Das Sonntagsgespräch Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld: Abschied nehmen mit süßer Melancholie

2010: Egon Ammann und Marie-Luise
Flammersfeld Messeabschiedstour

1981 gab es erstmals eine Buchmesse mit Egon Ammann und seiner Mitverlegerin Marie-Luise Flammersfeld (Foto). Das war in Frankfurt. Gerade eben ist für beide die letzte Buchmesse als Verleger zu Ende gegangen. Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld ziehen ihre persönliche Buchmesse-Bilanz.

Ulrich Faure: Was ist das für ein Gefühl, zu wissen: Nie wieder werde ich zu einer Buchmesse als Aussteller anreisen dürfen/müssen?

Egon Ammann: Da geht einem viel durch Kopf und Herz, aber eigentlich freue ich mich, es ist Zeit, nach 29 Jahren, mit einer süßen Melancholie Abschied zu nehmen. Alles hat seine Zeit ….

1983: Egon Ammann und Marie-
Luise Flammersfeld als“Messenovizen“

Ulrich Faure: Dezidierte Frage an Egon Ammann: Wieviel Flammersfeld steckt – schauen wir uns all die Jahre an – im Ammann-Programm?

Egon Ammann: Wie will man eine Symbiose auseinander rechnen? Ich konnte meine Frau nie als von mir getrennt ansehen. Aber wenn Sie Zahlen wollen: 50% mindestens. Das Programm war vor allem meine Sache, obwohl sie immer mitgelesen und auch wertvolle Titel in eigener Regie eingebracht und verlegerisch betreut hat. Vor allem aber hat sie den Verlag als Ganzes im Auge gehabt und gestaltet, nicht „nur“ das äussere Erscheinungsbild der Bücher und Werbemittel. Während ich Neues zu entdecken suchte und in unzähligen Lesungen, Veranstaltungen und Interviews meinen Kopf hinhielt, feilte sie – eher publikumsscheu – z.B. an den Arbeitsabläufen im Verlag und sorgte sich darum, wie das überhaupt alles ermöglicht werden konnte. In einem großen Verlag hätte man das „Verlagsleiterin“ genannt, aber diesen Titel fand sie angesichts der Größe des Verlags für sich nicht passend, sie nannte sich lieber „Verlagsmutti“.

UlrichFaure: Dezidierte Frage an Marie-Luise Flammersfeld: Haben Sie alles durchsetzen können, was Ihnen programmatisch vorschwebte?

Marie-Luise Flammersfeld: Ich konnte und musste mehr machen, als ich mir jemals hätte erträumen können….

Ulrich Faure: Machen wir es mal konkret: Wieviel Bücher von wieviel Autoren haben Sie seit 1983 verlegt?

Marie-Luise Flammersfeld: Etwa 900 Bücher von etwa 80 Autoren.

Ulrich Faure: Übliche Journalistenfrage: Was war der größte Erfolgstitel, was war der schlimmste Flop?

Marie-Luise Flammersfeld: Eric-Emmanuel Schmitt, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran brachte uns einen unglaublichen Erfolg.

Einen schlimmsten Flop gab es eigentlich nicht, da wir unsere Bücher liebten. Vielleicht so, wir hätten nicht jeden der Titel machen müssen. Es gab Enttäuschungen, das ja.

Ulrich Faure: Dass ein Egon Ammann die Finger vom Büchermachen lässt, glaubt eh kein Mensch. Was sind Ihre nächsten Projekte?

Egon Ammann: Wir lassen das langsam auf uns zukokommen. Projekte und Wünsche gibt es schon, zu viele schon wieder, wie meine Frau sagt, aber ich gehe meinen Möglichkeiten entlang und achte auf meine Gesundheit.

Ulrich Faure: Jetzt können Sie es ja sagen: Auf welche Messe sind Sie lieber gegangen: Nach Leipzig oder nach Frankfurt?

Marie-Luise Flammersfeld, Egon Ammann: Der Gegensatz zwischen der großen internationalen Frankfurter Messe und der intimeren leserfreundlicheren Leipziger Messe, der hat uns immer gefallen. Ein wohltuendes Wechselbad, wenn Sie so wollen. Lassen wir die Internationalität weg, dann sollte darauf geachtet werden, dass sich eine Nivellierung der beiden Veranstaltungen nicht einschleicht. Das wäre schade!

Ulrich Faure: Das letzte Verlagsprogramm ist gerade ausgeliefert worden. Möchten Sie einen Titel ganz besonders empfehlen?

Marie-Luise Flammersfeld, Egon Ammann: Mit Vergnügen, nur sind es zwei, die wir der Aufmerksamkeit empfehlen. Beständig ist das leicht Verletzliche, eine ganz besondere, ja eine exemplarische Gedichtanthologie, herausgegeben von Wulf Kirsten. Es steht alles in diesem Buch drin, allein die Genese dieses Werks ist einmalig. Ja, und dann die Übersetzung und das Lesebuch des chinesischen Philosophen Menzius, von Hendrik Jäger.

Ulrich Faure: Diese Frage darf nicht fehlen: Was war Ihr kuriosestes Messerlebnis?

Marie-Luise Flammersfeld, Egon Ammann: Das war 1984, als wir Das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa nur erst als Dummy in Frankfurt am Stand hatten und wir aus der Presse entnehmen konnten, es sei eine der wichtigsten Neuerscheinungen und der Autor würde am Messe-Samstag abend lesen…

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