Das Sonntagsgespräch Elisabeth Raabe über ihr „VerlegerInnenleben“ – und warum sie ihre Erinnerungen daran aufgeschrieben hat

Es war der Hingucker im Januar-BuchMarkt: Ein dreiseitiger Vorabdruck aus Elisabeth Raabes Erinnerungen an ihr „Verlegerinnenleben“, deren „Premiere“ jetzt zur Leipziger Buchmesse am Donnerstag um 19 Uhr in der Dt. Nationalbibliothek stattfindet. Erzählt wird in Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche weit mehr, als die Geschichte eines Verlages.

Inzwischen ist dieses ganz besondere Buch erschienen und macht in der Branche (und natürlich auch bei den Lesern) die Runde, auch in unserer Redaktion ist es von Hand zu Hand gegangen. Weshalb wir von der Autoren wissen wollten, welche Quellen sie genutzt hat für ihre ganz persönliche Branchengeschichte, warum sie extra für das Buch einen Verlag ins Leben gerufen hat – kurz: Fragen, die sich jedem Leser stellen. Die Autorin beantwortet sie hier im Sonntagsgespräch.

BuchMarkt: Muss heute jeder unbedingt seine Memoiren schreiben?

Elisabeth Raabe
(c) Tim Gerstenberg

Nein. Bitte nicht. Der Hang, dass heute jede, jeder meint, sein Leben erzählen zu müssen, ob Fußballer oder Filmstar, und das manchmal schon, wenn man noch nicht mal dreißig ist, scheint für mich der zunehmenden Öffentlichmachung des Privaten geschuldet zu sein, wie sie in den sozialen Netzwerken praktiziert wird. Andererseits gibt es seit dem 18. Jahrhundert eine große, wichtige Erinnerungsliteratur, die wir auch immer wieder als Quelle für unsere Arche Literatur Kalender nutzen, zum Beispiel Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Elias Canetti, Gerettete Zunge oder Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause und auch Meine geheime Autobiographie von Mark Twain.

Dann frage ich aber: Weshalb dann haben Sie Ihr »Verlegerinnenleben« geschrieben?

Meine Absicht war es, mit meinem Buch an all jene Büchermenschen zu erinnern, die uns in den 25 Jahren unseres Arche-Verlegerinnenlebens, also von 1983 bis 2008, vom Kauf des Zürcher Arche Verlags bis zum Verkauf des literarischen Teils an die Oetinger Verlagsgruppe, begleitet haben.

Das sind natürlich…

… die Autorinnen und Autoren, Übersetzer, Vertreter, Buchhändler, Literaturagenten, Rezensenten, Mitarbeiter. Wenn man so will, ist es ein Beitrag gegen das Vergessen in unserer Branche, indem ich Geschichten erzähle – mit Empathie. Wer weiß zum Beispiel heute noch, wer die neapolitanische Autorin Fabrizia Ramondino war, deren erstes Buch Althénopis. Kosmos einer Kindheit wir 1986 herausbrachten?

Ehrlich gesagt, ich nicht.

Aber es gibt Leser, die sich nach der Lektüre meines Buches über ZVAB ihre Bücher (oder die von anderen Autoren) besorgen und sie entdecken, weil sie sie damals nicht wahrgenommen haben. Und ich stelle mit Freude fest, dass viele beim Lesen noch einmal ein Stück des gemeinsamen Weges nach- und neu -erleben. So schreibt zum Beispiel unsere frühere Vertreterin Petra Könekamp, wie sie das Buch am Silvesterabend gelesen und sich an eine Konferenz erinnert habe, in der wir über die Umschlagentwürfe zu Maarten ’t Harts Das Wüten der ganzen Welt diskutiert und schließlich dem Vorschlag der Vertreter nachgegeben haben.

Stimmt, Maarten ’t Hart war eine große Arche – Entdeckung, mir unvergessen. Wie haben Sie denn das Buch geschrieben? Welche Quellen hatten Sie?

