Das Sonntagsgespräch Friedrich Denk: Mir ist es recht, wenn die anderen nichts lesen!

Passend zum Welttag des Buches am 23. April geht es im heutigen Sonntagsgespräch um das Thema „Lesen“. Friedrich Denk war lange Jahre Deutschlehrer im oberbayerischen Weilheim, hat die Weilheimer Autorenlesungen und den von Schülern verliehenen Weilheimer Literaturpreis gegründet und gilt als einer der prominentesten Kritiker der Rechtschreibreform. Nun hat der „Rechtschreib-Rebell“ ein Buch über das Lesen geschrieben, das zur Leipziger Buchmesse erschienen ist: Wer liest, kommt weiter. BuchMarkt sprach mit ihm über die Chancen des Lesens im Zeitalter des Internets.

BuchMarkt: Herr Denk, warum haben Sie dieses Buch geschrieben? Gab es einen bestimmten Auslöser?

Friedrich Denk

Friedrich Denk: Im November 2007, vor unserem letzten Umzug, wählte ich unter mehr als 12.000 Büchern genau 300 aus, um sie in einem Gymnasium zu verschenken, in dem ich vertretungsweise 90 Schüler in Deutsch unterrichten sollte. Aber nur 10 Schüler hatten Interesse – an insgesamt 18 Büchern. Und als mich im Herbst 2011 Dr. Renate Hofmann, eine ehemalige Schülerin, die heute Pressechefin im Gütersloher Verlagshaus ist, fragte, ob ich nicht ein Buch über das Lesen schreiben wolle, habe ich die Gelegenheit ergriffen und alle wichtigen Argumente für das Lesen gesammelt. Damit ich das nächste Mal junge Leute davon überzeugen kann, dass sich das Lesen unter allen Umständen lohnt. Und dass sie, wenn man ihnen fünf Bücher schenken will, fragen, ob sie nicht noch mehr bekommen können!

Warum ist das Lesen denn so wichtig?

Von den üblichen Slogans fühle ich mich nicht gerade elektrisiert: „Lesen ist Fernsehen im Kopf“? „Lesekompetenz vermitteln“? Auch „Lesen macht Spaß“ ist kein sehr starkes Argument gegen den Spaßfaktor des Fernsehapparats oder der Spielekonsole.

Kurze Zwischenfrage dazu: Was halten Sie von der Kampagne „Vorsicht Buch!“ des Börsenvereins?

Diese Kampagne ist sehr interessant. Sie besteht aber leider nur aus zwei Sätzen: „Werde Fan auf facebook.com“ und: „Vorsicht Buch!“ Mir ist mein Slogan lieber: „Wer liest, kommt weiter.“

Nun aber zurück zur Frage: Warum ist Lesen so wichtig?

Einen wichtigen Hinweis erhielt ich von einer befreundeten Studentin, der ich von meinem Erlebnis mit den 90 Schülern erzählte. Sie sagte dazu nur: „Mir ist es recht, wenn die anderen nichts lesen – dann wird der Abstand größer!“ Wörtlich! In meinem Buch habe ich das nicht geschrieben, weil der erste Teil so zynisch ist. Aber im zweiten Teil hat sie hat recht, und man kann es auch beweisen.

Wie kann man das denn beweisen?

Verschiedene PISA-Studien haben jedes Mal nachgewiesen: Wer in seiner Freizeit gerne liest und deshalb gut lesen kann, ist in allen Fächern, nicht nur in der Muttersprache eindeutig besser als die, die weniger gern lesen, und ist außerdem noch im späteren Berufsleben erfolgreicher und deshalb auch zufriedener.

Wie ist das möglich?

Das kann man in drei Sätzen zusammenfassen. Der erste stammt von dem britischen Journalisten und Politiker Joseph Addison (1672 – 1719): „Reading is to the mind what exercise is to the body“. Also: Was der Sport für den Körper ist, ist das Lesen für den Geist.

