Alexander Skipis über seine Arbeit in den letzten 16 Jahren als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins: „Es ist uns gelungen, den Börsenverein in die moderne Zeit zu überführen“

Alexander Skipis nimmt nach 16 Jahren Abschied: „Für mich war immer schon klar, dass Kultur nicht nur ein Sahnehäubchen, sondern ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist“

Mit dem Jahreswechsel endete die Ära von Alexander Skipis als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. ŒŽŒŒPeter Kraus vom Cleff (wir berichteten) tritt seine Nachfolge an. Wir haben in unserem Januar-BuchMarkt (Aktuelles Interview ab Seite 22) mit Alexander Skipis über seine Arbeit in den letzten “”16 Jahren gesprochen:

Sie sind als Quereinsteiger aus der Politik in die Buchbranche gekommen. Wie kam es dazu?

Alexander Skipis: Ich bin schon mein ganzes Leben mit dem Kulturbereich sehr verbunden gewesen. Auch in meinem beruflichen Leben habe ich immer schon versucht, Politik, Wirtschaft und Kultur miteinander zu verbinden. Somit erschien es mir hoch spannend, für die Buchbranche zu arbeiten. Ich war in meinen vorherigen Stationen politisch bei der Stadt Frankfurt und beim Land Hessen tätig und war auch in Kommunikation und Ö.entlichkeitsarbeit erfahren. Als dann die Stelle des Hauptgeschäftsführers beim Börsenverein ausgeschrieben war, wurde eine Headhunterin auf mich aufmerksam und hat mich angesprochen. Da eine zentrale Aufgabe die politische Interessenvertretung ist, kam mir natürlich meine Erfahrung auf dem politischen Parkett zugute.

Warum gerade die Buchbranche? Sie haben sicherlich auch Angebote aus anderen Bereichen bekommen.

Die Buchbranche ist eine ganz außergewöhnliche Branche. Hier geht es nicht um den Verkauf irgendwelcher Konsumgüter, sondern um ein Kulturgut, das von Menschen gemacht wird, die jedenfalls mehrheitlich das Ethos vertreten, einen Beitrag für das Gelingen einer freien, demokratischen,toleranten und vielfältigen Gesellschaft zu leisten. Das hat etwas sehr Sinnstiftendes.

Mit welchem Ziel sind Sie angetreten – und rückblickend, konnten Sie es erreichen?

Für mich war immer schon klar, dass Kultur nicht nur ein Sahnehäubchen, sondern ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist. In den letzten 16 Jahren habe ich intensiv daran gearbeitet, das in der Politik und Öffentlichkeit deutlich zu machen. Da war anfangs teilweise auch Überzeugungsarbeit in der Branche selbst zu leisten. Ich musste anfangs feststellen, dass Selbstzweifel und Untergangsgedanken enorm weit verbreitet waren. Das hat mich sehr gewundert, weil es sich doch um eine Branche handelt, die im Lande der Dichter und Denker fest in der Gesellschaft verankert ist. Aber mir war natürlich auch klar, dass mit der aufkommenden Digitalisierung das Buch in einen so scharfen Wettbewerb mit anderen Medien tritt, dass man darauf gut vorbereitet sein muss. Ich glaube, uns, dem Börsenverein und der Branche, ist es gelungen, hier Wesentliches zu erreichen. Das hat man jetzt aktuell in der Pandemie gesehen: Zum einen waren wir als Branche online perfekt vorbereitet, als der Lockdown kam. Zum anderen haben in der Zeit der Pandemie alle verstanden, was es bedeutet, wenn man eben nicht ins Theater gehen, keine Konzerte besuchen oder ins Kino gehen kann. Sprich: Die Kultur eben etwas Essentielles ist. Und: Der Buchhandel wurde in diesem Sinne im Frühjahr 2021 von der Politik als „Einzelhandel des täglichen Bedarfs“ eingestuft und durfte früher als andere Händler wieder öffnen. Das war ein wichtiger Erfolg und Anerkennung unserer Arbeit.

Es gab aber auch dicke Bretter zu bohren in der Politik, etwa beim Urheberrecht

Ja, das Urheberrecht ist ein zentrales Thema. Ich denke, die Zukunft der Buchbranche wird sich im Umgang mit dem Urheberrecht entscheiden. Wir habenuns intensiv dafür eingesetzt, die Bedeutung eines starken Urheberrechts für einen innovativen, unabhängigen Buchmarkt in der Politik deutlich zu machen. Trotzdem wurde das Urheberrecht mehr und mehr beschnitten. Verleger*innen wurden gewissermaßen teilweise „enteignet“. Das scheint ein Trend zu sein, der mit der Veränderung der Gesellschaft im Wesentlichen aufgrund der Digitalisierung einhergeht. Das Verständnis für die Notwendigkeit des Urheberrechts ist vor dem Hintergrund des Wunschs nach schnellstmöglicher Verfügbarkeit zu kleinsten oder gar keinen Preisen gesunken. Aus meiner Sicht kommt es jetzt unbedingt darauf an, einen Plan B zu entwickeln, der Erlösmodelle erschließt, die auch bei weiteren Einschränkungen des Urheberrechts künftig funktionieren. In anderen Bereichen, wie der Buchpreisbindung, gab es aber in den letzten knapp zwei Jahrzehnten ununterbrochen große Rückendeckung durch alle Parteien hindurch.

