Prof. Manfred Spitzer – was ist so schlimm an der virtuellen Realität, auf die die Kids abfahren?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Gehirn- und Lernforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer.

Prof. Dr. Manfred Spitzer, Mediziner, Psychiater und Psychologe, ist Ordinarius für Psychiatrie in Ulm. Seine neurowissenschaftlichen Bestseller sind ebenso beliebt wie die pointierte Art, in der er seine Thesen in der großen und kleinen Öffentlichkeit vorträgt.

Prof. Dr. Manfred Spitzer, wie haben Ihre Kinder die Weihnachtsfeiertage rumgebracht?

Manfred Spitzer

Manfred Spitzer: Meine fünf erwachsenen Kinder ziemlich sicher ohne Fernsehen oder andere digitale Medien und meine kleine Tochter ganz sicher. An Weihnachten gibt es so viel Schönes zu tun, da braucht man diesen multimedialen Unsinn doch wirklich nicht.

Sie gelten als kompromissloser Gegner von Bildschirmmedien – besonders in der Hand von Kindern und Jugendlichen – und ernten damit Zuspruch und Ablehnung. Sprechen die Fakten wirklich eine so eindeutige Sprache?

Manfred Spitzer: Ja, es geht um die Fakten, denn die sind wirklich ganz klar: Bildschirmmedien machen, um es ganz kurz zu sagen, dick, dumm und aggressiv. Es stimmt übrigens nicht, dass ich ein „kompromissloser Gegner“ sei. Ich arbeite selbst am Computer und habe eine eigene wöchentliche Fernsehsendung bei BR Alpha. Wenn Sie nur diese (Dauer eine Viertelstunde) wöchentlich sehen, dann gebe ich Ihnen schriftlich, dass Ihnen das nicht schadet. Wie ganz viele andere Menschen auch arbeite ich am Bildschirm, weil das die Arbeit leichter macht. Aber noch einmal: Etwa ein Sechstel des Übergewichts in den entwickelten Ländern lässt sich auf den Fernsehkonsum zurückführen. Geht man davon aus, dass allein durch zu viel Übergewicht in Deutschland etwa 140.000 Menschen zu Tode kommen, dann tötet das Fernsehen hierzulande jährlich mehr als 20.000 Menschen. Bei geschätzten 70 Milliarden Gesundheitskosten durch Übergewicht (Daten des Gesundheitsministeriums!) bedeutet dies, dass uns die TV-Werbung ca. 15 Milliarden jährlich kostet.
Die Nutzung digitaler Medien gerade in der frühen Kindheit (also im Kindergartenalter und in der Grundschule) führt nachgewiesenermaßen zu Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Lese-Rechtschreibstörungen und allgemeinen Störungen der intellektuellen Entwicklung. Und dass das Einüben aggressiver Handlungen am Computer dann zu mehr Aggression in der realen Welt führt, ist ebenfalls eindeutig nachgewiesen.

Ihr Kollege Jan Fröhlich stellt in seinem jetzt bei [Schattauer erschienenen Buch „Computer und Internet erobern die Kindheit“ auch positive Wirkungen fest – zum Beispiel die, dass der Spieleklassiker Tetris bei der Verarbeitung von Traumata helfen soll, oder dass die Verarbeitung visueller Eindrücke durch interaktive Bildschirmmedien verbessert und beschleunigt werden kann…]

Manfred Spitzer: Die vermeintlichen positiven Wirkungen sind, sofern sie überhaupt vorhanden sind, schwach. Es gibt tatsächlich eine Studie, wonach das Spielen von Tetris nach dem Besprechen eines Traumas dessen Neuverfestigung verhindern könnte. Dies steht im Zusammenhang mit Forschungen zum Phänomen der Rekonsolidierung, d. h. dazu, dass jeder Erinnerungsinhalt, nachdem er erinnert wurde, erneut verfestigt werden muss, um nicht zu verblassen oder verändert zu werden. Ob hier Tetris die beste Variante der Einflussnahme ist, wage ich zu bezweifeln. Das andere von Ihnen genannte Beispiel betrifft die selektive Aufmerksamkeit: Normalerweise fokussiere ich meine Aufmerksamkeit ziemlich scharf, d. h. ich bin genau bei dem Werkstück oder dem Text vor mir. Wenn ich den ganzen Tag Gegner aus dem Weltraum abschieße, die auf jedem Bereich des Bildschirms völlig unvorbereitet auf mich einstürmen, dann muss ich meine Aufmerksamkeit ganz weit verteilen, und wenn ich dies geschafft habe, bin ich tatsächlich in meinen Reaktionen schneller. Anders ausgedrückt: Ich habe mir eine Aufmerksamkeitsstörung antrainiert, denn meine Aufmerksamkeit ist nun nicht mehr fokussiert auf das, was direkt vor mir liegt, sondern auf die gesamte Peripherie auch noch. – Eine andere Studie zum Multitasking hat ebenfalls belegt: Wer noch keine Aufmerksamkeitsstörung hat, der braucht nur viel Multitasking, dann bekommt er eine.

