Buchmesse und Kulturpolitik – Verleger Ralf Frenzel spricht sich für Kulturförderung aus „Es kann nicht sein, dass die Kulturbranche am Gnaden-Tropf der Subventionen hängt“

Tre Torri Verleger und FINE Herausgeber Ralf Frenzel gibt anlässlich der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und mit Blick auf die Corona-Krise Impulse für die Wiederbelebung der Buchbranche. Im Interview mit dem Magazin Rondo, das am 16. Oktober 2020 erscheint, spricht er sich für Kulturförderung aus.

Ralf Frenzel

Seit Monaten sieht sich der Buchhandel mit den direkten und indirekten Folgen der Corona-Krise konfrontiert. Die Auswirkungen der Pandemie zeigte hierbei auch die strukturellen Schwachpunkte der Branche. Die Digitalisierung ist ein Thema aber auch im Hinblick auf die Politik sieht Frenzel Bedarf: „Die Kultur ist im politischen Berlin nicht ansatzweise so gut vertreten, untereinander erfolgreich vernetzt, noch für die Entscheider so stark im Fokus wie beispielsweise die Industrie. Das muss sich ändern. Man bedauert zwar die Misere, aber hat offenbar nicht das Gefühl, das man mit einem kräftigen Akzent in der Kultur einen Anstoß von gesellschaftlicher Relevanz setzen würde – und noch dazu viel mehr in der Mitte der Gesellschaft.“ Kultur ist für Für Frenzel eine ganzheitlichere Angelegenheit. Er bedauert, dass neben Musik, Theater und Kino nicht selbstverständlich auch Essen und andere Facetten der Lebensqualität allgemein als Kultur aufgefasst werden. Essen und Kultur bestimmen sich aus der Herkunft – wo anders gekocht und gegessen wird, herrscht auch eine andere Kultur.

Frenzel fordert Anreize zu schaffen, damit der Verbraucher Lust hat, in Kultur zu investieren. Sein Vorschlag: „Stellen Sie sich vor, jeder Bürger bekäme einen Freibetrag von 2.500,- € auf der Lohnsteuerkarte für jede Form von kulturellen Aktivitäten, für Besuche in Konzerten, Museen und Restaurants. Wenn 80 Millionen Einwohner jeweils 2.500,- € investieren, wären das 200 Milliarden Euro und somit eine gewaltige Bewegung. Und übrigens genau das Hundertfache des gerade aufgestockten Kulturbudgets im Haushalt der Bundesregierung. Eine gewaltige Bewegung wäre da möglich.“

Der Verleger kritisiert: „Sehen Sie, die Buchmesse freute sich gerade über eine Subventionszusage von 20 Millionen Euro. Zwanzig! Das sind für solch eine Großveranstaltung doch Peanuts! Subventionen alleine sind nicht nachhaltig. Schauen Sie sich beispielsweise die Fleisch-Industrie an, deren Probleme und Missstände resultieren meines Erachtens aus der Subventionierung. Das ist der falsche Ansatz, denn sonst hätten wir nicht Massen- und Billigware, sondern Qualität. Es kann nicht sein, dass die Kulturbranche am Gnaden-Tropf der Subventionen hängt. Was mich beschäftigt, ist die Frage: Wie können wir eine wertbasierte Daseinsberechtigung für Kultur schaffen? Wie können wir unsere geistige Nahrung unter Schutz stellen und langfristig sichern?“

„Hier ist auch der Buchhandel gefragt: Die gegenwärtigen Umstände führen uns deutlicher als je zuvor vor Augen, dass es eines Umdenkens Bedarf. Der Buchhandel muss, und das sage ich ganz deutlich, umdenken. Die diesjährige Frankfurter Buchmesse setzt hier in meinen Augen ein falsches Zeichen. Es sei nur kurz erwähnt, dass mit einer Beharrlichkeit das (physische) Stattfinden der Messe propagiert wurde, obwohl bereits im Juni abzusehen war, dass dies nicht möglich sein wird. Sicherlich ist es sinnvoll und notwendig die Messe nun in digitaler Form zu realisieren, jedoch fehlen mir hier die Impulse. Die starren Strukturen müssen aufgebrochen und der Abverkauf massiv gefördert werden“, so Ralf Frenzel.

„Es geht nicht darum in einem wilden Aktionismus alles Bestehende umzuwerfen. In erster Linie würde ich mich bereits über einen offenen Austausch und das kritische Hinterfragen freuen: Wie können Kaufanreize geschaffen werden? Wie kann eine ganze Branche modernisiert werden und zwar so, dass nicht nur die großen, digitalen Marketplace-Plattformen davon profitieren? Wie können kleine Buchhandlungen gefördert werden?  Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen, um Anreize für den Kunden und so für eine ganze Branche zu schaffen. Kultureller Konsum muss sich für den einzelnen wieder finanziell vorteilhaft auswirken und dies bietet wiederum Potentiale für alle. Hier lade ich gerne Beteiligte aus Politik und Wirtschaft, der Buchbranche und des Börsenblatts zu einem runden Tisch ins Verlagshaus der Genusswerker in Wiesbaden ein.

Die Kultur- und damit auch die Buchbranche muss sich Gehör verschaffen, die Kultur war in der Krise viel zu brav. Das Problem unserer Branche muss intensiver diskutiert werden. Auch, in dem man den Politikern klar macht, welche Wirtschaftskraft dahinter steckt.“

1 Die Zitate stammen teilweise aus dem Interview „Opernkarten vom Finanzamt“ von Carsten Hinrichs mit Ralf Frenzel für das Musikmagazin RONDO. (Das gesamte Interview  erscheint am 16.10.2020) 

[1] Magazin RONDO, Artikel „Opernkarten vom Finanzamt“ von Carsten Hinrichs, aktuelle Ausgabe mit Interview erscheint am 16.10.2020

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