmen im IT Bereich. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in den nächsten Jahren?

Das Thema Digitalisierung wird meiner Ansicht noch deutlich an Fahrt aufnehmen. Und mittelständische Unternehmen stehen vor der Situation, dass die Verzahnung von Geschäftsstrategie und IT Prozessen noch nicht der Normalfall ist.
Konkret sehe ich Handlungsbedarf in den Bereichen Kundenmanagement, Datenanalyse, neudeutsch auch Business Intelligence genannt und Automatisierung.

Wie gehen Sie einen Optimierungsprozess?

Zunächst stellt sich die Frage, wohin sich ein Unternehmen entwickeln soll. Im Buchhandel sind es z.B. Entscheidungen zur Gewichtung des Internetgeschäfts und möglichen Handlungen, die sich aus den vorhandenen Daten in den IT Systemen ableiten lassen. In den Verlagen ist die Ausgangslage vielschichtiger. Die Optimierungspotentiale liegen oftmals in verschiedenen Systemen – von der Produktplanung bis zum Logistik Dienstleister.

Gibt es auch überschneidende Bereiche?

Ja, bei der Infrastruktur stehen alle Unternehmen vor denselben Veränderungen. Das wachsende Angebot an Virtualisierung von IT Service bedeutet, dass die mögliche Verlagerung von Infrastruktur in die Cloud regelmäßig geprüft werden sollte. Es gilt zu entscheiden, ob die IT ihre Ressourcen nicht stärker auf die Optimierung der Prozesse konzentrieren sollte. So kann die IT verstärkt zum Unterstützer der unternehmerischen Ziele und zum Gestalter des Fortschritts werden. Im besten Fall ist die IT dabei mehr Manager von Lösungen als Administrator.

Sie provozieren ja auf Ihrer Website nicht nur mit dem Namen bessere-projekte.de sondern auch mit der Behauptung, der Mittelstand nutze die am Markt etablierten Methoden nicht? Nennen Sie doch mal ein Beispiel.

Zum Einen besteht der besondere Charme der anerkannten Methoden des IT Management wie COBIT, ITIL und PRINCE2 darin, dass man die dort gesammelten Erfahrungen nicht selbst machen muss. Zum Zweiten darin, sie an die eigene Unternehmenswirklichkeit anpassen zu können. Die Hürde des „viel zu ausführlich für unser Unternehmen“ entfällt damit. Ein konkretes Beispiel ist Sicherheit. Nicht jede Anwendung ist gleich wichtig. Entscheidungen über die Redundanz von Systemen werden aber oftmals gefällt, ohne eine genaue Bewertung der Ausfallrisiken zu erstellen.

Das hört sich ja alles ein bisschen nach IT Handwerk an. Wo liegen denn die leidenschaftlichen Themen?

Hitzige Diskussionen gibt es eher bei Firmenworkshops mit Überschriften wie: Wenn in 20 Jahren 60% aller Jobs in Deutschland wegfallen – welche sind das bei unserem Unternehmen? Oder: Wenn ein Wettbewerber unser Unternehmen angreifen wollte, welche Schwachstellen würde er finden? Bei solchen Fragestellungen entstehen schnell ungewöhnliche oder neue Ideen für ein Unternehmen.

Ist die Bereitschaft für Veränderungen hoch?

Teils, teils. Mittelfristig sehe ich eine Trennung des Marktes in diejenigen, die Risiken eingehen, Neues ausprobieren und mit allen Vorteilen und Nachteilen vorn dabei sind. Dann gibt es noch eine Gruppe an schnellen Adaptierern, die mit der Zeit gehen. Eine dritte Gruppe verharrt im klassischen Vorgehen und hier werden nur diejenigen am Markt bestehen, die auch eine wirkliche Nische gefunden haben.

Sind Sie dabei nicht zu pessimistisch?

Keineswegs. Natürlich sehe ich auch, dass der E-Book Markt langsamer wächst und traditionelle Formen wie Loseblattwerke beweisen, dass Totgesagte länger leben. Generell besteht bei Produkten allerdings immer das Risiko der Killerapplikation wie beispielsweise der Wikipedia. Gerade las ich, dass mehr Menschen vorgelesen bekommen möchten und auch wenn diese Funktion gerade aus E-Book-Readern entfernt wurde – vielleicht erleben wir deren Renaissance wenn die text-to-speech Programme besser werden. Veränderungen beziehen sich andererseits ja nicht nur auf die Produktformen sondern auf die Erwartungshaltung der Kunden im Hinblick auf Service – von der Ansprache durch das Marketing bis hin zur Logistik.

Sie waren zuletzt IT-Direktor an einer Hochschule – sehen Sie Parallelen zum Buchmarkt?

Ja, das E-Book des Bildungsmarktes ist der Online Kurs – einer großen Euphorie im Jahr 2012 folgte schon 2014 eine gewisse Ernüchterung. Wir werden nicht alle zu Gelehrten, indem wir viele Videos anschauen. Der aktuelle Trend ist die enge Koppelung zwischen online und offline – mit der Folge, dass sich sowohl Inhaltsproduzenten als auch Rezipienten umstellen.
In beiden Branchen werden in den nächsten Jahren weitere spannende Innovationen zu erwarten sein. Risiken bestehen hier wie dort darin, dass einige wenige innovative Unternehmen einen großen Teil des Marktes besetzen – auch wenn dieser internationale Trend durch die stattliche Finanzierung im deutschen Hochschulbereich verlangsamt wird.

Wie entwickelt man eigentlich eine Innovationskultur?

Für die Organisationen ist entscheidend, die Mitarbeiter am Veränderungsprozess zu beteiligen. Der Erfolg von Projekten hängt letztlich nicht nur von der bereitgestellten Technologie, sondern mehr noch von der Akzeptanz durch die Anwender ab. Transparente Kommunikation ist hier ebenso wichtig wie Teambuildingsprozesse z.B. durch Improvisationstheater oder Design Thinking als Entwicklungsmethode für neue Dienstleistungen oder Produkte.

Dabei verlassen Sie dann den eigentlichen IT Bereich?

Schlussendlich ist die IT ja kein Selbstzweck. Software, Hardware und die schönsten Prozesse auf dem Papier sind nur so gut wie ihr Einsatz im Tagesgeschäft. Ein Telefon alleine kommuniziert schließlich auch nicht. Der Business Case, bzw. der geplante Nutzen eines Projekts wird nach Abschluss eines Projektes gemessen und begeisterte Anwender, seien es Kunden oder Mitarbeiter, bilden eine gute Voraussetzung, um den geplanten Return of Investment zu erzielen.

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