Geht es eigentlich noch darum, wer die Fakten auf seiner Seite hat? Der Run auf australische TV-Serien und Facebook, der Gruppendrucks doch so unaufhaltsam, dass Eltern, selbst wenn sie Ihrer Meinung sind, nur die Wahl zwischen den schlechten Folgen des Medienkonsums und denen der sozialen Ausgrenzung haben.

Manfred Spitzer: Es wird immer behauptet, dass das Fehlen von Medienkonsum zur sozialen Ausgrenzung führe. Studien hierzu belegen jedoch das Gegenteil: Wer seine Zeit mit Twitter, Facebook, Google Plus und beständigem Online-Sein verschwendet, der hat keine wirklichen sozialen Kontakte mehr und er lernt auch kein Sozialverhalten. Im übrigen halte ich das Argument auch für gefährlich: Wenn jeder Unfug macht, dann scheint es okay, diesen Unfug mitzumachen. Das hatten wir schon einmal vor einigen Jahrzehnten. Das Argument sollte gerade in Deutschland kein Gehör finden!

Haben Sie für dieses Dilemma einen verwertbaren Rat? Müssen wir jetzt alle unsere Kinder auf anthroposophische Schulen schicken?

Manfred Spitzer: Erstens existiert dieses Dilemma nicht und zweitens habe ich im Hinblick auf Schulen nur einen Rat: Sehen Sie sich die Schulen gut an, achten Sie auf das Personal und fragen Sie sich, ob ihr Kind in dieser Schule glücklich werden kann. Wenn Sie dies für sich bejahen können, dann schicken Sie ihr Kind auf genau diese Schule. Anthroposophische Schulen machen vieles richtig, solange sie nicht versteinern.

Jetzt mal ins Positive gewendet: Womit sollten denn junge Menschen sich Ihrer Meinung nach besser befassen?

Manfred Spitzer: Ganz einfach: Mit der realen Welt und mit realen Menschen.

Und wie kriegen wir sie da hin? Welche Eltern halbwüchsiger Kinder haben denn überhaupt noch so viel Autorität? Das Ganze muss ja praktikabel sein.

Manfred Spitzer: Das ist ebenfalls ganz einfach, indem wir mit dem Marktgeschrei aufhören, d. h. mit einer beispiellosen Gehirnwäsche, die darin besteht, dass wir ihnen sagen, welche Hardware und Software sie dauern benutzen sollten, um Hip oder In zu sein. Wenn man sie einfach lässt, dann spielen Kinder und Jugendliche lieber Fußball als Ego Shooter. Haben wir jedoch genügend Fußballplätze? – Ein Wort zur Autorität: Wenn Eltern halbwüchsiger Kinder keine Autorität haben, dann geht die Erziehung sowieso schief! Wenn mein Kind von mir möchte, dass ich ihm eine Playstation schenke, dann sage ich ihm, dass es Studien gibt die zeigen, dass der Besitz einer Playstation schon nach wenigen Monaten zu schlechten Noten in der Schule und zu Schulproblemen insgesamt führt. Damit ist für mich der Fall abgehakt. Verschenken Sie etwa zu Weihnachten Schulprobleme und schlechte Noten?

In Ihrem neuen Buch geht es um Arten der Hirn-Entspannung, die sicher ganz in Ihrem Sinne sind. Was hat es damit auf sich?

Manfred Spitzer: In meinem neuen Buch geht es letztlich um neueste Erkenntnisse aus der Gehirnforschung. Der Titel ist etwas provokativ gemeint, etwa in dem Sinne „Ja, selbst darüber hat die Gehirnforschung einiges Interessantes zu sagen“. Weil das im besten Sinne Selbsterfahrung ist, kann man das ganze Buch so nehmen: Man lernt über sich selbst und über seine Mitmenschen!

