Das Sonntagsgespräch Gabriele Hoffmann über den Stellenwert von „Leanders Lieblingen“ und über richtige Leseförderung

Das ist ihre Überzeugung: Leseförderung könne nicht allein durch Werbemaßnahmen stattfinden. Gabriele Hoffmann äußert sich dazu in diesem Sonntagsgespräch.

Frau Hoffmann, In Ihren „Leanders Lieblingen“ stecken 45 Jahre Erfahrung aus unterschiedlichsten Perspektiven – sind die Ihr Vermächtnis?

Wenn ich aufhören würde, mit Kinderbüchern zu arbeiten, dann könnte man das so sagen. Aber ich bin durchaus noch ziemlich tatendurstig.

Gabriele Hoffmann:
„Wer Kinder leichtfertig um die
Fähigkeit zu lesen betrügt,
macht einen großen Fehler“

Warum wollen Sie keine Ruhe haben bzw. geben?

Weil mir das Thema „Leseförderung“ mehr denn je am Herzen liegt.

Gibt es da nicht genug Institutionen, die sich für das Thema die Beine ausreißen?

Ja, das tun sie, aber das sollten sie lieber bleiben lassen, ohne Beine lebt es sich schlecht. Besser wäre, sie würden das Thema mit Entspannung, Neugierde und Lernwillen angehen. Ich finde da, wird viel falsch gemacht.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel werden fast ausschließlich Bücher besprochen, die Literaturwissenschaftler oder Kunsthistoriker, auf jeden Fall aber Erwachsene gut finden.

Worin besteht Ihr Vorteil gegenüber denen, die solche Listen verfassen?

Ich arbeite mit vielen Kindergärten und Schulen. Und vor allem bekomme ich von meinen Kunden täglich im Laden die Rückmeldung, ob meine Empfehlungen gut sind oder nicht.

Die Kunden können also von Ihren Erfahrungen profitieren?

Genau, und deshalb habe ich „Leanders Lieblinge“ gemacht, als ein die kindliche Entwicklung begleitendes Arbeitsmittel mit dem Schwerpunkt „Leseförderung durch bewährte Titel“. Ich habe dabei bewusst auf modische Experimente des Kinderbuchmarktes verzichtet, weil ich denke, dass Kinder keine Versuchskaninchen sein sollten. „Leanders Lieblinge“ sind oft schon von den Großeltern der heutigen Kinder gelesen worden. Kürzlich gab es das nicht unrichtige Gerücht, dass ich nach 45 Jahren so langsam anfange meine Arbeitsweise zu verändern …, da bekam ich einen Anruf aus der Kulturredaktion des Mannheimer Morgen. Am Apparat war ein junger Mann, der mir sehr streng erklärte, dass es gar nicht in Frage kommen darf, dass es „Leanders Leseladen“ nicht mehr geben sollte: „Wir sind hier viele Leanderkinder (von 1980 bis 1993 gab es Leanders Leseladen auch in Mannheim). Jetzt haben wir selber Kinder und müssen nach Heidelberg fahren, um für sie Bücher zu kaufen. Wir wissen, was es heißt, ohne Leander leben zu müssen …“

Und wie wollen Sie den jungen Mann und seine Kollegen zufriedenstellen?

Ich werde dafür sorgen, dass die Beratungskompetenz, die ich in besonderer Weise habe, nicht verloren geht.

Wie sieht das aus?

Erstens werde ich dafür sorgen, dass die Kunden, die meinen persönlichen Rat suchen, den auch bekommen können. Wie das genau aussehen wird erzähle ich Ihnen, wenn das Konzept sicher steht. Es wird aber ganz sicher sehr erfreuliche Überraschungen geben – für alle Beteiligten.
Zweitens werde ich durch „Leanders Lieblinge“ Heft 1 „Leseförderung von Anfang an bis zur Schule“ und Heft 2 „Lesen ist fliegen – fliegen ist Freiheit: Leseförderung für Grundschulkinder“ und vielleicht auch noch Heft 3 „Lesen als Eroberung der Welt – Jugendliteratur“ für möglichst viele Interessierte die Titel zusammenstellen, die man als Kanon eine wunderbaren Kinder- und Jugendbibliothek bezeichnen kann.

Wollen Sie die „Marcellina“ der Kinderliteratur werden?

Warum nicht? Niemand sonst hat so viel Erfahrung mit lesenden Kindern. Ich habe 30 Jahre lang hunderte Kinder Rezensionen schreiben lassen, wir haben „Harry Potter“ in seinem Wert mit entdeckt, ich habe unzählige ErzieherInnen Bücher mit Kindern testen lassen, ich denke seit 35 Jahren zusammen mit meinem Mann darüber nach, was Bilder und Texte für Kinder in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen bedeuten können – der macht das übrigens auch beruflich, er ist Philosophielehrer an der PH – Heidelberg und bildet junge Lehrer und inzwischen auch ErzieherInnen aus. Wenn ich mir alle anderen existierenden Ratgeber und Kataloge anschaue, dann denke ich wirklich, auch andere Leuten könnten ihre Verantwortung den jungen Lesern gegenüber ernster nehmen.

