Autoren Linus Reichlin sendet einen Gruß – von Homeoffice zu Homeoffice

Linus Reichlin

Der Galiani Verlag denkt: Lachen könnte in diesen Zeiten helfen! Und sendet einen Gruß „von einem unter uns“ – Autor Linus Reichlin. Am 11. Februar erscheint sein neuer Roman Señor Herreras blühende Intuition, über einen Schriftsteller, der sich zwar nicht im Homeoffice, dafür aber in einem Kloster befindet, um durch minimale Ereignisdichte einen maximalen Kreativitätsschub zu provozieren, und der aber anstelle dessen ständig abgelenkt wird von einem Matador (Señor Herrera), der auf Klosterkoch umgeschult hat, und dem einiges nicht geheuer ist an seinem Arbeitsplatz. „Ein turbulentes Buch über Wahrheit und Phantasie – poetisch, schräg und witzig wie ein Film von Pedro Almodóvar – und genau jetzt die passende Lektüre.“

DIE WAHRHEIT ÜBER HOMEOFFICE

Ich habe gestern die Striche auf meiner Wohnzimmerwand gezählt: Es sind 255.500. Das bedeutet, ich bin jetzt seit 700 Jahren im Homeoffice. Der Graf von Monte Cristo verbrachte 14 Jahre im Kerker – das wirkt gegen meine 700 Jahre wie eine Kaffeepause. Man versteht nicht mehr, weshalb wegen einer so kurzen Haftzeit ein 944 Seiten langer Roman geschrieben wurde! Wie lange müsste dann erst der Roman sein, der über mein Homeoffice geschrieben wird!

Und vor allem: Wer außer mir sollte den schreiben (denn ich habe dazu keine Zeit)? Gibt es da draußen überhaupt noch Schriftsteller? Gibt es noch Gastwirte? Kellner? Theaterregisseure? Prostituierte jeglicher sexueller Couleur? Tanzlehrer? Zahnärzte? Ich habe keine Ahnung.

Meine Freunde jedenfalls scheinen alle tot zu sein, denn den letzten habe ich vor 453 Jahren und 75 Tagen gesehen. Ich begegnete ihm auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt, und er winkte mir aus 10 Metern Distanz zu und rief durch den Mundschutz hindurch: „Ich muss ein bisschen aufpassen! Asthma!“ Dann verschwand er auf Nimmerwiedersehen. Ich schrieb zu Hause in mein Tagebuch: „Habe R. gesehen. Vielleicht war es auch P. Hinter der Maske sehen sie alle gleich aus. Jetzt die Begonia eiromischa gießen. Was für eine schöne Pflanze! Bald werde ich mit ihr sprechen!“

Die Begonia eiromischa gilt schon lange als ausgestorben, doch 278 Jahre, nachdem ich ins Homeoffice gegangen war, bildete sich auf meinem Notebook ein zartgrüner, flauschiger Film pflanzlichen Gewebes. Dieses verbreitete sich binnen einer Woche über den ganzen Schreibtisch und trieb dann elegante, schildförmige Blätter aus. Die bei mir wiederauferstandene, ursprünglich in Indonesien endemische Begonienart hat inzwischen die ganze Wohnung überwuchert, so dass mein Homeoffice-Arbeitsplatz eigentlich eine kleine Lichtung inmitten eines Urwalds ist. Mir fehlen zum authentischen Dschungelgefühl nur noch ein paar Kapuzineräffchen und zwei, drei Baumnattern.

