Reimer Ochs – können Sie über deutsche Gerichte noch lachen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Fischer-Justiziar Reimer Ochs.

Reimer Ochs hat als vermutlich dienstältester deutscher Verlagsjustiziar wohl schon „alles gesehen“. Seit rund einem Vierteljahrhundert streitet er für die Fischer Verlage – neuerdings für die Satire Ein Traum von einem Schiff von Christoph Maria Herbst, die fast zwei Monate nach ihrem Erscheinen aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen aus dem Verkehr gezogen werden soll. [mehr…]

Können Sie über deutsche Gerichte noch lachen?

Reimer Ochs
© Martin Spieles

Reimer Ochs: Von Natur aus bin ich ein fröhlicher Mensch, ich hatte aber in den Jahrzehnten meiner Anwaltschaft wenig Anlass, aus meinem Beruf Frohsinn zu schöpfen. Schließlich sind die Dinge, die ich verhandeln muss, immer die Konflikte. Einige Entwicklungen der letzten Jahre bereiten mir richtig Sorgen. Konkret insbesondere über das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Übersetzerhonorierung…

… dem zufolge der Übersetzer im Fall einer Lizenzvergabe eine Nachhonorierung in Höhe von 20 % des Autorenhonorars beanspruchen kann …

Reimer Ochs: Dieses Urteil ist viel bedeutender und konsequenzenreicher für die Verlagswirtschaft als der Einzelfall Christoph Maria Herbst. Nach dem wegweisenden Urteil des Verfassungsgerichts im Fall Esra hätte ich allerdings beim Traumschiff nicht mit einer solchen Entscheidung gerechnet. Bei offensichtlich und erklärtermaßen frei erfundenen Protagonisten einer Satire eine Verbindung zu einer realen Person zu unterstellen – das ist tatsächlich zum Lachen. Es erinnert an den legendären Fehlschluss: „Immanuel Kant hat einen Zopf – Indianer haben Zöpfe – also ist Kant ein Indianer“. Dass ein Gericht sich dem anschließt und zur schärfsten Waffe greift – dem Rückruf eines Mediums aus dem Handel –, wird uns allein 30.000 Euro Handling-Aufwand kosten. Spätestens bei dieser Überlegung vergeht einem wieder der Humor.

Warum erfährt die Öffentlichkeit im Fall Ein Traum von einem Schiff nicht den Namen des Antragstellers der Einstweiligen Verfügung?

Reimer Ochs: Wir nennen keine Namen, denn es gibt keine Verbindung zu realen Personen. Wir sind aber nicht dazu verpflichtet worden, zu schweigen.

Welche Motive vermuten Sie hinter dem Antrag?

Reimer Ochs: Offenbar hat es irgendwelchen Leuten nicht behagt, dass Christoph Maria Herbst eine Satire über ein Phänomen wie das Traumschiff veröffentlicht. Da scheint es an Humor zu fehlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand tatsächlich glaubt, er selbst sei gemeint.

Wer im Internetzeitalter ein Buch aus dem Verkehr zieht, leistet dem illegalen Download Vorschub – weiß das der Antragsteller nicht?

Reimer Ochs: An diese Möglichkeit müssen sich Öffentlichkeit und Gerichte wohl erst gewöhnen. Wir haben sie nicht verursacht, ich muss aber gegen den Download vorgehen.

Ist das Leben für Verlags-Justiziare in den letzten Jahren schwieriger geworden?

Reimer Ochs: Aufregender, wollen wir mal sagen. Es begann 2002 mit dem neuen Urhebervertragsrecht, das mich immer noch empört. Denn es berechtigt einen Urheber, der heute als freies Rechtssubjekt einen Vertrag mit Ihnen aushandelt, morgen wie ein Achtjähriger daherzukommen und zu klagen: „Ich halte den Vertrag für unangemessen!“ Das hebelt den Rechtsgrundsatz „Pacta sunt servanda“ aus und spottet jeder Verhältnismäßigkeit. Zusätzlich wird es den Einzelfällen nicht gerecht: Bei einem Band albanischer Lyrik liegt der schöpferische Anteil des Übersetzers bei 50 %, während es in Deutschland vielleicht 20.000 Menschen gibt, die einen Band mit Erinnerungen von Barack Obama übersetzen können – das ist geistiges Handwerk im besten Sinne.

Bekommen Sie solche Fälle jeden Monat auf den Tisch?

Reimer Ochs: Konkret sind wir in der erfreulichen Situation, dass wir mit allen unseren Urhebern vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Kann es sein, dass die Übersetzer sich vor Gericht leichter durchsetzen konnten, da sie rhetorisch geschickter sind als Putzfrauen oder Bauarbeiter?

Reimer Ochs: Ich hoffe doch sehr, dass Übersetzer rhetorisch geschickt sind.

Haben Sie nach einer solchen Woche „den Kanal voll“?

Reimer Ochs: Nein, die Arbeit bringt auch Spaß, die Fischer Verlage sind ein kreatives Haus in einer tollen Branche, und ich bin privilegiert, darin zu arbeiten.

bild(l, 21827)Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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