Dr. Claus Beling – hat im E-Book-Zeitalter die Stunde der literarischen Textmanufaktur geschlagen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Storyteam-Gründer Claus Beling.

Dr. Claus Beling, geboren 1949 in Prenzlau, begründete nach langen Jahren als Unterhaltungschef des ZDF und als Autor zahlreicher Bücher zusammen mit Antje Windgassen, Ulrich Hoffmann und Stephan Reimertz Storyteam, einen engen Zusammenschluss von Fiction-Autoren, die gegenüber Verlagen gemeinsam auftreten. Beling, dessen neuer Jersey-Kriminalroman „Was du nicht weißt“ gerade bei Lübbe erschienen ist, hat in Mainz Vergleichende Literaturwissenschaft und Publizistik studiert. Für das ZDF entwickelte er neben vielen Literaturverfilmungen auch erfolgreiche Serien wie „Der letzte Zeuge“ mit Ulrich Mühe. Seiner Lieblingslandschaft Cornwall widmete er drei Reisebücher.

Dr. Claus Beling, machen Sie nicht ein bisschen zu viel Wind um Ihr „Kreativ-Labor“?

Claus Beling
© Olivier Favre

Claus Beling: Die Gründung eines solchen Kreativ-Labors ist aus unserer Sicht eine zeitgemäße Antwort auf neue mediale Entwicklungen, wie wir sie zum Beispiel im E-Book-Bereich sehen. Im Übrigen bin ich mit dem Begriff „Labor“ nicht unbedingt glücklich. Passender wäre das Wort „Manufaktur“ – wir sind Individualisten, keine Chemiker.

Dass Romanautoren nicht für sich allein am Schreibtisch sitzen, sondern Teams bilden, ist ja nichts gar so Neues. In der Regel verstecken solche Teams sich hinter einem Pseudonym. Warum gehen Sie mit der Öffentlichkeit so anders um?

Claus Beling: Weil wir denken, dass Autoren grundsätzlich die Möglichkeit haben, zwei Wege zu gehen: einmal das individuelle Schreiben, die sehr persönliche Art, mit seiner Literatur allein umzugehen – andererseits die Teamarbeit, die es im Fernsehen schon lange gibt. Dort haben Sie den Fernsehspiel-Autor, der als Einzelpersönlichkeit besondere Stücke schreibt, aber auch Gruppen von bis zu zehn Autoren, die an Serien oder an sonstigen Großprojekten arbeiten. In den USA und England gibt es das seit Jahrzehnten mit großem Erfolg. Es ist an der Zeit, auch im Buchmarkt diesen Weg zu gehen.

Wer ist die Zielgruppe, die Sie letztlich ansprechen?

Claus Beling: Unsere eigentlichen Zielgruppen sind Verleger, TV-Produzenten und jeder, der für die Akquisition fiktionaler Texte verantwortlich ist.

Hat man sich unter „Storyteam“ eine Art Akquise-Gemeinschaft vorzustellen, damit Sie Ihr persönliches Risiko vermindern?

Claus Beling: Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun, denn jeder von uns ist mit seinen eigenen Projekten erfolgreich. Keiner muss sich bei Storyteam engagieren, damit er Arbeit hat. Storyteam ist eine Alternative zu unserer üblichen Arbeitsweise, und wir versprechen uns davon, dass mehrere Autoren bedingt durch ihre individuellen Lebens- und Schreiberfahrungen mehr in ein Projekt einbringen können, als es einem Einzelnen möglich wäre.

Wie sind Ihre Arbeitsteilung und Ihr Vorgehen ganz konkret?

Claus Beling: Das hängt vom einzelnen Projekt ab. Bei einer Saga wird sie sicher anders aussehen als bei einem mehrteiligen TV-Projekt. Das Interessante dabei ist doch, dass jeder von uns neben seinen persönlichen Erfahrungen auch seine eigene Kultur einbringt: Ulrich Hoffmann ist erfahrener Journalist, Stephan Reimertz kenntnisreicher Kunsthistoriker, Antje Windgassen hat sich als brillante Serienautorin erwiesen, und ich integriere als langjähriger Drehbuchentwickler die Fernseh-und Filmkomponente. Diese unterschiedlichen kulturellen Prägungen koordinieren wir für ein sehr besonderes Angebot an die Verleger. Wir arbeiten gemeinsam am Text – was ja nicht heißt, nebeneinander am Schreibtisch zu sitzen – und machen die wunderbare Erfahrung, dass so etwas vorzüglich funktioniert, dass es Spaß macht und uns ermöglicht, als Autoren neue Türen aufzustoßen.

Und die Verlagsverträge verhandeln Sie wie gehabt individuell?

Claus Beling: Wir sind durch die Montasser Medienagentur vertreten, die für uns die Verträge in üblicher Weise koordiniert und eventuelle Sonderfälle behandelt.

Welche konkreten Vorteile hat Ihre Zielgruppe von einer Zusammenarbeit mit dem Storyteam, die bei den üblichen Einzelkämpfern fehlen?