Ein Herzensanliegen für Sie war auch das Eintreten für Meinungs- und Publikationsfreiheit.

 Mein Ansatz dafür war, dass die Meinungs- und Publikationsfreiheit die conditio sine qua non eines funktionierenden Buchmarktes ist. Gleichzeitig ist sie unabdingbare Grundlage für eine freie, demokratische Gesellschaft. Der Börsenverein steht für mich hier aber auch noch in einer besonderen historischen Verantwortung. In der Zeit ab 1933 haben der Börsenverein und die Buchbranche kläglich versagt und sich dem damaligen Regime in unerträglicher Weise angedient. Der Börsenverein war Mitbeteiligter an der Vorbereitung und Durchführung der Bücherverbrennungen und der Ächtung jüdischer Autor*innen.

Ein Moment, an den sich viele noch erinnern, war, als Sie …. vor einem Gefängnis in Istanbul eine Mahnwache für die inhaftierte Autorin Aslı Erdogan abgehalten haben. Hatten Sie da nicht Angst?

 Ja, ich hatte Angst, das gebe ich zu. Aber Freiheit gibt es nicht per se, sondern muss täglich genutzt, verteidigt und erkämpft werden. Das war mir in diesem Moment wichtiger. Und ich hatte das Schicksal einer Frau vor Augen, die unter erbärmlichen Verhältnissen in einer Zelle saß, nur weil sie ihrem Beruf und ihrer Berufung nachgegangen ist, Texte zu veröffentlichen. Wir haben uns in den vergangenen Jahren für viele Einzelschicksale eingesetzt und damit auch die Bedeutung der Meinungsfreiheit insgesamt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Zuletzt in diesem Jahr groß angelegt mit der ersten „Woche der Meinungsfreiheit“, die ich initiiert habe. Die Resonanz darauf war enorm und das hat mich und uns bestärkt, weiterzumachen.

Alexander Skipis (vierter v. l.) ­2016 in Istanbul bei einer Mahnwache für Aslı Erdogan: „Ja, ich hatte Angst, das gebe ich zu. Aber Freiheit gibt es nicht per se, sondern muss täglich genutzt, verteidigt und erkämpft werden“

Hat sich das Engagement des Börsenvereins für die Meinungs- und Publikationsfreiheit auch auf die Bedeutung und Wertschätzung des Börsenvereins und der Buchbranche in Gesellschaft und Politik ausgewirkt?

Ja, auf jeden Fall. Man nimmt uns noch stärker wahr als eine Branche, die Verantwortung für das Gelingen unserer Gesellschaft übernimmt. Das stärkt letztendlich auch unsere Stimme in der Diskussion z.B. um Rahmenbedingungen für die Buchbranche.

Stichwort: Verbandsarbeit. Was ist hier Ihre persönliche Bilanz?

Es ist uns gelungen, den Börsenverein in die moderne Zeit zu überführen. Mit der großen Strukturreform haben wir Spartengrenzen durchlässiger gemacht und mit den Interessengruppen agile und effektive Denk- und Arbeitszellen für Branchenteilnehmer*innen geschaffen. Auch befördert durch die Corona-Pandemie haben wir digitale Angebote für Mitglieder ausgebaut, sie können jetzt viel öfter und direkter in den Dialog mit dem Verband treten. Der anhaltende Mitgliederrückgang, vor allem durch die Konsolidierung des Marktes, ist natürlich eine große Herausforderung, die den Verband auch in Zukunft beschäftigen wird.

Als Hauptgeschäftsführer haben Sie auch den Börsenverein als Unternehmen geleitet und waren Sprecher der Wirtschaftsbetriebe, also Frankfurter Buchmesse, MVB und mediacampus frankfurt. Wie hat sich die Börsenvereinsgruppe entwickelt?

 Wir stehen wirtschaftlich solide da. Natürlich hatten wir auch Herausforderungen zu stemmen, etwa die Restrukturierung der Frankfurter Buchmesse durch die Auswirkungen der Corona- Pandemie, die schmerzhaft war. Gerade bei der Frankfurter Buchmesse wird es aber jetzt darauf ankommen, die physische Veranstaltung mit digitalen Angeboten so zu ergänzen, dass das, was wir an Nutzen stiften, nämlich Kontakte zu vermitteln, auch in Zukunft monetarisiert werden kann.

Der Börsenverein ist in Ihrer Zeit auch örtlich zusammengewachsen …

Die Zusammenführung der Börsenvereinsgruppe an einem Standort in Frankfurt war ein Meilenstein in meiner Zeit als Hauptgeschäftsführer. Börsenverein, MVB und Frankfurter Buchmesse sind seit zehn Jahren in einer gemeinsamen Immobilie im Herzen von Frankfurt beheimatet, was die interne Zusammenarbeit noch verbessert hat. Die Außenstelle auf dem Lohrberg in Frankfurt-Seckbach bildet, in engem Austausch mit uns stehend, der mediacampus frankfurt. Die Überführung der damaligen Schulen des Deutschen Buchhandels in einen modernen, zukunftsfähigen Campus war ebenfalls ein wichtiger Schritt in den letzten 16 Jahren.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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