Markus Heitz über sein Pseudonym Maxim Voland „Es machte einen diebischen Spaß zu verfolgen, wie die Tipps lauteten“

Am Montag  wurde enthüllt:  Hinter dem Autor Maxim Voland von Die Republik (einem „Projekt der AVA Agentur“, wie es im Impressum heißt) verbirgt sich mit Markus Heitz, der als einziger deutscher Autor bereits elf Mal den „Deutschen Phantastik Preis“ gewann. Das war Anlass für unser heutiges Autorengespräch und unsere erste Frage:

Markus Heitz: „Das Pseudonym habe ich deswegen gewählt, um dem Roman zu erlauben, ohne den Eindruck meiner um die sechzig Romane zu starten, die sich überwiegend im phantastischen Bereich bewegen“

Zuerst unsere Standardfrage: Worum geht es denn in Die Republik?

Markus Heitz: Um einen alternativen Geschichtsverlauf. Die neu gegründete DDR umfasst seit 1949 nach einem unglaublichen Coup das gesamte deutsche Staatsgebiet, mit  Ausnahme des westlichen Teils von Berlin. In der Gegenwart ist die DDR d i e führende europäische Macht – ein hochmoderner Überwachungsstaat mit einem glücklichen Volk.

So scheint es …

Ja, während internationale Agentenorganisationen im autonomen West-Berlin ihre Pläne schmieden, wird die DDR von einem furchtbaren Vorfall erschüttert: Über den Platz der Akademie zieht eine Giftgaswolke und fordert zahlreiche Tote. Ein Unfall? Ein Anschlag? Welche Macht steckt dahinter? Ein desillusionierter Stasi-Oberst, ein französische Dolmetscher  und eine junge DDR-Bürgerin geraten in eine Verschwörung, die das Ende Europas bedeuten könnte.

Man ahnt, das ist kein Gesellschaftsroman.

Das überlasse ich anderen. Rätsel, Verschwörung, Politik und Schießerei sind aber auch nicht das Schlechteste.

Ich muss zugeben, das haben Sie mit sichtlichem Spaß an filmreifen Szenen gut hingekriegt. Wem würden Sie als Buchhändler den Thriller mit welchem Argument am besten verkaufen können?

Allen, die Lust auf einen ebenso actionreichen wie politischen angehauchten Thriller im ungewöhnlichen Setting der modernen, erfolgreichen und gesamtdeutschen DDR einer fiktiven Gegenwart haben. Einiges dieser Gegenwart kennt man, teils kann man sie neu entdecken. Oder muss sogar. Wer sich für alternative Weltgeschichte interessiert, ist gerne eingeladen. Im besten Fall regt es zum Nachdenken über die reale Wiedervereinigung an und was dabei alles nicht gut für den Osten lief.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine so fortschrittliche DDR zu erschaffen?

Das Genre der alternativen Weltgeschichte gibt es schon lange und ist mir nicht fremd, und natürlich kenne ich nicht wenige Romane des Genres. Auch bei dem DOORS-Projekt habe ich an der Geschichte herumgespielt. Weil es mir als Historiker einfach unfassbar Spaß macht! Die Frage nach „Wäre gewesen wenn“ ist eine der schönsten im Studium gewesen. Gleichzeitig erkennt man, wie oft Sekunden oder spontane Annahmen, Missverständnisse oder schlicht das Wetter über den Ausgang eines wichtigen Moments entschieden.

Es ist nicht der erste Roman zur weiteren DDR-Geschichte …

… die aber alle einen anderen Ansatz verfolgen. Als das 30jährige Jubiläum näherrückte, beschäftigte ich mich aus Neugier nochmals genauer mit dem Leben in der DDR, mit der Zeit danach und stellte fest, dass vieles für den Osten nicht gut gelaufen war. Das wird zum Glück immer deutlicher in den Berichterstattungen thematisiert. Aber weder geht es im Roman um Ostalgie noch um Ost-Bashing, sondern um ein Paralleluniversum, in dem es gänzlich anders lief.

Was Sie mit sichtlicher Sympathie zeigen.

Dazu muss ich sagen, dass ich oft und gerne in Leipzig unterwegs bin, und das seit vielen Jahren dank Buchmesse und einem großem Gothic-Musikevent. So bekam ich live mit, wie und was sich veränderte und was die Leute zumindest dort bewegt. Damit dient der Roman natürlich der Unterhaltung, aber auch ein bisschen als Spiegel und Gedankenspiel. Plus Denkanregung.

