Raimund Fellinger: Braucht ein Verlag heute noch eine Heimat?

Freitag nachmittag – was, schon fünf Uhr? Die Woche ist geschafft – Sie auch? Doch bevor Sie bis Montag den Computer herunterfahren, lesen Sie noch die „Wasserstandsmeldung“, die Verlagsberater Michael Lemster den Großen der Branche abfordert – diesmal Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger.

Raimund Fellinger ist mit seinem Verlag verwachsen wie kaum eine andere Figur in der Branche. Seine enge Beziehung zu seinen großen Autoren macht ihn zu einer der einflussreichsten Personen in der deutschen Kulturlandschaft, deren Zuständigkeiten weit über das Geschäft des Büchermachens hinausgehen.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

Raimund Fellinger
Foto: HaraldSchröder

Herr Fellinger – haben Sie sich für immer in Berlin angesiedelt, oder haben Sie noch einen Koffer in Frankfurt?

Raimund Fellinger: Ich habe noch ein Haus mit Büro in Frankfurt. Meinen Ruhestand werde ich in Frankfurt verbringen.

Wann waren Sie das letztemal in Frankfurt in der Lindenstraße?

Raimund Fellinger: Das letztemal war ich Anfang Januar 2010 dort, kurz nach dem Umzug. Ich wollte nochmal nachsehen, ob bestimmte Sachen mitgenommen worden sind, die für das Deutsche Literaturarchiv in Marbach bestimmt waren.

Hat Sie das mitgenommen?

Raimund Fellinger: Man kann nicht so tun, als wäre man nicht mitgenommen vom Abschied aus einem Gebäude, in dem man 30 Jahre gearbeitet hat. Es hängen Erinnerungen daran an Kollegen, Autoren und viele, viele Bücher. – Aber der Wechsel nach Berlin hieß ja nicht Schnitt – es ging darum, die Tradition wieder aufzugreifen. Wir sind ja nicht nach New York gezogen, um zum Global Player der verwechselbaren Art zu werden.

Was ist anders geworden durch den Umzug des Verlags nach Berlin?

Raimund Fellinger: Es ist vielleicht noch ein bisschen früh, das zu resümieren, aber provisorisch kann ich sagen, dass Berlin eine Stadt ist, in der Sie in der Öffentlichkeit mehr Raum haben, zum Beispiel für Veranstaltungen. Wir haben den edition suhrkamp-Laden …

… einen Veranstaltungsort im Suhrkamp-Regenbogen-Design, der gleichzeitig eine Buchhandlung war…

Raimund Fellinger: … vorgestellt und am selben Abend eine Koeppen-Veranstaltung durchgeführt, und in der Fasanenstraße hatte ein junger Autor eine Lesung. Und das war noch nicht alles.

Können Sie mit Ihrer personellen Decke so viele Veranstaltungen bestreiten?

Raimund Fellinger: Wir allein sicher nicht, aber unsere Partner, zum Beispiel aus dem Buchhandel, unterstützen uns.

Hat der Verlag das erreicht, was er sich mit dem Umzug vorgenommen hat?

Raimund Fellinger: Der Verlag ist in Berlin angekommen mit allen Konsequenzen. Er ist auch angenommen. Er hat sich selber in Berlin verortet. Er weiß, dass er gleichzeitig die Tradition fortsetzen und sich der Zukunft stellen muss – denken Sie an iPad oder E-Books. Der erste Schritt ist gelungen, der Weg stimmt, wir sind sicher, dass wir nach der Bewältigung der Brechtschen „Mühen der Gebirge“, um im Bild zu bleiben, auch die Mühen der Ebene erfolgreich durchgehen können.

Braucht ein Verlag heute noch eine Heimat?

Raimund Fellinger: Ich möchte nicht sophistisch sein, aber diese Frage enthält viele Voraussetzungen. Wir reden im Fall des Suhrkamp Verlags – das ist nicht arrogant gemeint – nicht von einem Konzernverlag. Konzernverlage brauchen keine Heimat, sie suchen international nach Autoren und Büchern, die sie dann möglichst international abspielen. Das Ganze umgeben sie dann mehr oder weniger erfolgreich mit Autoren, die nur im jeweiligen Land etwas gelten. Die Unabhängigen müssen in ihrer Kultur verwurzelt sein.

Ist diese Kultur an einen bestimmten Ort, eine Heimat gebunden?

Raimund Fellinger: Zunächst müssen die Menschen natürlich irgendwo wohnen und arbeiten können. Ich möchte aber „Heimat“ im Sinn eines unverwechselbaren Profils definieren. Ein Verlag wie Suhrkamp braucht und pflegt ein unverwechselbares Profil. Dieses Profil gedeiht möglicherweise an einem bestimmten Ort besser als an einem anderen. Die Kultur in Berlin ist nicht nur rein physisch eine andere als in anderen Städten. Berlin ist in politischer Hinsicht internationaler und überhaupt ganz anders organisiert als Frankfurt, wo der Finanzsektor das Klima wesentlich mitbestimmt. Das muss aber nicht sichtbar in die Programmstruktur eingehen.

