Hitesh Jain: Offshoring für deutsche Verlage – eine Romanze aus vergangener Zeit?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an WITS Interactive-Geschäftsführer Hitesh Jain.

Hitesh Jain, geboren 1976 in Mumbai, ist Gründer und Geschäftsführer der indischen Multimedia-Agentur WITS Interactive. Mit einem Diplom als Elektroingenieur arbeitete er zunächst für kurze Zeit in den USA, um dann im elterlichen Betrieb (Kunststoffverarbeitung) seine ersten unternehmerischen Sporen zu verdienen. Seit 2003 hat Hitesh Jain sein eigenes Unternehmen, das in kürzester Zeit auf über 100 größtenteils hochqualifizierte Mitarbeiter anwuchs. Seine Firma ist als Offshoring-Dienstleister tätig für namhafte internationale Verlage. Gemeinsam mit der Möllers & Bellinghausen Verlag GmbH (Terzio, Quartino, Quinto) betreibt WITS Interactive das Joint Venture book2look International GmbH, mit dessen Marketing-Dienst Verlage ihre Leseproben viral und beim elektronischen Buchhandel verbreiten können.

Hitesh Jain – was muss ein europäisches Medienunternehmen mitbringen, um sich für die Auslagerung von Dienstleistungen nach Indien zu „qualifizieren „?

Hitesh Jain
Foto: book2look GmbH

Hitesh Jain: Ich sehe eigentlich keine besonderen Voraussetzungen. Natürlich muss ein Unternehmen offen für eine solche, sagen wir einmal „transkulturelle“, Zusammenarbeit sein. Auch ist es meist nicht sinnvoll nur über ein einzelnes, kurzfristiges Projekt nachzudenken. Wir müssen die Chance haben, uns aufeinander einzustellen. Gute Englischkenntnisse helfen sicherlich, sind aber für uns keine Voraussetzung, da wir auch über deutschsprachige Mitarbeiter verfügen.

Wer sind in den Verlagen Ihre häufigsten Ansprechpartner?

Hitesh Jain: Natürlich läuft die Anbahnung eines Geschäftes meistens über die Geschäftsleitung bzw. über den oder die Projektverantwortlichen. In der täglichen Arbeit mit den Verlagen sind es dann vor allem die Redakteure und Hersteller, mit denen wir zu tun haben.

Gibt es eigentlich eine Art Mindestgröße, die ein Unternehmen erreicht haben sollte, bevor es so ein Webprojekt nach Fernost auslagert?

Hitesh Jain: Nein, wir können für den Einzelunternehmer genauso gut arbeiten wie für den multinationalen Konzern.

Sie haben ein Büro im oberbayerischen Breitbrunn am Chiemsee, Sie haben Kunden im außereuropäischen Ausland und in den USA – welchen Eindruck haben Sie von den Deutschen? Aber jetzt bitte keine „Gefälligkeitsgutachten“!

Hitesh Jain: Als Ingenieur bin ich schon immer ein großer Fan der deutschen Industriekultur gewesen. Wir machen mit unseren deutschen Kunden fast immer die besten Erfahrungen. Ich persönlich schätze die große Aufmerksamkeit, die man auch den kleineren Details eines Projektes, eines Produktes zuwendet. Mit dem Joint Venture mit Ralph Möllers und seinem Team haben wir nun nicht nur eine erfolgreiche geschäftliche Beziehung sondern es verbindet uns mittlerweile eine herzliche Freundschaft.

Gerade sind Sie auf Tour durch Deutschland – stottert der Akquise-Motor?

Hitesh Jain: Nein, wir sind im Moment wirklich sehr gut im Geschäft. Vor allen Dingen unsere Verlagsdienstleistungen, die wir gemeinsam in der book2look International GmbH entwickelt haben, laufen sehr gut. Wir glauben nur, dass man sich regelmäßig persönlich sehen sollte, um effektiv zusammenzuarbeiten. Ich bin daher mindestens sechs Mal im Jahr in Deutschland bzw. Europa.

