Das Sonntagsgespräch Faszination Sprache: Uwe-Michael Gutzschhahn über die Bedeutung von Kinderlyrik

Im Volkach wird am 18. November zum ersten Mal der Josef-Guggenmos-Preis für Kinderlyrik verliehen. Wir sprachen deshalb mit Autor und Literaturübersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn über die Besonderheit der Verleihung. Gutzschhahn selbst veröffentlichte  1978 seinen ersten Gedichtband, 20 weitere Bücher folgten. Er arbeitete über zwei Jahrzehnte als Lektor in verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen und war bei Ravensburger und Hanser Programmleiter. 2001 verließ er die Verlagsarbeit und ist seither freiberuflich als Übersetzer, Autor, Herausgeber, Lektor und Literaturagent tätig

BuchMarkt: Herr Gutzschhahn, wie wichtig ist dieser Preis?

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Uwe-Michael Gutzschhahn: „Es geht um das Staunen, wie einer Sprache verwendet, wie er Dinge vorstellbar macht, etwas nie Gedachtes im Kopf des Lesers auslöst.“ ©Miriam G. Möllers

 

Uwe-Michael Gutzschhahn: Die Jurys der einschlägigen deutschen Kinder-und Jugendbuchpreise haben sich nie richtig für Lyrik erwärmen können. Da geht es Ihnen offensichtlich wie vielen Erwachsenen, die eine Scheu vor Gedichten haben. Das letzte Gedichtbuch, das den Deutschen Literaturpreis erhielt, war der Band Drunter und Drüber von Jürgen Spohn im Jahr 1981. Ich will aber dazu sagen, dass es einige Gedichtanthologien wenigstens auf die Nominierungsliste des DJLP geschafft haben. Dennoch: In anderen Ländern sieht die Situation besser aus. In unserem Nachbarland Österreich gibt es einen Staatspreis für Kinderlyrik, der lebende Autoren für ihre Arbeit in diesem Bereich auszeichnet, in den Niederlanden, in England und in den USA gibt es viel beachtete Preise für neue Gedichtbände, die oft von Bibliotheksverbänden verliehen werden, um der Kinderlyrik eine bewusstere Aufmerksamkeit in der Flut der Romane zu verschaffen. Weil wir all das in Deutschland nicht haben, führen Gedichtbücher in Deutschland eine Schattenexistenz. Deshalb kam man im Herbst 2015 auf einer Lyriktagung in Volkach, bei der es schwerpunktmäßig um Josef Guggenmos ging, auf die Idee, einen Preis für Lyrik zu initiieren und ihn nach dem vielleicht namhaftesten deutschen Kinderlyriker neben James Krüss zu benennen. Immerhin: Guggenmos’Gedichtband Was denkt die Maus am Donnerstag war der Starttitel der Taschenbuchreihe dtv junior, ist bis heute im Programm und hat sich weit über 400.000 mal verkauft. Das ist doch ein gutes Omen!

Warum ist Kinderlyrik denn überhaupt so wichtig?

Man kann das ganz leicht bei Lyrik-Veranstaltungen sehen. Wenn Arne Rautenberg, der zu den wichtigsten jüngeren Lyrik-Autoren in Deutschland zählt, in Schulen, Bibliotheken  oder auf Literaturfestivals liest, sind die acht-bis elfjährigen Zuhörer voll und ganz bei der Sache, sie begeistern sich für das Sprachspiel, es juckt sie, selbst mit Sprache und Buchstaben zu spielen, den Witz, der allein aus den Wörtern entsteht, zu bestaunen und sich in die Melodie dieser sprachlichen Gebilde einzuhören. Vergessen Sie nicht: Ohne Sprache gibt es keine Phantasie, weil sich die Phantasie erst in der Sprache artikulieren kann. Im Kindergedicht wird die bestehende Sprache und damit die Realität und Vernunft auf den Kopf, also infrage gestellt.  Mit der Sprache des Gedichts lernen Kinder die Sprache auszuloten und zu erkennen, dass sie viel mehr Möglichkeiten bietet als vorgedachte Smartphone- Sätze. Gerade deshalb, weil unsere Sprache in der Gesellschaft zunehmend verarmt, ist es so wunderbar, dass das Kindergedicht seinen – stets interessierten – jungen Lesern und Zuhörern den Phantasieraum der Sprache in seiner ganzen Breite vor Augen führt.

