Markus Wilhelm und Nikola Ulrich über Digitalisierung im Buchhandel und eine neue Investitionsförderung vom Staat  „Es gibt Fördermittel für die Digitalisierung im Buchhandel – Chancen, die sich der Handel nicht entgehen lassen sollte“

Die Digitalisierung in der Branche ist durch Corona mehr denn je in den Fokus gerückt. Doch Investitionen in Technologien und Know-how sind für kleine und mittlere Unternehmen finanziell oft kaum zu stemmen. Unterstützung bietet das neue Förderprogramm „Digital Jetzt“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit den Beratern Markus Wilhelm (Geschäftsführender Gesellschafter Publisher Consultants) und Nikola Ulrich (Prokuristin):

Nikola Ulrich und Markus Wilhelm: „Übrigens lohnt es sich, schnell zu sein. Denn um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie zu begrenzen, hat das Bundesministerium für Anträge, die bis zum 30.06.2021 eingehen, auch noch höhere Förderquoten festgesetzt“ (Durch Klick auf Foto mehr über deren Beratungskonzept)

BuchMarkt: Wie haben Sie die Buchbranche in der Corona-Krise wahrgenommen?

Markus Wilhelm: Wir haben gesehen, dass viele Branchenunternehmen diese Krise auch als produktiven Zustand genutzt haben. Vieles, was lange nicht Thema war, konnte und musste wegen der Corona-Pandemie mit Hochgeschwindigkeit umgesetzt werden. Auf jeden Fall hat sich bestätigt, dass in der Branche in vielerlei Hinsicht Handlungsbedarf besteht, um die digitale Transformation voranzutreiben und sich für die Zukunft flexibler aufzustellen. 

Wer kann denn wie von der Digitalisierung profitieren?

Nikola Ulrich: Davon haben alle einen Nutzen – Verlage, Dienstleister und natürlich auch der Handel. Das Handlungsspektrum ist groß: Es geht um die Digitalisierung des Unternehmens, im Handel insbesondere um den Ausbau des Online-Geschäfts, um intelligente Geschäftsabläufe, eine bessere digitale Vernetzung, zum Beispiel mit Partnern und Lieferanten, und um einen Ausbau der Kommunikation in Richtung Kunde. In der Corona-Krise haben Handelsunternehmen, die hier bereits gut aufgestellt sind, einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. 

Welche digitalen Lösungen sehen Sie denn für den stationären Buchhandel?

Während des Lockdowns hat sich erneut gezeigt, dass der eigene Online-Shop für den stationären Buchhandel eine zentrale Rolle spielt. Und auch jetzt sind die Online-Verkäufe noch vergleichsweise hoch – das stationäre und digitale Geschäft verbinden sich. Es gibt gute White-Label-Lösungen, die dem Buchhändler den Aufbau des eigenen Shops enorm erleichtern. Zudem sind die Präsenz auf Social-Media-Kanälen, ein eigener Newsletter und Online-Veranstaltungen, wie z.B. Lesungen, wichtiger denn je, um den Kundenkontakt zu intensivieren. 

Das krieg der stationäre Buchhandel doch ganz gut hin, wenn es auch an den Kräften zehrt.

Aber  bei der Digitalisierung der Arbeitsabläufe gibt es in vielen Buchhandlungen noch Luft nach oben. Unterstützung bieten zum einen bewährte Branchenlösungen, z.B. die digitale Vorschau, intelligente Warenwirtschaftssysteme und Analyse-Tools sowie die Online-Services der Barsortimente und Auslieferungen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Tools von der Stange, die die Arbeitsorganisation erleichtern, wie beispielsweise eine digitale Arbeitszeiterfassung, Kollaborationssoftware, die das vernetzte Arbeiten über mehrere Standorte hinweg ermöglicht, Tablets im Verkauf … die Möglichkeiten sind vielfältig.

Aber für Buchhändler im Alltag nicht so ganz einfach umzusetzen …

…  natürlich sind auch die Verlage gefragt, die Arbeit des Buchhändlers durch optimale Metadaten zu unterstützen, damit alle Kundenwünsche schnell und individuell bedient werden können. Oder können Sie mir auf Basis der vorliegenden Daten schnell einen Krimi empfehlen, der im Winter in Lissabon spielt? 