Inwiefern?

Beim Sport wissen wir alle: Wenn wir nicht trainieren, kriegen wir keine Muskeln und werden immer schlechter statt besser. Aber auch das Gehirn hat sozusagen Muskeln. Und wenn wir die nicht trainieren, schrumpfen die. Bei Fremdsprachen wissen wir das auch: Wenn wir eine Zeitlang nicht sprechen oder nichts in der Fremdsprache lesen, werden wir schlechter statt besser. Warum soll das in der eigenen Sprache anders sein? Kurz gesagt: Beim Lesen trainieren wir unser Denken und unser Sprachvermögen. Und beides hängt miteinander zusammen. Wir können nur das denken, was wir auch sagen können, und nur das sagen, was wir auch denken können. Anders gesagt: Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unseres Denkens und umgekehrt.

Warum muss man dazu lesen? Könnte man das nicht auch mit Fernseh- oder Radiosendungen erreichen?

Beim Fernsehen werden wir durch die bewegten Bilder immer wieder vom Zuhören abgelenkt, da bleibt nachweisbar von den Worten weniger hängen. Und beim Radio, wo wir nur die Worte hören, ist das Tempo manchmal zu schnell, manchmal zu langsam, so dass wir den Faden verlieren können. Beim Lesen können wir unser Tempo selbst wählen und schwierige Sätze mehrmals lesen, und anderes vielleicht etwas schneller lesen.

Das waren jetzt aber mehr als zwei Sätze…

Das war nur einer, nämlich der von Joseph Addison mit der nötigen Begründung. Der zweite Satz stammt vom römischen Philosophen Seneca und ergänzt den ersten. Joseph Addison sagt, dass wir beim Lesen unsere geistigen und sprachlichen Fähigkeiten trainieren. Seneca sagt außerdem, dass „das Lesen den Geist nährt“ (alit lectio ingenium). Nach einem sportlichen Training haben wir Hunger und Durst und müssen mehr essen und trinken als die Nicht-Sportler. Beim Lesen ist die Nahrung sozusagen inbegriffen: Wir trainieren unseren Geist und „füttern“ ihn sozusagen gleichzeitig. Ein Junge, der Harry Potter liest, lernt nebenbei etwas über das britische Schulwesen, wenn ich am Morgen die Zeitung lese, lerne ich – neben den sprachlichen Strukturen – ständig Neues hinzu, und Zeitschriften lesen wir immer, um etwas Neues zu erfahren. Das geht nirgendwo anders so gut wie beim Lesen.

Und der dritte Satz?

Der ist von mir: Was wir in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern lesen, ist immer auf einem höheren sprachlichen und gedanklichem Niveau als unserem mündlichen Niveau. Deshalb kommen wir beim Lesen nicht nur weiter, sondern auch höher und lernen zudem auch jedes Mal etwas hinzu.

Können Sie das auch jungen Leuten vermitteln?

Ich habe seit der Leipziger Buchmesse schon zweimal mit Schülern über das Lesen gesprochen und deutlich gemerkt, dass diese Ideen für sie ganz neu waren und sie überzeugt haben. In einer Klasse meldete sich am Ende meines kleinen Vortrags ein Schüler und sagte: „Ich glaube, ich muss jetzt doch mehr lesen als bisher!“ Beim Lesen verbringen wir unsere Zeit gleich dreifach sinnvoll: Wir kommen geistig und sprachlich weiter und höher, wir lernen immer etwas hinzu. Außerdem sind Bücher, gemessen an ihrem Wert, sehr preiswert, und wenn wir Bücher aus Bibliotheken lesen oder Bücher, die wir oder andere schon haben, kostet es gar nichts.

Sind Bücher wirklich preiswert?