Wie kann man Gedichte wieder stärker ins Bewusstsein rufen?

Kinder lernen ja im Kindergarten Gedichte kennen. Sie wissen Abzählreime, sprechen sie nach, variieren sie auf ihre Weise. Im Kindergarten werden alte – und manchmal auch neue – Gedichte vermittelt. Wenn ich bei meinen Lesungen zu dem Volksmund-Gedicht „Dunkel war’s, der Mond schien helle …“ komme, sprechen die meisten Kinder einige Strophen auswendig mit. Der Reiz liegt darin, ihnen noch andere Verse des im Volksmund immer weiter fortgedichteten Textes vorzuführen. Genau da setzt das Staunen ein. Und nur über das Staunen nähern wir uns Gedichten an. Es geht um das Staunen wie, wie einer Sprache verwendet, wie er die Dinge vorstellbar macht, etwas nie Gedachtes im Kopf des Lesers auslöst. Es geht darum, zu erleben, wozu Sprache fähig ist. Wer so staunend Gedichte liest, sich auf Details einlässt, an ihnen hängen bleibt, wird merken, dass Gedichte nicht  unantastbare und auf vielfältige Weise kodierte Texte sind, zu denen man nach dem Abituraufsatz den Schlüssel weggeworfen oder verloren hat. Kinder haben noch keine negativen Erfahrungen mit Gedichten gemacht, insofern sind sie offen und lassen sich, wenn sie herangeführt werden, für das Staunen begeistern. Aber sie müssen eben herangeführt werden.

Nun sagen ja Verlage und Buchhandlungen, dass sich Kindergedichte noch weniger als Lyrik für Erwachsene verkaufen lassen.

Hans Joachim Gelberg hat dreißig Jahre lang Orte geschaffen, wo Kinder dem Gedicht über den Weg laufen konnten. Es gab seine Jahrbücher, es gab seine Zeitschrift Bunter Hund. Nach der Jahrtausendwende wurden diese Orte rar. Es war, als ob das Gedicht aus der Zeit gefallen und für die modernen TV- und Computerkinder nicht mehr attraktiv sei. Das Kindergedicht hatte nach der Jahrtausendwende mehr als zehn Jahre keinen Ort mehr, auch in den Buchhandlungen nicht, wo die Gedichtbände und –anthologien fast immer auf Krabbelhöhe stehen, als wenn Einjährige die Zielgruppe wären. Es ist der Ort, wo man das weitgehend Unverkäufliche platziert, weil man notgedrungen eben doch einen Gedichtband von Franz Hohler ein Mal einkauft und zwischen zwei Anthologien mit klassischem Bestand stellt. Gedichtbände liegen nicht sichtbar aus, sondern stehen in Einzelexemplaren versteckt. Was passieren kann, wenn man einem ansprechend gestalteten Gedichtbuch einen sichtbaren Platz gibt, habe ich bei Lehmkuhl in München erlebt, wo meine Nonsens-Anthologie im Schaufenster stand, oder bei der Buchhandlung am Hohenzollernplatz, wo das Buch im kleinen Stapel vorn auf dem Verkaufstisch lag. Die Leute haben nach dem Buch gefragt, es in die Hand genommen, und weil es ihnen – auch optisch – gefiel, mitgenommen. Das eine Exemplar, das in einer zentralen Münchner Großbuchhandlung einsam unter Anthologien im Regal stand, fristet dort nur deshalb nicht mehr sein stummes Dasein, weil es das Geschäft nicht mehr gibt. In einer Zeit, in der das Haptische von Büchern zu einem Wert an sich wird, um dem e-book paroli zu bieten, kann man Bücher nicht einfach wegstellen.

