Daniel Fiedler über den Stellenwert von Büchern im Programm des ZDF – und im Internet „Es kommt auf den richtigen Mix an“

Nachdem der Norddeutsche Rundfunk (NDR) angekündigt hat, 2021 die Literatursendung „Bücherjournal“ einzustellen, war die Empörung in der Branche groß. Auch der Börsenverein kritisierte das kontinuierliche Verschwinden von Buchthemen im öffentlich-rechtlichen Programm. Das war Anlass für ein Gespräch mit Daniel Fiedler, Redaktionsleiter Kultur Berlin beim ZDF.

Seit der NDR angekündigt hat, das „Bücherjournal“ zu streichen, schlagen die Wellen hoch. Welche Rolle spielt die Literatur im Programm des ZDF?

Daniel Fiedler © ZDF, Jule Roehr

Literatur spielt im ZDF in vielfältiger Weise und traditionell eine große Rolle, das beginnt schon bei den vielen Literaturverfilmungen in der Primetime, zuletzt etwa der erfolgreiche Dreiteiler Unterleuten nach Julis Zehs Bestseller. In der aktuellen Kulturberichterstattung – etwa in „aspekte“ – gibt es kaum eine Sendung, die ohne Literatur oder die Stimmen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern auskommt. Und natürlich ganz vorne steht das „Literarische Quartett“ – das erfolgreichste Literaturformat im deutschen Fernsehen, quasi die Urmutter der Literatursendung. In der aktuellen Länge von mindestens 45 Minuten ist sie sogar noch umfangreicher als die Vorgängerformate im ZDF.

Das ZDF macht Bücher also auch jenseits von „Das Literarische Quartett“ sichtbar.

Dass in „aspekte“ eigentlich in jeder Ausgabe Literatur eine Rolle spielt, habe ich erwähnt. Gleiches gilt auch für die Kolleginnen und Kollegen von der 3sat-Kulturzeit. Und auch auf ZDFkultur hat Literatur eine herausragende Bedeutung. Das ganze Programm der blauen sofas findet sich dort. Und wir entwickeln auch neue Formen der Literaturberichterstattung, wie etwa das Empfehlungstool www.dein-buch.zdf.de oder die „Literatursessions“: Hier lesen Autorinnen und Autoren wie Sebastian Fitzek, Robert Seethaler, Leif Randt oder Herta Müller aus ihren aktuellen Werken.

Es ist in letzter Zeit häufig die Rede von „Trimedialität“ der Kultursendungen. Wie tragen Sie den unterschiedlichen Medienkonsum-Bedürfnissen der Menschen Rechnung?

Vor zwei Jahren haben wir im ZDF – neben der regulären und in keiner Weise reduzierten Kulturberichterstattung – in unserer Mediathek einen digitalen Kulturraum eingeführt: ZDFkultur. Hier bieten wir die kulturellen TV-Angebote aus dem ZDF-Kosmos zum zeitsouveränen Abruf an und haben viele neue Formate und Tools entwickelt, um kulturelle Inhalte für eine jüngere Zielgruppe und ein anderes Medium anzubieten. Das ganze wird von eigenen Social Media Angeboten bei Facebook und Instagram begleitet.

Wie hat sich hier die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Zuallererst hatten wir die kurzfristige Absage der Leipziger Buchmesse zu verkraften, die uns wie alle Verlage und Aussteller kalt erwischt hat. Alles war vorbereitet, unser Programm für das „blaue sofa“ – unserer Gemeinschaftsaktion mit Bertelsmann, Deutschlandfunk Kultur und 3sat – war festgezurrt, der Messestand gebaut. Und dann die Absage. Wir haben kurzfristig ein #blauessofadigital in Berlin aus dem Boden gestampft und 20 Literaturgespräche gestreamt. Wenigstens ein kleiner Ersatz für unsere Vorhaben in Leipzig, wo wir traditionell während der Buchmesse täglich ein siebenstündiges Programm live streamen und eine dreistündige Zusammenfassung im ZDF zeigen.

Mittlerweile haben wir uns im Corona-Alltag eingerichtet. „Das Literarische Quartett“ muss leider ohne Publikum aufgezeichnet werden, „aspekte“ ist unterwegs und berichtet in seinem Sonderformat „on tour“ von Kultur und Gesellschaft in Zeiten der Epidemie.

Es ist angesichts der digitalen Angebote nicht mehr ganz so relevant, aber warum werden Kultursendungen in der Regel auf den späten Abend verdrängt?

Es ist richtig, klassische Sendeplätze verlieren immer stärker an Bedeutung. Es kommt auf den richtigen Mix von linearen und non-linearen Angeboten an, die sich gegenseitig ergänzen und verschiedene Zuschauergruppen ansprechen. Die „Kulturzeit“ ist in 3sat ein Primetime-Angebot, mit „aspekte“ und dem „Literarischen Quartett“ erreichen wir im ZDF am Freitag um 23 Uhr unser klassisches TV-Stammpublikum; ab dem Wochenende sind die Sendungen in der Mediathek rund um die Uhr abrufbar, Ausschnitte und Einzelteile zeigen wir in veränderter Form auf ZDFkultur und Facebook. So erreichen wir ein Optimum an unterschiedlichen kulturinteressierten Zuschauern.

Passen so grundverschiedene Medien wie Bücher und Fernsehen überhaupt zusammen?