Sind noch weitere Werke unter dem Pseudonym geplant?

Puh, also, die Ideen waren noch nie das Problem. Eher die Zeit. Mal sehen, was Maxim Voland noch alles auf Lager hat. In meinem kleinen schwarzen Notizbuch stehen noch mindestens vier neue Ideen.

Warum haben Sie eigentlich ein Pseudonym gewählt?

„Der Roman sollte zunächst nur über das Thema Interesse wecken, und mein Verlag hat mitgezogen. Es machte einen diebischen Spaß zu verfolgen, wie die Tipps lauteten, die abgeben wurden, wer sich hinter Maxim Voland verbirgt“

Das Pseudonym habe ich deswegen für den Anfang gewählt, um dem Roman zu erlauben, ohne den Eindruck meiner um die sechzig Romane zu starten, die sich überwiegend im phantastischen Bereich bewegen. Um den Algorithmus im Internet zu überlisten, welcher der Leserschaft gleich DIE ZWERGE oder andere meiner Werke vorgeschlagen hätte, was so gar nicht zu DIE REPUBLIK passt. Es geht auch um den Abbau von Berührungsangst, die vielleicht aufgrund des Klarnamens käme. Der Roman sollte zunächst nur über das Thema Interesse wecken, und mein Verlag hat mitgezogen. Es machte einen diebischen Spaß zu verfolgen, wie die Tipps lauteten, die abgeben wurden, wer sich hinter Maxim Voland verbirgt.

Ich gebe zu, ich hatte auch auf einen anderen Autor getippt.

Es kam tatsächlich keiner drauf, nur Dietmar Wunder, einer der Hörbuchsprecher. Wir kennen uns von anderen Projekten, und als das Saarland im Roman auftaucht, ahnte er es.

Der Hinweis ins Impressum („ein Projekt“ der AVA Agentur) deutet auf eine neue Entwicklung hin?

Oh, das? Nein, das ist nur der Standardhinweis auf die Vermittlung durch die Agentur. Das werden Sie auch bei anderen Autorinnen und Autoren der AVA Agentur in Romanen finden. Es ist schon schön, ein Autor zu sein. Ziemlich das Beste, um es zuzugeben.

Sie haben die DDR-Atmosphäre, wie sie uns Älteren noch sehr präsent ist, gut eingefangen.

Dafür dass ich insgesamt vier Stunden in der echten DDR war (damals in Ostberlin), nehme ich das als Lob. Und diese vier Stunden damals haben extrem viel Eindruck bei mir hinterlassen. Abgesehen davon haben wir auch alles falsch gemacht, was man als Tourist falsch machen kann, inklusive einfach in eine Gaststätte marschieren und hinsetzen. Wir waren sehr schnell wieder an der Tür und wurden von der Kellnerin dann wieder genau an den Tisch gesetzt, den wir vorher auf eigene Faust ausgesucht hatten. Durch meine Zeit in Leipzig habe ich nachträglich viel mehr über den Osten gelernt. Dennoch musste ich ziemlich viel recherchieren, und die Markennamen waren noch das Wenigste.

Die derzeitige Corona Situation ist für Kulturschaffende fast genauso beängstigend wie damals. Wie ist die bisherige Resonanz auf Die Republik?

Der Roman ist seit 26.10. auf dem Markt, und alle schönen Aktionen im Vorfeld für die Buchmesse, anstehende Lesungen und andere Dinge im Handel sind schlicht ins Coronawasser gefallen. Damit sinkt die Aufmerksamkeit, was bei einem „unbekannten“ Autor natürlich umso unschöner ist. Zahlen kenne ich noch nicht, aber ich bin recht zuversichtlich. Aber ich habe es, gemessen an vielen anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Kulturabteilung, noch vergleichsweise gut. Ausgefallene Lesungen zur Republik und das Verschieben der großen Lesetour zusammen mit Kai Meyer und Bernhard Hennen sind ärgerlich und enttäuschend, aber bedeuten nicht den finanziellen Ruin für mich. Aber für andere Autorinnen und Autoren sind Lesungen feste Bestandteile des Einkommens. Das ist extrem hart, und auch Online-Lesungen sind kein echter Ersatz.

Haben Sie  eine Botschaft an den Buchhandel?

Danke, dass auch unter diesen schwierigen Bedingungen die Geschäfte für die Kundschaft geöffnet sind – damit kommen Lesekultur, Ablenkung und neue Geschichten weiter unter die Leute. Denn Bücher helfen manchen mit Sicherheit auch durch diese Zeiten.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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