Ich hatte einerseits die Verlagsvorschauen beim Schreiben neben mir liegen, andererseits unser Gästebuch, das uns 1984 ein Schweizer Buchbinder zum 40-jährigen Verlagsjubiläum geschenkt hat und in dem die Gäste und Events verzeichnet sind mit genauem Datum, und natürlich die Bücher unserer Arche-Autorinnen und Autoren selbst. Und dann bin ich sozusagen in die Katakomben der Erinnerung hinabgestiegen, an vergessene Begegnungen, verdrängte Erlebnisse, und ich war immer wieder erstaunt, wie viele Bilder man gespeichert hat. Das war nicht immer einfach, manchmal war es eine emotionale Achterbahnfahrt. Denn dann sind sie wieder

Durch Klick auf Cover
zum Buch

da, die Flops und Niederlagen, Trennungen von Autoren, aber auch die Erfolge, gelungenen Neuanfänge und die schönen Begegnungen wie zum Beispiel mit Stéphane Hessel, dem französischen Widerstandskämpfer und Überlebenden von Buchenwald, dem Diplomaten und großen Europäer, dessen Erinnerungen Tanz mit dem Jahrhundert wir 1998 herausgebracht haben, als er hierzulande noch ein No-Name war, und mit dem wir eine große Lesereise gemacht haben.

Erinnerungen können trügen …

Ja, das stimmt. So hat mich der Lebensgefährte von Fritz J. Raddatz neulich darauf aufmerksam gemacht, dass es kein Sportwagen war, der vor dessen Haus stand, wie ich geschrieben habe, sondern eine Jaguar-Limousine … Andererseits erzähle ich Geschichten, und indem man Geschichten erzählt, bekommen sie eine neue, intensivere Wirklichkeit, wie Jonathan Franzen einmal gesagt hat.

Und Sie haben dafür extra einen eigenen Verlag gegründet?

Unter dem Label »Arche Kalender Verlag« konnten wir das Buch nicht verlegen, und deshalb haben Regina Vitali und ich 2014 in Zürich eigens die „edition momente Raabe + Vitali“ gegründet, eine Kollektivgesellschaft, in der nur mein Buch erscheint, sozusagen ein »Ein-Buch-Verlag«. Der Name rührt übrigens daher, dass wir beide 1982 ursprünglich vor dem Kauf von Arche einen Kleinverlag mit dem Namen „Momente“ gründen wollten.

Wie ist denn bis jetzt die Resonanz?

Wunderbar! Ich erhalte Anrufe, Mails und Briefe. Aus dem Buchhandel wie zum Beispiel von Margarete Riethmüller, RavensBuch, von unseren Autorinnen und Autoren, von Freunden, von meinem ehemaligen Chef bei Otto Maier, Christian Stottele, von Jochen Gelberg, sogar von Inge Feltrinelli, die eine begeisterte Karte schrieb, dass der Verlegerberuf der schönste aller Berufe sei. Ganz besonders lieb und teuer aber ist mir ein Brief, den mir Roger Willemsen Ende Dezember, also wenige Wochen vor seinem Tod, geschrieben hat. Er hat in den letzten Jahren unsere Kalender-Arbeit immer hellauf begeistert begleitet. Ich hatte ihm das Buch zu Weihnachten geschickt, und er schreibt, er habe sich gleich festgelesen und dauernd Unbekanntes erfahren, es sei ein »Dokument der Liebe zu Büchern« …

Und wie steht es um die Medien?

Dank der rührigen Pressearbeit von Sabine Schaub (SchwindKommunikation Berlin), habe ich gleich am Erscheinungstag am 18. Januar mehrere Interviews gegeben, auch ein sehr schönes Gespräch mit Gerwig Epkes für seine Sendung LiteraturEN im SWR geführt.

Dabei ist es aber nichtgeblieben, wie ich weiß…

…ja, inzwischen bin ich sozusagen ständiger Gast im NDR-Studio am Rothenbaum in Hamburg, und der Pförtner begrüßt mich schon wie eine alte Bekannte. Dagegen schweigen leider die Printmedien noch, lediglich die NZZ hat vor einer Woche in ihrer Zürcher Sonntagsausgabe eine Rezension gebracht. Aber vielleicht verirrt sich ja jemand in meine Buchpremiere während der Leipziger Buchmesse am Donnerstag um 19 Uhr in der Dt. Nationalbibliothek im Sitzungszimmer – trotz der über 3000 Veranstaltungen. Die Adresse „Deutscher Platz 1“ kann man sich ja gut merken.

Klar, von Platz 1 träumen ja wohl alle Autoren, das wäre schon mal geschafft.

Durch Klick auf Foto zum Buch. Die Fragen stellte Christian von Zittiwtz

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