Geht die Öffentlichkeit mit dem Suhrkamp Verlag fair um? Die Presseberichte über die neu etablierten Verlags-Montage in der Unseld-Villa in der Klettenbergstraße klangen kritisch mit einem leicht hämischen Unterton.

Raimund Fellinger: Ich habe das anders gelesen. Das mag daran liegen, dass ich den Abend veranstaltet habe. Wir haben uns abgewöhnt, Fairness zu erwarten. Aus Gründen, die dem Verlag gut tun, wenn auch nicht immer, gilt der Suhrkamp Verlag als nationales Kulturgut. Jeder hat das Recht, dazu seine Meinung zu äußern wie über die Fußball-Nationalmannschaft. Wenn da ein Spieler ausscheidet, geht immer auch eine große Debatte los, ob das dem Team gut tut. Dasselbe geschieht, wenn ein Autor den Verlag wechselt. Damit muss man leben. Es ist zwar anstrengend, denn man fühlt sich ständig unter Beobachtung. Aber wie gesagt, wir haben lernen müssen, damit zu leben. Wir sind im Gespräch – nicht im Gerede – und das ist gut so.

Ein Bericht über die Berliner Einweihungsfeier vergangenes Jahr nannte das Autoren-Lineup „ehrfurchtgebietend“. Verdienen Menschen, die sehr gut schreiben können, Ehrfurcht? Sagen wir mal, mehr als Menschen, die sehr gut kochen können?

Raimund Fellinger: (Pause) Sie stellen vielleicht Fragen. Da müssten wir zunächst die generelle Debatte führen: was ist wichtiger, zu kochen oder zu lesen? Das kann man nicht gegeneinander ausspielen. Ohne Essen kann man nicht leben – aber was wäre ein rein bauchorientiertes Leben ohne das Lesen? Das Erstellen eines achtgängiges Menüs – ich kenne mich da nicht so aus, obwohl ich gerne ausführlich esse – dauert vielleicht acht Stunden. Die Anstrengungen, die ein Literat macht, erfordern eine längere Aufmerksamkeitsspanne, es sind völlig andere Anforderungen, das Literarische fordert den ganzen Menschen. Zum Beispiel wenn Peter Handke wandert, um das Material für sein neues Werk zu sammeln.

Ist es also eher die Haltung, die den Respekt verdient?

Raimund Fellinger: Ohne das gute Ergebnis nützt die beste Haltung nichts. Den besonderen Respekt fordern die Haltung und die Leistung.

Sie benutzen heute kein Mobiltelefon. Empfinden Sie das als Privileg?

Raimund Fellinger: Ich hab es ausgeschaltet, es ist zu früh am Tag. Es wird 10 bis 11 Uhr, bis die Post im Verlag ist und manchmal im Einzelnen durchgesprochen werden muss. Ich habe meinen Laptop dabei. Man ist angebunden. Man muss sich dazu verhalten lernen – das bedeutet, auch einmal den Gesprächspartnern zu signalisieren, dass eine Antwort vom Inhalt und der Form besser geraten könnte, wenn sie nicht unmittelbar geschieht, sondern ein wenig Bedenkzeit darüber hingeht.

Was haben Sie sich für kommende Woche vorgenommen?

Raimund Fellinger: Wenn ich das jetzt auswendig wüsste… Montag nachmittag habe ich eine Sitzung mit der Arno-Schmidt-Stiftung. Die erste gesetzte…

… also nicht aus dem Typoskript des Autors gedruckte…

Raimund Fellinger: … Ausgabe von „Zettels Traum“ im Dezember war gemessen an der Tatsache, dass das Buch über 30 Jahre alt ist, ein Riesenerfolg. Wir haben 4.000 Expl. verkauft, dazu kommen Vorzugs- und Studienausgabe. Jetzt müssen wir sehen, wie wir angesichts dieses Erfolgs weitermachen. Am Dienstag haben wir „Titel Thesen Temperamente“ im Haus; der Anlass ist eine geplante Dokumentation Anfang Februar über Thomas Bernhard, der am 9. Februar seinen 80. Geburtstag feiern würde. Zu diesem Jubiläum zeigen – um das hier einmal anzukündigen – die Literaturhäuser im gesamten deutschen Sprachraum die Thomas-Bernhard-Dokumentation von Norbert Beilharz. Ich greife hier nur Salzburg, Leipzig und Stuttgart heraus. Am Mittwoch kommen die Fahnen von Cees Nootebooms neuem Roman „Schiffstagebuch“, die werde ich mit dem Korrektor durchsprechen. Um Peter Handkes neue Erzählung „Der Große Fall“ werde ich mich kümmern, um das neue internationale Insel-Programm mit seiner großen Neuerscheinung „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia; dann gibt es Programmsitzungen und Marketingsitzungen, und am Freitag werde ich einen Vortrag für das Thomas-Bernhard-Jubiläum vorbereiten. Das mache ich nicht in Berlin.

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