Carsten Gansel über sein Buch "Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre" „Er hatte das, was man ein großes Herz nennt“

Am 10. Mai wurde in Berlin Carsten Gansels Buch „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ (Galiani) vorgestellt. Über die Buchpremiere hatten wir berichtet (hier), aber beim Autor für unser heutiges Autorengespräch noch einmal nachgefragt:

Carsten Gansel: „Es wird sicher viele seiner Leserinnen und Leser interessieren, was Otfried Preußler für ein Mensch war, wie er seine Kindheit und Jugend erlebt hat, was er früher geschrieben hat und wie er seine Erfahrungen in Krieg und Gefangenschaft nicht nur verarbeitet hat, sondern wie sie zur Grundlage für so sensible und die kindlichen Leser ernst nehmenden Bücher wurde“ (© Bernd Lasdin)

 

Herr Professor, wie immer zuerst unsere Standardfrage: Worum geht es genau in Kind einer schwierigen Zeit?

Carsten Gansel: Das Buch befasst sich mit dem frühen Preußler, aber es stellt nicht den Erfolgsautor der späten Jahre ins Zentrum, sondern seine Anfänge und seine Biographie. Es geht also im wirklichen Sinne um die Frage nach dem, was man „Herkunft“, „Werdegang“ und „emotional-geistigen Charakter“ nennt.

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema gestoßen?

Mir fiel auf, dass über die frühe Zeit, also Kindheit und Jugend sowie Kriegsjahre und Gefangenschaft, so gut wie nichts bekannt war. In einigen Beiträgen hat Otfried Preußler zwar Hinweise zu seiner Kindheit gegeben, und es finden sich sehr spät, also ab Ende der 1980er Jahre, vereinzelte Andeutungen zu Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion. Aber insgesamt waren die frühen Jahre eine terra incognita.

Und findet man in dieser terra incognita Informationen?
Ab 2012 ist mir dann gelungen, Eingang in russische Archive zu finden. Dabei fand ich nicht nur die Urfassung von Heinrich Gerlachs „Durchbruch von Stalingrad“ (1945/2016), sondern stieß auch auf die Kriegsgefangenenakte von Otfried Preußler und schließlich auf Texte von ihm, die niemand vorher zu Gesicht bekommen hatte. Später dann auf Dokumente aus dem Gefangenlager in Kasan. Hinzu kam, dass ich von der Nachlassverwalterin, Frau Dr. Preußler-Bitsch, die Möglichkeit erhielt, im Privatarchiv Otfried Preußler Texte einzusehen und zu lesen, die bis dahin unbekannt waren. Das betraf nicht nur die frühe Lyrik, sondern auch zwei große Vorhaben, die ab Mitte der 1980er Jahre entstanden.
Welche waren das?
Einmal ging es um den Bessarabischen Sommer,  bei dem es sich um „Fragmente zu einem Roman“ handelt. Hier erfindet Otfried Preußler eine Art alter ego, also eine fiktive Figur, die dicht an der eigenen Biographie liegt. Auf diese Weise kann der Autor das ihn Bedrängende, das teilweise traumatischer Natur ist, denn es geht um Krieg und Gefangenschaft, auf Distanz halten. Weitere zehn Jahre später braucht er dies nicht mehr, er kann unverstellt „Ich“ sagen, und so entsteht die Autobiographie Verlorene Jahre?.
Ihre Erkenntnis? 
Letztlich zeige ich, wie die frühen Kindheits- und Jugenderfahrungen und sodann die Traumata von Krieg und Gefangenschaft zur Grundlage für seinen großen Roman „Krabat“ werden, an dem er seit Mitte der 1950er Jahre gearbeitet hat. Viele der realen Erlebnisse des Autors sind im „Krabat“ auf eine phantastisch-mythische Ebene gebracht. Es wird den einen oder die andere sicher interessieren, was alles in den Roman Eingang fand.
Wem noch könnte eine BuchhändlerIn das Buch mit welchem Argument eigentlich am besten verkaufen?
Der „Kleine Wassermann“ erschien 1956, und der wunderschöne Text für Kinder brachte Otfried Preußler den Durchbruch als Autor. Mit der „kleinen Hexe“, „Bei uns in Schilda“ und natürlich dem „Räuber Hotzenpotz“ konnte er an den Erfolg anschließen. Viele Leserinnen und Leser kennen und lieben diese Texte und werden mehr wissen wollen.
In der Tat, seitdem sind ganze Generationen mit Otfried Preußler groß geworden.
Ja, wir alle haben seine Geschichten gehört und später haben wir sie selbst gelesen. Davon künden die zahlreichen Briefe an den Autor, die er über 50 Jahre erhalten und immer beantwortet hat. Wir arbeiten daher auch an einer Briefauswahl. Aber zu Ihrer Frage: Es wird sicher viele der Leserinnen und Leser interessieren, was Otfried Preußler für ein Mensch war, wie er seine Kindheit und Jugend erlebt hat, was er früher geschrieben hat und wie er seine Erfahrungen in Krieg und Gefangenschaft nicht nur verarbeitet hat, sondern wie sie zur Grundlage für so sensible und die kindlichen Leser ernst nehmenden Bücher wurde.
Und was steckt nun für ein Mensch hinter diesen Büchern? 
Wenn man sich für diese Frage interessiert, wird man entdecken können, welche Maximen sein Schaffen und seinen Umgang mit Menschen geprägt haben. „Anstand“, ein Begriff, der in der Gegenwart überholt scheint, war für ihn zentral. „Mit Anstand über die Runden!“, hat er einmal gesagt. Und ergänzt: „Ich weiß, daß es schwierig ist, moralische Urteile abzugeben oder gar zu fällen. Man muß, wenn man moralisch urteilen oder gar verurteilen will, das Ganze einer Situation kennen.“ Wie wahr, so möchte man sagen. Sicherlich konnten Otfried Preußlers Kinderbücher nur in dieser Weise entstehen, weil  er das hatte, was man ein „großes Herz“ nennt. Wer möchte nicht auch diese Seiten eines geliebten Autors kennenlernen?
Aber 550 Seiten allein nur über  seine frühen Jahre …
…ja, es ist schon recht umfangreich. Aber ohne Probleme hätten es noch um die 200 Seiten mehr sein können. Zu erzählen wäre von Episoden in Kindheit und Jugend, die umfangreich belegen, warum und auf welche Weise der „Kleine Wassermann“ und die „Kleine Hexe“ später entstanden sind. Nicht zuletzt wäre zu zeigen, wie es Otfried Preußler wie wohl keinem anderen gelungen ist, Traditionen des mündlich Überlieferten zu Literatur zu machen. Auch zahlreiche Erlebnisse aus der Gefangenschaft blieben unerzählt. Und nicht zuletzt geben die Briefe von Kindern Aufschluss darüber, was den jungen Leserinnen und Lesern wichtig ist. Nämlich der Erzählen von Geschichten. Das Erzählen von Geschichten, das ist etwas, was in keiner Weise zu unterdrücken ist, in widrigen Zeiten schon gar nicht.
Ist denn noch Weiteres geplant?
Auf jeden Fall soll es eine Auswahl der Kinderbriefe an Otfried Preußler geben. Wie ernst Otfried Preußler seine kleinen Leserinnen und Leser genommen hat, das sieht man allein schon daran, dass er jeden Brief beantwortet hat.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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