Sich über Lektüren auszutauschen ist ein ebenso grundsätzliches Bedürfnis von Menschen, wie Lektüren empfohlen zu bekommen. Wenn Sie einen Roman gelesen haben, was machen Sie dann? Sie sprechen mit anderen darüber. Das Massenmedium Fernsehen bietet die Möglichkeit, dieses Gespräch anzuregen und in Gang zu setzen. Ein Buch lässt sich ja auf verschiedene Weise medial abbilden: als Verfilmung des Stoffes, als journalistischer Beitrag, als Gespräch mit dem Autor, als Talk über das Werk. Und das ist nach wie vor erfolgreich.

Elke Heidenreich hat mit ihrem Format „Lesen“ Bestseller gemacht. Doch die Zeiten sind vorbei, da die Zuschauer am Tag nach der Sendung in die Buchhandlung strömten. Welches Konzept verfolgt Thea Dorn mit „Das Literarische Quartett“?

Erstmal kurz zum Thema „Bestseller“: Die Auflagenzahlen in der Buchbranche sind insgesamt zurückgegangen. Dennoch erleben wir auch bei der Neuauflage des „Literarischen Quartetts“, dass die Bücher, die wir vorstellen, immer wieder in den Bestseller-Listen landen, so etwa Ingo Schulze (Die rechtschaffenen Mörder) oder Adeline Dieudonné (Das wirkliche Leben). In der Sendung vom 1. Mai haben wir das Experiment gewagt, über zwei Klassiker zu sprechen und siehe da: 100 Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez hat sich nach Angaben des Börsenvereins in der Woche nach der Ausstrahlung zwanzig Mal mehr verkauft als in der Woche davor, Grimmelshausens Simplicissimus in der Übersetzung von Reinhard Kaiser ist seither vergriffen.

Mit Thea Dorn, die seit Beginn des Jahres Gastgeberin des „Literarischen Quartetts“ ist, verfolgen wir das Konzept des Literarischen Salons. Der Literarische Salon ist der Ort, an dem Debatten über Literatur und gesellschaftliche Fragen historisch stattgefunden haben und seit einer Weile auch wieder verstärkt stattfinden. Bei einer zeitgemäßen Büchersendung muss die Lust an der klugen Auseinandersetzung über Literatur im Vordergrund stehen. Und im Wesentlichen wird es um Literatur gehen, die nicht im Elfenbeinturm sitzt.

Nach welchen Kriterien werden die Gäste und die Bücher der Sendung ausgewählt?

Die beiden zentralen Fragen bei der Planung einer jeden Ausgabe des „Literarischen Quartetts“ sind: Welche Gäste interessieren uns, welche Bücher halten wir für relevant? Dann suchen und diskutieren wir so lange, bis Gäste und Bücher zusammenpassen.

Wann werten Sie die Sendung als Erfolg?

Wenn die Sendung wahrgenommen wird, d.h. wenn wir es schaffen, Beifall, Kritik, Widerspruch, aber vor allem: Interesse an den besprochenen Büchern auszulösen. Ich persönlich freue mich am meisten, wenn ich einem Gespräch über ein Buch schon seit zehn, zwölf Minuten zuhöre, Thea Dorn es dann abbrechen muss, und ich denke: schade, schon vorbei.

Erreichen Sie die jüngere Leser, die ja angeblich weniger Bücher kaufen?

Mit unserem klassischen TV-Format erreichen wir eher die ältere Zuseherschaft, die ja auch den Löwenanteil der Romanleser ausmacht. Für eine andere Generation braucht es andere Herangehensweisen der Literaturvermittlung. Daran arbeiten wir bei ZDFkultur.

Können Sie sich ein ganz anderes Konzept für eine Literatursendung vorstellen?

Grundsätzlich ja. Aber im Moment finde ich das konzentrierte Gespräch, wie wir es im „Literarischen Quartett“ pflegen, die beste Antwort auf die Frage, wie mit Literatur im Fernsehen umzugehen ist.

Spielt der Buchhandel bei der Planung der Literatursendung eine Rolle?

Wir fühlen uns dem Lesen und der Literatur verpflichtet. Trotzdem sind wir natürlich keine PR-Abteilung von Verlagen oder Buchhandlungen. Das Stichwort für uns heißt eher „Relevanz“. Wir sind glücklich, wenn wir über Bücher reden, über die danach dann auch in Freundeskreisen und in Büros geredet wird.

Wie sollte eine Buchhandlung aussehen, in der Sie selbst gerne einkaufen?

Wie die Buchhandlung aussieht, ist mir ehrlich gesagt egal. Wichtig ist: ich brauche einen guten Buchhändler oder eine gute Buchhändlerin, mit der ich übers Lesen und über Bücher sprechen kann – die mir Titel empfiehlt, die ich sonst übersehen hätte. Nur dann komme ich gerne und immer wieder. Und von dieser Sorte Buchhändler gibt es Gott sei Dank immer noch viele.

Die Fragen stellte Margit Lesemann

 

 

 

Kommentare (2)
  1. Sehr gutes Gespräch mit Daniel Fiedler – und seine Gesprächspartnerin, Frau Lesemann, hat ja den idealen Namen dafür!
    Mehr solcher Gespräche, bitte!
    Danke, liebe Grüße – und bleibt alle gesund!!
    Dieter Klug

  2. Ja, ich wünsche mir ein gutes Gespräch mit Herrn Daniel Fieder und seiner Gesprächspartnerin Frau Lesemann – für mein neues Sachbuch-denn Menschengeschichte ist auch mein Ge-schichte-tes,
    Danke, herrzlich grüßt Katharina Beta

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