Jörg Sundermeier – beginnt mit Erich Mühsam die Zukunft der Werkausgaben?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier.

Jörg Sundermeier leitet den Berliner Verbrecher Verlag, der kein Krimiverlag ist, sondern sich auf unangepasste, querdenkende, marginalisierte Autoren spezialisiert hat. Unter anderem erschienen im Verbrecher Verlag die Werke von Gisela Elsner. Jetzt ist der erste Band einer großen Ausgabe der Tagebücher von Erich Mühsam herausgekommen. Das Besondere daran: der Volltext wird parallel und frei zugänglich im Internet publiziert.

Jörg Sundermeier

Jörg Sundermeier – wer auf www.muehsam-tagebuch.de kommt, dem tut sich eine faszinierende Welt auf, in der er stundenlang herumstöbern kann. Warum dann noch das gedruckte Buch?

Jörg Sundermeier: Selbst in Zeiten von iPad und anderen Tablet-Computern will nicht jeder das Internet aufs Kopfkissen mitnehmen. Nach wie vor will der Leser auch das Haptische. Unsere Mühsam-Ausgabe erfüllt wissenschaftlich alle Maßgaben historisch-kritischer Editionen. Der Ort des Lesens ist und bleibt das gedruckte Buch – die wissenschaftlichen Aufgaben der Edition erfüllt das Internet. Wer sich akademisch mit Erich Mühsam und seiner Zeit beschäftigt und zum Beispiel nur etwas nachschlagen möchte, den zwingen wir nicht mehr, unbedingt die Bücher zu kaufen. Gleichzeitig sind die Texte, die wir im Web publizieren, eine derartige Werbung für Erich Mühsam und seine Tagebücher, dass wir überzeugt sind, übers Internet Anhänger und Käufer hinzuzugewinnen.

Warum überhaupt eine Mühsam-Ausgabe – erzählen Sie doch ein wenig darüber!

Jörg Sundermeier: Chris Hirte, einer der Herausgeber, beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Erich Mühsam. Der Volk & Welt Verlag bereitete auch eine Ausgabe der Tagebücher vor. Die Umstrukturierung des Verlages nach dem Ende der DDR verhinderte dann jedoch das Erscheinen. Mitte der Neunzigerjahre konnte Chris Hirte im dtv eine sehr erfolgreiche, exzellente Auswahl unterbringen – die enthält aber nicht einmal ein Zehntel der über 7.000 auffindbaren Tagebuchseiten.

Demnach ist noch einiges an Material verschollen?

Jörg Sundermeier: Die stecken in Moskauer Archiven, in die sie nachweislich gelangt sind – vollständig übergeben von Mühsams Witwe. Dort sind einige der Hefte dann verloren gegangen. Die politischen Verhältnisse der Nazizeit haben eben gegen den Autor gewirkt. Viele Autoren, die verfolgt waren, sind tatsächlich aus der Literaturgeschichte ausgelöscht worden. Das ist mit Erich Mühsam nicht viel anders, selbst wenn es nicht ganz gelungen ist. Mühsams ungeheures lyrisches Talent hat sich durchgesetzt. Jetzt werden seine Tagebücher endlich seinem literarischen Rang entsprechend betreut. Sie sind ein großes Lesevergnügen: Sie können mit den Tagebüchern in der Hand durch München gehen und ein untergegangenes, von der Bohème geprägtes Milieu wiederentdecken. Und die Tagebücher sind sehr erhellend: Mühsam war ein genauer, sehr selbstkritischer, Tagebuchautor. Neben der Zeitgeschichte finden Sie auch seine familiären und sexuellen Krisen pointiert und humorvoll beschrieben. Ich bin sicher: wenn die Ausgabe geschlossen vorliegt, wird sie zu den Klassikern der deutschen Tagebuchliteratur zählen.

Auf wie viele Bände ist die Ausgabe angelegt?

Jörg Sundermeier: Bis 2018 werden 15 Bände erscheinen. Sollten bis dahin verschollene Hefte wieder auftauchen, werden es ein, zwei Bände mehr. Das wäre dann noch einmal eine literarische Sensation.

Haben Sie die Druckauflage herunterkorrigiert, seit Sie die Vorpublikation im Web beschlossen haben?

Jörg Sundermeier: Nein. Die Herausgeber planten ursprünglich eine Publikation ausschließlich im Internet. Dies ist übrigens eine weitere Rolle des Mitherausgebers Conrad Piens, der ebenfalls schon viele Jahre an dem Projekt arbeitet. Er kümmert sich um alle inhaltlichen und technischen Belange des webgebundenen Teils. Ich bin später hinzugetreten und wir haben gemeinsam eine Ausgabe beschlossen, die gleichzeitig auf dem Internet und dem gedruckten Buch fußt. Beide Herausgeber sind außerordentlich buchaffin und haben sich sehr gefreut, dass der Druck zu Stande gekommen ist.

Vieles fehlt auf www.muehsam-tagebuch.de, woran Internetnutzer sich gewöhnt haben: Werbung, Zählung und Auswertung der Nutzer. Warum?

Jörg Sundermeier: Wir brauchen keine Werbung. Usertracking braucht niemand. Uns geht es darum, Projekt und Text vorzustellen und zu verbreiten und den wissenschaftlichen Apparat bereitzuhalten. Das machen wir ohne Sperenzchen.

Beziehen Sie die Internet-Nutzer in die Gestalt des Werkes ein?

Jörg Sundermeier: Wir haben ein Gästebuch eingerichtet und verfolgen die Beiträge aufmerksam. Relevante Anmerkungen werden selbstverständlich in der Redaktion berücksichtigt.

Ist es mit Ihrem Konzept leichter, Fördergelder für eine Werkausgabe zu erhalten?

Jörg Sundermeier: Nein. Diese Ausgabe wird völlig ohne öffentliche Gelder und rein privatwirtschaftlich finanziert. Natürlich wäre es schön, wenn die enorme Arbeit, die in ihr steckt und noch in Zukunft in sie hineingesteckt werden muss, auch finanziell anerkannt würde. Die langen Versuche im Vorfeld, Fördermittel zu erhalten, sind aber leider immer gescheitert. Wir haben den Eindruck, dass bis jetzt unser Konzept bei den Förder-Institutionen noch nicht „angekommen“ ist.

Beginnt so die Zukunft der Werkausgaben?

Jörg Sundermeier: Ja. Bisherige historisch-kritische Ausgaben – soweit sie multimedial sind – gibt es nur auf DVD oder CD. Besonders die Musil-Edition der Universität Klagenfurt wäre in diesem Zusammenhang zu nennen. Die Digitalisierung sorgt für verbesserte Funktion bei Suche, Abgleich, Zitat. Die Internet-Publikation sorgt zusätzlich für verbesserte weltweite Auffindbarkeit der Texte. Die Lektüre aber wird im gedruckten Buch stattfinden, da bin ich mir ganz sicher.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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