Das ist ein harter Vorwurf!

Ja, und dazu stehe ich. Wittgenstein sagt: „Das Ende meiner Sprache ist das Ende meiner Welt“. In Mitteleuropa brauchen wir den ausgebildeten Verstand unserer Kinder für unser aller Zukunft. Wer Sprache für Kinder verstümmelt, wer Kinder leichtfertig um die Fähigkeit zu lesen betrügt – und das tut man, wenn man ihnen langweilige Bilder und Texte anbietet – begeht nicht nur einen großen Fehler. Wir alle werden sehr teuer dafür bezahlen und damit meine ich nicht nur Geld. Ich meine damit zunächst auch unsere gesamte Branche.

Aber die Kinder lesen doch mehr denn je!

Ja, aber nur um laue Luft durch ihre Computerhirne zu blasen. Sie sind aber durch die Bücher, die zur Zeit am meisten beworben werden, nicht wirklich berührt, sie werden nicht zum Nachfragen motiviert, sie lesen und vergessen sofort wieder – das ist nicht das, was ich unter Lesen verstehe.

Was ist denn der Vorteil bei Ihren „Lieblingen“?

Darf ich einen Verriss dazu zitieren: „sie sind ohne Ecken und Kanten und etwas verstaubt“. Nun, „Lieblinge“ haben keine Ecken und Kanten … sie sind seit Jahren, oft sogar seit Jahrzehnten bewährt. Sie alle habe ich in den letzten 30 Jahren in jeweils ca. 100 Vorträgen pro Jahr immer und immer wieder vorgestellt (je nach Erscheinungsdatum, aber viele sind wirklich schon sehr alt). Sie sind mir noch immer nicht langweilig … und ich bin alles andere als ein duldender Mensch. Sie sind alle einfach wunderbar.

Was wollen Sie denn nun von mir, wenn Sie ja das „Optimale“ schon vorliegen haben?

Wohl bekannt werden kann ja, dass LIBRI 3.000 Buchhandlungen mit je einem kostenlosen Exemplar von „Leanders Lieblingen“ beglückte – das ist absolute Leseförderung … und: Ich bin im Gespräch mit einem großen Kindergartenausstatter. Die wollen sich zum Thema Sprach- und Leseförderung engagieren und finden meine „Lieblinge“ ganz wunderbar. Das wäre natürlich ein Riesenerfolg für meine Arbeit mit den bewährten Titeln, wenn so kostengünstig 50.000 Exemplare an alle Kindergärten verteilt würden.

Wie sind die Aussichten?

Da muss man noch ein wenig die Daumen drücken. Ich suche Sponsoren für die Lieblinge. Es gibt einen Sponsor, der bereit ist, den Transport mit je einem Exemplar in 60.000 Kinderkrippen und Kindergärten zu organisieren und zu finanzieren. Ich brauche noch einen oder einige Sponsoren, die die Druckkosten dafür übernehmen. Ich denke dabei an die großen Verlage, die ja größtes Interesse haben müssten, dass auch in 10 und 20 Jahren noch gelesen wird.

Daran habe ich keinen Zweifel.

Schon, aber es gibt schon jetzt zu viele „Bildungselitekandidaten“, die nicht mehr wissen, wer die Buddenbrooks waren ….ich denke all die Bücher, die für uns noch „Muttermilch“ waren, werden einfach uninteressant, weil die jungen Leute die Grammatik nicht mehr verstehen. Kinder sind noch keine Intellektuellen – es wäre aber schön, wenn einige von ihnen es werden könnten.

Das täte der Welt sicherlich gut. Wie geht es weiter?

Im „Eselsohr Januar 2014“ gibt es einen kleinen Bericht über „Leanders Lieblinge“ … das Layout wäre etwas verstaubt, der Inhalt ohne Ecken und Kanten, nur Klassiker … bäh! Es könnte ja sein, dass die Kinder und die Menschen, die sie lieben, sich freuen könnten über die schönen alten Bücher. Meine Auswahl ist jedenfalls sicher – nicht so sicher wie die Renten, sondern so sicher, wie die Tatsache, dass Kinder Bücher lieben, wenn sie die richtigen bekommen.

Klingt spannend.

Wie wärs bald mit einem neuen Interview zum Thema: „Leseförderung – so sicher wie das Amen in der Kirche!“ Es soll ja Leute geben, die nicht mehr wissen, was ‚“Amen“ bedeutet, das klären wir dann!

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