Eine große internationale Fachverlagsgruppe denkt daran, sich infolge gestiegener Preise aus Indien zurückzuziehen – allein 2011 soll der Durchschnittslohn in Indien um 11,9 % gestiegen sein…

Hitesh Jain: Ja, das ist sicher so. Natürlich sind die durchschnittlichen Personalkosten in Indien immer noch deutlich niedriger als in Deutschland, aber sie sind in der letzten Zeit auch sehr deutlich gestiegen, was ja erst einmal eine gute Nachricht zur wirtschaftlichen Entwicklung darstellt. Wer nur wegen extrem niedriger Löhne nach Indien oder in irgendein anderes Land geht, denkt allerdings zu kurzfristig. Wir setzen auf nachhaltige Zusammenarbeit, die weniger durch Dumping-Löhne als vielmehr durch die große Verfügbarkeit hervorragend qualifizierter Mitarbeiter definiert ist. Sie können in Deutschland heute ja so viel Geld bieten, wie Sie wollen, Sie werden kaum genug qualifizierte Mitarbeiter in den Bereichen Web- oder App-Entwicklung finden.

Ist die Zurückhaltung ausländischer Auftraggeber dafür verantwortlich, wenn Sie auf eigene Rechnung Dienste wie book2look anbieten?

Hitesh Jain: Nein, die Gründung des Joint Ventures war ein natürlicher Schritt, nachdem wir mit Ralph Möllers eine gemeinsame Vision entwickelt hatten, die erheblich mehr Mittel erforderte als sein Unternehmen aufzubringen in der Lage war. Ich habe damals gesagt: „Lass uns das jetzt einfach gemeinsam weiterentwickeln. Ich glaube an diese Idee und bin bereit, meine Ressourcen einzubringen.“

In welchen Ländern wird book2look eingesetzt?

Hitesh Jain: Wir haben Vertriebspartner in Deutschland (Rossipaul Kommunikation), UK und Irland (TheBookseller Group), USA (Author Connection), Spanien (Nowtilus), Korea (Agentur PS). Wir haben außerdem eine holländische Version am Markt, aber noch keinen Vertriebspartner dafür.

Wie läuft jeweils Ihr Vertrieb ab?

Hitesh Jain: Wir stützen uns in den einzelnen Ländern auf branchenerfahrene Partner – zum Beispiel auf die Agentur Rossipaul Kommunikation in Deutschland. Gleichzeitig kooperieren wir systemtechnisch mit Katalog-Dienstleistern, die bereits die Leseproben der Verlage exportieren und den Prozess voll automatisieren können. Die Baysoft, die die Schnittstelle itex-web betreibt, ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Was ist das Besondere an book2look?

Hitesh Jain: Wo soll ich anfangen? book2look ist in der Tat ein einzigartiges Tool, das international ziemlich allein dasteht. Kurz gesagt vereinen wir in book2look die Standardfunktionen von Online-Leseproben (Blättern, Seitenübersichten, Volltextsuche, Zoom …) mit einzigartigen Social Media-Optionen. Sie können das jeweilige Buch nicht nur in praktisch allen sozialen Netzen mit einem Klick verbreiten, sondern auch auf besonders charmante Weise persönlich weiterempfehlen. Anders als alle anderen Anbieter bieten wir den Verlagen totale Transparenz und Nachvollziehbarkeit: Wo werden meine Leseproben angezeigt und wie oft werden sie dort gelesen. Welche Websites sind besonders „viral“ für unsere Bücher usw. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von book2look ist die so genannte „Community Version“: Alle Biblets können auch in einer z.B. für einen Händler individualisierten Form existieren. Hier gibt es dann ein Werbebanner und die Links zum Shop.

Gerade haben Sie book2look Version 2 gestartet – machen Sie uns doch mal neugierig darauf!

Hitesh Jain: Wenn Sie book2look Version 1 kennen, werden sie die neue Version kaum wiedererkennen. Einige der Features habe ich ja gerade schon beschrieben. Eine ganz besondere Neuerung ist bookFeed. Sie haben damit nun eine Funktion, die Informationen zu einem Buch aus dem Internet direkt in der Leseprobe aggregiert. Ein Live Twitter Feed zeigt, was über das Buch getweetet wird, Rezensionen werden automatisch im Netz gesucht und im Buch verlinkt, Passagen, die andere Leser hervorgehoben und z.B. auf Facebook gepostet haben, werden im bookFeed zusammengestellt und und und. Es gibt sicher kein anderes Tool, das ein derartig umfassendes Arsenal von Online-Marketing-Optionen für Verlage UND Buchhändler bietet.

Online-Primus Amazon macht weltweit sein eigenes Ding – warum sollte ein Verlag überhaupt in book2look investieren?

Hitesh Jain: Weil es darauf ankommt, auch unabhängig von Amazon eigenes, effektives Online-Marketing zu betreiben. Gerade weil Amazon so übermächtig ist, ist es wichtig, Alternativen zu entwickeln und zu stärken.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

Link-Tipps:
www.book2look.de
www.itex-web.de
www.baysoft.biz

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