Können Sie ein Beispiel nennen?

Manfred Spitzer: Ja, gerne. Beispielsweise wissen wir seit wenigen Jahren erst, dass das Gehirn einer neuen frisch gebackenen Mutter unglaubliche Umbauprozesse durchmacht. Während dies geschieht, fühlt sich das Ganze rein subjektiv nach „Matschbirne“ an, das ist aber nur ein Zeichen der Radikalität des Umbaus. Im Grunde genommen ist das Gehirn einige Monate nach der Geburt völlig umgeändert und eben auf die jetzt vorhandene Mutterschaft optimal eingestellt. Das Gedächtnis ist sogar besser als vorher und keineswegs schlechter wie während des Umbaus.

Das klingt sehr interessant, haben Sie nicht noch ein Beispiel?

Manfred Spitzer: Gerne! Wer hätte sich nicht schon einmal danach gefragt, warum man sich nicht an die frühe Kindheit erinnern kann. Lange wurde gerätselt und vor allem auch sehr viel herumspekuliert. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, warum es nur in begrenztem Ausmaß möglich ist, sich an die frühe Kindheit zu erinnern, und dass bei den meisten Menschen das Gedächtnis mit 3, 4 oder 5 Jahren einsetzt. Letztlich wurde auch gefunden, dass es von der intensiven sprachlichen Kommunikation mit den Eltern abhängt, bis wann unsere eigene Erinnerung zurückreicht: Je mehr und je tiefer und emotionaler Geschichten Thema zwischen Eltern und Kind waren, desto früher reichen die Erinnerungen des Kindes zurück. Gerade kulturvergleichende Studien sind hier sehr interessant: Asiaten sprechen wenig über soziale Phänomene und entsprechend können sie sich oft erst an Ereignisse im 5., 6. oder 7. Lebensjahr erinnern. Europäer und Amerikaner sprechen schon eher über Ereignisse und Familiengeschichten und können sich daher auch schon an frühere Lebensphasen (3, 4 oder 5 Jahre) erinnern. Am weitesten zurück geht die Erinnerung bei den neuseeländischen Ureinwohnern, den Maori: Dort bedingt die Kultur, dass man sehr viel über familiäres und persönliches in Geschichtenform schon sehr früh kommuniziert und entsprechend können sich die Angehörigen der Maori an sehr frühe Lebensereignisse (2 Jahre und noch davor) erinnern.

Aller guten Dinge sind Drei. Bitte ein letztes Beispiel!

Manfred Spitzer: Unter dem Titel „Auslagern ins Wolkengedächtnis?“ habe ich versucht, die Auswirkungen moderner Medien auf formale Strukturen unseres Denkens zu charakterisieren. Es geht eben nicht nur, wie oben bereits angesprochen, um falsche Ernährung und Aggressivität, sondern auch um geistige Leistungsfähigkeit. Die Erkenntnisse mehren sich, dass allzu viel Nutzung digitaler Medien unsere geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Betrachten Sie ein ganz einfaches Beispiel: Wer dauernd sein Navi im Auto benutzt, um sich zurechtzufinden, der wird sich irgendwann einmal sehr schwertun, wenn sein Navigationsgerät beispielsweise kaputt ist. Es ist etwa so, wie sich derjenigen schwertut, der immer nur Fahrstuhl und Rolltreppe fährt, wenn er einmal eine Treppe verwenden muss: Seine Muskeln sind nicht mehr so ans Treppensteigen gewöhnt. Nicht anders ist es mit unserem Gehirn, das ebenfalls wie Muskulatur durch den Gebrauch gestärkt wird. Synapsen werden in unserem Gehirn gebrauchsabhängig ständig umgebaut, angebaut, neu gebaut oder entfernt. Gebrauchen wir unser Gehirn für eine bestimmte Funktion nicht, so geschieht vor allem das letztgenannte. Wir müssen uns dann nicht wundern, dass diese Funktion in unserem Geist verkümmert.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

Zur Orientierung und zum Argumentieren sind bei Schattauer neu erschienen:
Manfred Spitzer, Nichtstun, Flirten, Küssen und andere Leistungen des Gehirns. EUR 19,95
Jan Fröhlich/Gerd Lehmkuhl, Computer und Internet erobern die Kindheit. EUR 29,95

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