Das Sonntagsgespräch „Ein Kind der Branche“ – Holger May über die Zukunft der BAG

Holger May:
Viele Neuerungen
wären sowieso nötig gewesen
© Petra Gass

Krisengebeuteltes Sorgenkind, so hat die Branche die BAG in den letzten zwei Jahren wahrgenommen. Inzwischen ist die technische Abwicklung der Abrechnung umgestellt worden. Die BAG will endlich wieder nach vorne sehen und hat deswegen einen Fragebogen an ihre Kunden verschickt.

Seit September 2008 ist Holger May in der Geschäftsleitung der BAG zuständig für Vertrieb, Marketing, Kommunikation und Key Accounts. Mit buchmarkt.de sprach May über die Umstellung, zukünftige Projekte und den emotionalen Blick der Branche auf die BAG.

buchmarkt.de: Herr May, die BAG hat eine Kundenumfrage gestartet, um „Bilanz zu ziehen und nach vorne zu schauen“, heißt es in ihrem Anschreiben.

May: Ja, die BAG hat sich – notgedrungen – die letzten beiden Jahre viel mit sich selbst beschäftigen müssen. Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir aufhören können, zurückzuschauen und wieder nach vorne blicken können.

buchmarkt.de: Das Kind ist also in trockenen Tüchern? Auf der AkS-Jahrestagung gab es Klagen über das neue Rechnungsformular …}

May: Das stimmt, es wurde aber in der Zwischenzeit überarbeitet. Den Buchungsbeleg, den die Kunden vermisst haben, gibt es wieder, sogar in besserer Form. Die Umstellung verlief, damit gehen wir ganz offen um, nicht immer reibungslos. Seit Ende Januar ist komplett umgestellt und nach der Behebung einiger Probleme bekommen wir positive Rückmeldungen. Wir reagieren auf Kritik und sind jederzeit offen dafür.

buchmarkt.de: Die BAG hat die technische Abwicklung der Abrechnung „outgesourct“.

May: Nach dem Debakel im Factoring-Geschäft kam Dr. Manfred Antoni für ein halbes Jahr als Interims-Geschäftsführer zur BAG. Zu seinen Aufgaben im Rahmen der Restrukturierung der BAG gehörte auch, eine langfristig verlässliche Lösung für die technische Abwicklung der Abrechnung zu finden. Deshalb hat man die RSB Bank als Partner ausgewählt. Die für die Kunden erkennbare Umstellung ist aber erst Anfang dieses Jahres abgeschlossen worden. Ein Projekt dieser Größenordnung ließ sich nicht in wenigen Wochen oder Monaten bewältigen.

buchmarkt.de: Die BAG ist ganz schön umgekrempelt worden. Da ist die Auslagerung der technischen Abwicklung, aber auch personell sieht die BAG heute anders aus. Sie arbeiten mit 50 Prozent des Personals und die Führung ist eine neue.

May: Heinrich Zimmermann ist in der Geschäftsführung weiterhin dabei. Aber ansonsten stimmt es, die BAG hat sich neu aufgestellt. Viele der Neuerungen standen aber bereits seit längerem an. Die Modernisierung der Hard- und der Software zum Beispiel war längst überfällig. Die Wartungsfirma soll sogar einmal angedroht haben, den Wartungsservice für die alte Hardware einzustellen.

buchmarkt.de: Sie meinen, die BAG-Krise war heilsam?

May: Ja, sie hat einen Stein ins Rollen gebracht. Die BAG war vorher ein Selbstläufer, bei dem nichts in Frage gestellt wurde. Bis zu den Problemen im Factoring-Geschäft jedenfalls. Danach stand so ziemlich alles in Frage.

Wie gesagt, manche Neuerung wäre so oder so nötig gewesen. Ich selbst bin erst seit September dabei. Was mir aber sehr schnell aufgefallen ist, ist, wie emotional der Umgang mit der BAG in der Branche ist. Etwas überspitzt formuliert habe ich ab und an den Eindruck, dass viele Branchenteilnehmer meinen, qualifizierte Bemerkungen zur Lage der BAG machen zu können. Darunter Personen, die an der BAG gar nicht teilnehmen. Das hat mich anfangs schon irritiert. In so einer Stimmung ist es vielleicht gut, wenn jemand von außen kommt.

Andererseits habe ich aber gemerkt, dass das eigentlich ein positives Zeichen ist: Die BAG ist ein echtes Kind der Branche, an dem allen etwas liegt, und das merkt man.

buchmarkt.de: Und mit der Umfrage wollen Sie jetzt weitere Anregungen sammeln?