Das sind ja nicht ganz neue Themen …

… und dennoch sind sie so aktuell wie nie zuvor. Darüber hinaus ist auch die genaue Kenntnis meiner Kunden ein wichtiger Aspekt. Also das sogenannte Customer Relationship Management. Wer sind die Kunden, die Leser, die in mein Geschäft kommen, und wie kann ich diese Leser an mich binden? Im Hinblick auf digitale Konzepte und Softwareunterstützung – insbesondere bei den unabhängigen Buchhändlern – ist mit Sicherheit noch viel Potenzial ungenutzt. 

Aber da gibt es jetzt Hilfe vom Staat?

Markus Wilhelm: Ja, im September startet ein Förderungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie startet. Unter dem Stichwort  „Digital Jetzt – Investitionsförderung für KMU“ bietet es kleinen und mittleren Unternehmen finanzielle Zuschüsse, um sie bei der Investition in digitale Technologien sowie bei der Mitarbeiterqualifizierung in Digitalthemen zu unterstützen.

Ich glaube, das hat der Buchhandel noch gar nicht so recht wahrgenomen? 

Mag sein, aber mit diesen Mitteln haben Buchhändler die Chance, die aktuellen Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um gleichermaßen Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. 

Können Sie uns die staatliche Finanzspritze etwas näher erklären?

Bezuschusst werden mittelständische Unternehmen in allen Branchen, die zwischen 3 und 499 Mitarbeitende beschäftigen. Die Höhe der Förderung, die – ganz wichtig – nicht zurückgezahlt werden muss, bemisst sich anteilig an den Investitionskosten und ist nach Unternehmensgröße gestaffelt. Am meisten profitieren Firmen mit bis zu 50 Beschäftigten, die bis zu 50 Prozent der Investitionskosten als Zuschuss erhalten können.

Das klingt besonders interessant also auch für kleine Buchhandlungen.

Ja, das ist es auch. Außerdem gibt es Bonusprozentpunkte, die die Förderquote erhöhen, unter anderem für Unternehmen in strukturschwachen Regionen. Übrigens lohnt es sich, schnell zu sein. Denn um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie zu begrenzen, hat das Bundesministerium für Anträge, die bis zum 30.06.2021 eingehen, auch noch höhere Förderquoten festgesetzt. Maximal werden 70 Prozent der Investitionskosten bezuschusst, die maximale Fördergrenze für Einzelunternehmen liegt bei 50.000 Euro.

Welche Investitionen sind denn förderfähig?

Nikola Ulrich: Das Programm enthält zwei Module, die einzeln oder auch beide beantragt werden können. Das Fördermodul 1: „Investition in digitale Technologien“ umfasst Zuschüsse für neue Hard- und Software und damit verbundene Prozesse und Implementierungen im Unternehmen. Das Fördermodul 2: „Investition in die Qualifizierung der Mitarbeitenden“ bietet Mittel, um Beschäftigte im Umgang mit digitalen Technologien weiterzubilden. Dazu gehören beispielsweise die Erarbeitung und Umsetzung einer Digitalstrategie, IT-Sicherheit und Datenschutz, aber auch ganz grundsätzlich digitales Arbeiten und nötige Basiskompetenzen. 

Wie läuft die Förderung ab?

Das Programm startet am 7. September 2020, bis spätestens Ende 2023 müssen die Anträge eingereicht werden. Zu den Voraussetzungen für die Förderung gehört unter anderem ein Digitalisierungsplan, in dem das geplante Vorhaben beschrieben wird, das aber zum Zeitpunkt der Antragstellung noch nicht begonnen haben darf. Nach der Prüfung und Bewilligung haben die Unternehmen in der Regel zwölf Monate Zeit, ihr gefördertes Projekt umzusetzen. Ausgezahlt wird der Zuschuss schließlich, wenn der Nachweis über die Verwendung der Fördermittel geprüft wurde. Details finden Unternehmen auf der Internetseite des BMWi. 

Was empfehlen Sie also?

Markus Wilhelm: Ich bin überzeugt, dass die Investitionsförderung auch für viele Buchhandelsunternehmen interessant ist. Deshalb ist meine Empfehlung, sich jetzt damit zu befassen, welche digitalen Technologien und Qualifizierungsmaßnahmen die richtigen sind und wie das Unternehmen von den Fördergeldern profitieren kann. Zahlreiche Studien zeigen, dass gerade in kleinen Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitenden meist eine große Digitalisierungslücke klafft und wenig bis gar nicht in IT investiert wird. Das Förderprogramm kann hier einiges verbessern und der Buchhandel kann an Schnelligkeit, Flexibilität und Effizienz gewinnen. Chancen, die sich der Handel nicht entgehen lassen sollte. 

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.