Claus Beling: Wir sind vielseitiger, schneller und professioneller als ein einzelner Autor sein kann. Gleichzeitig sind wir kritischer gegenüber unserer eigenen Arbeit, weil das Ergebnis immer vor den kritischen Augen aller Beteiligten bestehen muss – und wir sind weniger empfindlich, als der klassische Einzelautor es naturgemäß ist. Man kann deshalb sagen: Ein Verleger, der ein Projekt in Auftrag gibt, in dem ein großes Spektrum an Motiven, Epochen, Schauplätzen, Charakteren aufscheint, ist mit einem Team besser bedient…

… also wenn der eine Autor Cliffhanger-Szenen ausgezeichnet meistert, aber bei Verführungsszenen versagt, kann der andere ihm aushelfen?

Claus Beling: Es geht jedenfalls um unterschiedliche Temperamente und keineswegs nur um Faktenrecherche. Wir reden weniger über eine optimale Arbeitsweise als über eine optimale Qualität. Der zweite Vorteil eines Autorenteams ist der, dass wir als Team flexibel genug sind, für unterschiedliche mediale Aufbereitungen zu sorgen. Das Schreiben fürs Fernsehen beispielsweise erfordert einen größeren Teamgeist als die Arbeit für andere fiktionale Formen.

Werden Sie nur auf Bestellung aktiv?

Claus Beling: Nein, wir gehen auch auf mögliche Interessenten zu mit dem Anspruch, sie kompetent zu beraten. Wir haben gerade ein gemeinsames Projekt begonnen, bei dem es gleichermaßen um den Text wie um die grundsätzliche Art der Realisierung ging. Allgemein aber ist es schon so, dass wir den Verlagen und Produzenten das bieten wollen, was sonst in unserer Branche hierzulande noch eher unüblich ist: Sie wünschen, wir spielen.

Wie werden Sie Ihr Geschäft aufbauen, und was ist die Strategie?

Claus Beling: „Strategie“ – das klingt zu geschäftsmäßig. Wir entwickeln, wenn Sie so wollen, für jedes einzelne Projekt eine eigene Strategie- Wir konfrontieren die Zielgruppe nicht mit unseren Wünschen, sondern fragen sie nach den ihren.

Beschreiben Sie doch mal, wie aus heutiger Sicht Ihr absolutes Idealprojekt aussähe!

Claus Beling: Natürlich haben wir uns in der Phase unserer Gründung genau damit beschäftigt. Idealerweise sehen wir zwei Pole, zwischen denen wir uns gerne bewegen würden. Das könnte einerseits die große Saga sein, in der jeder von uns das, was ihn persönlich als Autor ausmacht, erzählerisch mit einbringt, zum anderen wäre es eine große Fernsehproduktion, in der jeder seine sprachliche Alltags-Tauglichkeit unter Beweis stellen kann. Wir können uns aber durchaus auch eine große, vielschichtige und hochinnovative E-Book-Serie als Originalproduktion vorstellen.

Begreifen Sie sich als Teil einer Art Text- oder Content-Industrie?

Claus Beling: Teil der Content-Industrie sind wir als Autoren ja alle. Es ist unrealistisch, so zu tun, als ob wir auf einer Insel der Seligen säßen. Auch die meisten Verleger handeln heute danach. Das E-Book ist der Technik gewordene Beweis, dass die Medien im Begriff stehen, sich erneut radikal weiterzuentwickeln. Und mit dieser Entwicklung sind die Autoren zum wiederholten Mal gefordert, ihre Rolle neu zu definieren. Ein Autor kann sich aus der Content-Industrie nicht mehr wegdenken und muss seine eigene Beziehung dazu festlegen. Auch hier gibt es wieder zwei Wege: Die meisten Autoren werden Individualisten bleiben und sich nach wie vor auf ihre künstlerische Literatur konzentrieren – und ich hoffe inständig, dass wir diese Art von Literatur noch lange haben werden. Eine andere Antwort kann die unsere sein: die Gründung einer Schreibmanufaktur, in der man versucht, gemeinsam eine gehaltvolle Antwort auf verlegerische Herausforderungen zu geben. Uns geht es um eine neue Bündelung von Qualität, mit der interessante und zeitgemäße Projekte realisiert werden können.

Billiger wird es also mit Ihnen für Verlage nicht?

Claus Beling: Das ist nicht das, was aus unserer Sicht der Markt primär verlangt. Hier geht es tatsächlich um eine Qualitätsfrage. Aus diesem Grund haben wir nicht irgendein Team, sondern genau dieses Team gegründet. Qualität wird immer ihren Preis haben – und Qualität wird immer für den Ertrag sorgen.

Sie konnten also auswählen – es gab Anwärter, die Sie ablehnten?

Claus Beling: Wir haben einander sehr bewusst ausgesucht und finden alle, dass es eine gute Wahl war.]

MichaelLemster
© Andres/Wessely

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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