May: Unser Kerngeschäft, das Clearing, lief ja immer. Das ist natürlich absolut vorrangig. Jetzt können wir uns an weitere Projekte machen. Oliver Recklies, der kaufmännische Leiter der BAG, und ich sind noch relativ neu dabei. Wir haben in zahlreichen Kundengesprächen Eindrücke gewonnen, was an der BAG geschätzt wird und was sich die Kunden wünschen. Aber wir wollen unsere Eindrücke einfach noch einmal überprüfen, ehe wir intensiv an ein Projekt gehen. Deswegen fragen wir im ersten Teil des Fragebogens nach den Erfahrungen unserer Kunden und danach, was ihnen besonders wichtig ist: So können wir nachvollziehen, welche unserer Leistungen für die Kunden zentral sind. Dann bitten wir in einer offenen Frage um persönliche Wünsche und Anregungen und welche Lieferanten der Kunde bei uns vermisst.

buchmarkt.de: Sie fragen aber auch nach Betriebsgröße und um an einer Verlosung teilnehmen zu können, muss man Angaben zur Buchhandlung machen.

May: Die zurücklaufenden Fragebögen bekommt die BAG nicht zu sehen, falls Sie darauf raus wollen. Sie werden von den Teilnehmern per Freiumschlag direkt an den unabhängigen Unternehmensberater Rolf Reisinger geschickt, der auch die Auswertung übernimmt. Nach der Größe fragen wir, weil wir vermuten, dass sich die subjektiv empfundenen Vorteile der BAG-Abrechnung nach Größenklassen unterscheiden. Das möchten wir bestätigt haben. Und an der Verlosung nimmt jeder Einsender teil. Wir haben das aber so organisiert, dass die BAG keine individuellen Antworten bestimmten Kunden zuordnen kann.

Wir haben gemerkt, dass es unter unseren Kunden einen unheimlich aktiven Kreis gibt, der uns viel Feedback gibt. Da ist aber noch die große Masse derer, von denen wir nichts hören. Die hoffen wir so zu erreichen. Dass die ersten 50 Einsender eine Überraschung von uns erhalten und wir auf der Buchmesse Weinpräsente verlosen, soll natürlich locken.

Uns geht es einfach darum, zu sehen, was unsere Kunden von uns erwarten und wie Sie uns wahrnehmen. Und auch wenn jemand mal schimpfen will, geben wir ihm damit die Möglichkeit. Und auch in Kritik stecken oft gute Anregungen. Wer weiß, vielleicht kommt ja auch eine Idee, auf die noch keiner von uns gekommen ist.

buchmarkt.de: Was sind denn Ihre nächsten Projekte?

May: Wir wollen beispielsweise mehr Lieferanten gewinnen und zwar nicht nur Verlage, sondern auch Lieferanten aus dem Non-Book-Bereich, von Schreibwaren und Geschenkartikeln zum Beispiel. Auch kann ich mir vorstellen, dass wir den Teilnehmerkreis der BAG stärker internationalisieren. Unsere Idealvorstellung ist, dass eine Buchhandlung wirklich alles, was sie einkauft, über uns abrechnen kann. Eine Rechnung alle vierzehn Tage für alles. Und mit unserer „Tochter“ BKG (Buchhändlerische Kredit-Garantiegemeinschaft) wollen wir der Branche künftig neue Lösungen rund um das Thema Liquidität zur Verfügung stellen.

Ganz oben auf der Liste steht aber eine Zusammenarbeit mit dem ZVAB. Schon in meinen ersten Tagen bei der BAG kamen Händler diesbezüglich auf mich zu. Daran arbeiten wir, stehen mit den Verantwortlichen beim ZVAB in Verhandlungen und wollen das noch im Laufe dieses Jahres regeln.

Und auch auf Lieferantenseite möchten wir wissen, wie die BAG wahrgenommen wird. Deswegen werden wir im kommenden Jahr auch hier eine ähnliche Umfrage starten. Hier kann ich mir vorstellen, dass wir telefonische Interviews führen, in Kombination mit einem Fragebogen.

Unser Ziel ist es, für alle Beteiligten transparenter und kundenfreundlicher zu werden und gleichzeitig das Potential, das im Geschäftsmodell der BAG liegt, im Sinne unserer Kunden voll auszunutzen.

Die Fragen stellte Carolina López

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