Spüren Sie in letzter Zeit eine Veränderung in der Wahrnehmung von Gedichten?

Ja, zum Glück tut sich seit zwei, drei Jahren etwas. Der Guggenmos-Preis ist das eine. Es gibt Festivals wie das in der Internationalen Jugendbibliothek in München unter dem Titel Mehr Gewicht fürs Kindergedicht, zu dem am 1. Mai mehr als 250 Eltern und Kinder gekommen sind. Es wird im nächsten Frühjahr vor der Leipziger Buchmesse in Berlin ein großes Internationales Kinderlyrikfestival stattfinden. Es gibt wieder Lesungen mit bis zu 500 Kindern, was zeigt, dass auch in den Grundschulen in Deutschland ein Umdenken stattfindet. Es gibt wieder Kindergedichte in Zeitschriften wie zum Beispiel im Gecko oder eine eigene Rubrik in der Zeitschrift Das Gedicht von Anton G. Leitner, wo seit der gerade erschienenen Ausgabe Kindergedichte zum Heft-Thema (in diesem Jahr: „Der Heimat auf den Versen“) präsentiert werden. Es gibt immer mehr Workshops, zu denen Lyriker eingeladen werden, die mit Kindern Gedichte lesen und entwickeln, um Lust auf Lyrik zu machen. Es ist spürbar, dass sich etwas verändert, überall öffnen sich die Ohren. Und wenn wir es schaffen, noch mehr Grundschullehrer, aber auch Eltern zu überzeugen, dass man bei Kindern mit Gedichten offene Türen einrennt, und dass man jeden Tag vor der Deutschstunde, vor dem Zubettgehen ein Gedicht vorlesen kann mit der Wirkung, dass nach dem fünften Mal automatisch die Frage nach dem nächsten Gedicht kommt (dieses Programm wurde inzwischen von einigen Lehrern erfolgreich erprobt), dann wird automatisch auch die Nachfrage nach Gedichtbüchern im Buchhandel steigen. Aber die Bücher müssen dort auf dem Tisch landen, nicht unter dem Tisch.

Wird der Josef-Guggenmos-Preis dabei helfen können?

Langfristig ja. Im Moment ist der Preis noch nicht in den Köpfen etabliert. Die Medien haben zu selten drüber berichtet, wofür es Gründe gibt. Doch der Preis wird sich entwickeln, es wird bis zur nächsten Vergabe entscheidende Veränderungen geben, die den Preis noch stärker ins Bewusstsein heben. Aber Buchhandlungen könnten helfen, dem Preis mehr Öffentlichkeit zu geben, indem sie zum Beispiel ein Schaufenster mit Gedichtbüchern machen. Es gibt ja nicht bloß das Preisträgerbuch Unterm Bett liegt ein Skelett von Arne Rautenberg, sondern auch eine Empfehlungsliste mit fünf Büchern – Büchern von Nadia Budde oder Frantz Wittkamp, von dem Lyrik-Altmeister Christoph Meckel oder der Sängerin Judith Holofernes (Wir sind Helden), und die Hinundhering -Nonsensanthologie. Das ist ein weites Spektrum, in dem sich die Kinderlyrik spiegelt und abbilden lässt. Dazu könnte man neue Gedichtbände stellen wie Ein Teich voll mit Tinte der Holländerin Annie M.G. Schmidt (Moritz-Verlag), das wunderbar gestaltete Buch Überall & Nirgends aus dem Susanna Rieder Verlag, das Buch Träume, die auf Reisen führen von Mascha Kaléko in der Reihe Hanser bei dtv. Und natürlich das Guggenmos-Buch Was denkt die Maus am Donnerstag.  So kommen die Gedichte in den Blick. Das wäre schön für den Preis und erst recht für die ausgezeichneten Bücher, aber auch für die ganze Gattung Kinderlyrik.

Die Fragen stellte Franziska Altepost

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