Es würde gut aussehen, wenn diese giftig-grünen Schlangen über die Tastatur meines Notebooks kriechen würden, und es wäre eine plausible Ausrede dafür, weshalb meine Arbeitsleistung seit 200 Jahren zu wünschen übriglässt. Eins steht fest: Mein Chef lebt noch. Ab und zu schickt er mir Mails, in denen er mehr Output verlangt. Hätte ich Baumnattern, könnte ich ihm ein Foto von ihnen schicken mit der Bemerkung: „Die hohe Giftschlangenpopulation auf meiner Tastatur zwingt mich leider zu Kurzarbeit.“

Worin genau meine Arbeit besteht, habe ich übrigens im Laufe der Jahrhunderte vergessen. Ich weiß nur, dass ich Output liefern muss, und ich bemühe mich ja auch! Aber im Homeoffice gibt es so viele Ablenkungen! Vor allem ist man durch sich selbst abgelenkt, denn man ist ja zu Hause. Man will sich kratzen, in der Nase bohren, im Pyjama rumlaufen. Und man will kochen, putzen, ausgestorbene Pflanzen gießen und sich nachmittags einen Spielfilm ansehen. Und man möchte ein Gläschen Wein trinken beim Arbeiten. Und genau dann, wenn man sich dank des Alkohols endlich auf die Arbeit konzentrieren könnte, piepst die Waschmaschine, weil die 60-Grad-Wäsche fertig ist. Soll man die nasse Wäsche jetzt etwa in der Trommel liegen lassen, nur weil die Chefin auf den Output wartet?

Die Wahrheit über Homeoffice ist, dass nasse Wäsche nicht warten kann, die Arbeit aber schon. Seit zwei Jahrhunderten verschiebe ich den Ausstoß meines Outputs zeitlich so weit wie möglich nach hinten, so dass ich nach einem Tag voller Ablenkungen und häuslicher Pflichten oft erst um 20.00 Uhr überhaupt zu arbeiten beginne. Und meistens ehrlich gesagt leicht angeheitert. Doch alles in allem blicke ich zuversichtlich auf die kommenden 500 Jahre, in denen der Dschungel meinen Schreibtisch verschlucken wird.

Linus Reichlin

 

Kommentare (1)
  1. Lieber Herr Reichlin,
    was soll ich sagen,irgendwie bin ich ja ein wenig neidisch auf Ihre 700 Jahr homeoffice. Allerdings bin ich auch keine Schriftstellerin, sondern Buchhändlerin, folglich also nicht zu geistigem Output verpflichtet, aber immerhin zu körperlicher Präsenz.
    Es gibt jedoch ansatzweise gewisse Parallelen in den Auswirkungen des Lockdowns in unserem Metier .
    Da reicht doch auch der olle Pullover und die alte Jeans. Im Laden sieht es , außerhalb des Schaufensterblickfelds auch nicht mehr so prickelnd aus und eigentlich rennt man eher rum, wie in seinem Wohnzimmer, mit der Kaffeetasse in der Hand , Kekse in sich reinstopfend (leider keinen Wein trinkend, es ließe sich doch so manche telefonische Beratung etwas leichter ertragen), und mit den Kollegen lustige Anekdoten austauschend.
    Doch, doch, wir arbeiten auch!
    Aber es ist ein so komplett anderer Modus, der einen manchmal zweifeln lässt, ob man in den anderen wieder zurückfindet oder das übehaupt noch will. Damit es jetzt aber keinen Aufschrei der Kollegen in der Branche gibt: grundsätzlich lieben wir unsere Kunden und unseren Job durchaus !
    Alles in allem sehen und sprechen wir aber wohl doch mehr Menschen als Sie, durch eine Scheibe oder einen Spukschutz, mit oder ohne Maske, ein knappes Wort und man winkt immerhin freundlich , was zumindest den Anschein von Kontakt hat.
    (Also, so ein bisschen wie öffentliches homeoffice ? Egal.)

    Also hier ein kleiner Trost: es gibt sie noch , die anderen Menschen, und wenn es nur die Buchhändler sind( ich kann jetzt leider nicht für Friseure oder Prostituierte sprechen), die Ihnen wünschen, dass piepsende Waschmaschinen Sie auch in Zukunft nicht ganz von Ihrem kreativen Output abhalten, (hab gerade letzteren ausgelesen).
    In diesem Sinne, beste Grüße und Prost !

    Eine Buchhändlerin aus Essen

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