Gemessen an einer Kinokarte oder gar einer Karte für ein Popkonzert, wo ich für zwei oder drei Stunden 40 Euro oder mehr hinlege, sind Bücher, in denen ich zehn Stunden lesen und lernen kann, doch extrem günstig. Und alle Bücher, die ich im Bücherregal habe, bleiben Jahrzehnte und Jahrhunderte lesbar, während alle elektronischen Geräte, die wir teuer gekauft haben, bald unbrauchbar sind und durch wieder teure ersetzt werden müssen.

Wo Sie die elektronischen Geräte ansprechen… Was halten Sie von E-Books? Können diese Ihrer Meinung nach vielleicht eine Lösung sein? Lesen die Menschen dadurch eher Bücher?

Genau diese Frage habe ich im 33. Kapitel meines Buchs („Wie können wir lesen?“) untersucht. Zunächst war es eine raffinierte Idee von Jeff Bezos, den Kunden etwas Teures zu verkaufen, was sie nicht brauchen: ein Lesegerät und dazu digitale Texte, die sie womöglich schon als Bücher im Regal haben. Was er damit vorhat oder bewirkt, ist im Namen des Geräts erkennbar: Kindle. Als er bei der Einführung des Kindle am 19.11.2007 im amerikanischen Fernsehen gefragt wurde: „Why the name Kindle?“, sagte er nach kurzem Zögern: „Kindle? – To start a fire.“ Im Zusammenhang mit Büchern von „Anzünden“ zu sprechen, finde ich bemerkenswert zynisch. Jeff Bezos will, dass wir mit dem »Kindle Fire« reale Bücher durch digitale Texte ersetzen und überflüssig machen. Dann können wir sie wegwerfen, das ist nicht viel besser als sie zu verbrennen.

Das klingt, als ob E-Books und E-Reader Sie nicht überzeugen würden?

Meiner Meinung nach brauchen wir gar keine Lesegeräte, wir können die Bücher auch ohne Apparate lesen. Und das sogar viel besser, weil Buchstaben, Buchseiten und Bücher etwas Reales sind und digitale Texte etwas Irreales. Sie sind schlechter lesbar und schlechter zu behalten, weil sie ortlos sind. Bei Büchern wissen wir oft noch, wo etwas „stand“, links oder rechts, oben oder unten. Das gibt es bei digitalen Texten, die wir scrollen und vergrößern können, nicht, deshalb können wir uns an sie auch schlechter erinnern.

Aber dafür können wir mehrere hundert Bücher in einem Gerät speichern!

Dass es so viele sind, bringt uns doch eigentlich gar nichts. Ich kann immer nur ein Buch lesen. Und wenn ich ein Buch wirklich lese, darf ich nicht an die anderen denken, die ich auch noch lesen könnte. Wenn ich mit einem Menschen spreche, denke ich ja auch nicht an die sieben Milliarden Menschen, mit denen ich nicht spreche. Ich darf auch nicht beim ersten Rendezvous an das nächste oder vorige denken, sonst verpasse ich immer die Gegenwart.

Ein schöner Vergleich…

Ja, und für die Gegenwart gilt wie für unser ganzes Leben der Aphorismus von Marie von Ebner-Eschenbach als Maxime: „Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben.“ Die neuen und neuesten Medien stören immer wieder das intensive Erlebnis der Gegenwart. Goethe sagte das so: „An Zerstreuung lässt es uns die Welt nicht fehlen; wenn ich lese, will ich mich sammeln.“ In der Tat ist das Lesen von Büchern – das Lesen auf Papier – eine besondere Möglichkeit, ganz konzentriert zu sein. Dass wir dabei auch geistig weiterkommen und uns oft noch vergnügen, ist ein Geschenk des Autors oder der Autorin an uns Leser. Das wusste schon Horaz, als er sagte, dass die Dichter nützen oder erfreuen wollen oder beides zugleich!

Wer liest, kommt weiter! von Friedrich Denk ist am 25. März beim Gütersloher Verlagshaus erschienen.

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